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Zweiter Weltkrieg
 

Alles Verbrecher

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Zeitungsausschnitt: der Leser wird hinters Licht geführt Foto: JF

Der Dienstag vorletzter Woche brachte eine Menge Aufregung um ein neues Buch. Die Historiker Sönke Neitzel und Harald Welzer haben in England alte Abhörprotokolle über Gespräche deutscher Kriegsgefangener gesichtet, eine Auswahl an griffigen Äußerungen zusammengestellt und veröffentlicht. Damit wollen sie der Brutalisierungswirkung des Krieges nachspüren, die an diesen Stellen zum Ausdruck kommen soll. So weit, so fragwürdig.

Ursprünglich hatte Neitzel selbst Vorbehalte gegen den Wert der Protokolle geäußert, weil die Briten damals nachweislich Provokateure mit dem Auftrag zu Scheingeständnissen unter die Gefangenen schleusten, buchstäblich jede Selbstanklage also eine Lüge sein könnte. Sein 2005 erschienenes Werk „Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945“, das auf verwandten Abhörprotokollen von deutschen und italienischen Generalen in britischer Gefangenschaft von Trent Park fußte, wurde damals auch aus diesen quellenkritischen Einwendungen kritisiert.

Aufmerksamkeit erst durch die Bild-Zeitung

Vielleicht hätte das aktuelle Buch des seit 2010 in Saarbrücken lehrenden Neitzel und des Essener Sozialpsychologen Harald Welzer deshalb nur durchschnittliche Aufmerksamkeit erreicht, wenn sich nicht eines der großen Printmedien der Republik skandalwitternd auf das Thema gestürzt hätte: die Bild-Zeitung.

Auf gewaltigen zwei Drittel einer Zeitungsseite berichtete das Blatt über den „Riesen-Wirbel“ um das Buch, den Bild mit seiner Exklusivgeschichte noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin selbst erst erzeugte. Zwei groß aufgemachte Bilder aus dem Weltkrieg, unterlegt von herausgehoben gesetzten Begriffen „grausam“ und „Wehrmacht“ sollten den Leser richtig einstimmen. Über die beiden Bilder wurden zugleich starke Behauptungen aufgestellt, passend zu den brutalen Äußerungen, die Neitzel und Welzer präsentieren.

Eines sollte laut Bild die „Erschießung von Geiseln“ im serbischen Pancevo zeigen, das andere „einen Wehrmachtssoldaten an der Ostfront“, dessen angelegtes Gewehr in Richtung einer Jüdin zeigt, die sich abwendet und dabei ihr kleines Kind schützend auf dem Arm trägt. Ob der Uniformierte schießt, geht aus dem Bild nicht hervor. 

Beide Bilder sind derart bekannt, daß sie gewissermaßen zur Ikonographie des Zweiten Weltkriegs gehören. Sie rühren an und scheinen Verbrechen so plastisch zu illustrieren, daß auch die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung damals das Pancevo-Bild verwendet hat. Spätestens seit dieser Zeit ist aber auch bekannt, daß die in Bild abgedruckten Angaben falsch sind – zu beiden Bildern.

Was den „Wehrmachtssoldaten an der Ostfront“ mit dem angelegten Gewehr betrifft, so ist er eben kein Wehrmachtssoldat, sondern Angehöriger einer Einheit des Sicherheitsdienstes der SS, einer sogenannten Einsatzgruppe. Jeder kann sich darüber beispielsweise auf den Internetseiten des US-Holocaustmemorials informieren, auf denen auch das vollständige Bild zu sehen ist, nicht nur der Bildausschnitt mit Uniformiertem und Frau.

„Geiselerschießung“ war legitime Exekution

Die Behauptung über die angebliche Geiselerschießung in Pancevo zog im Rahmen der Wehrmachtsausstellung eine ganze Reihe von Prozessen nach sich. Das Hamburger Institut ging juristisch gegen Personen vor, die seine Darstellung der Ereignisse als einer Geiselerschießung in Zweifel zogen. Es hätte sich nach deren Aussage nicht um Geiseln gehandelt, sondern um Personen, die zuvor in einem Prozeß wegen Mordes an deutschstämmigen Zivilisten und Wehrmachtssoldaten verurteilt worden seien.

Nach einigem Hin und Her war die Sache geklärt. Ja, es hat einen Mordprozeß gegeben und das Bild zeigt keine Geiselerschießung, sondern die Hinrichtung der dort Verurteilten.

Hier blieb in der Bild-Berichterstattung wohl die journalistische Sorgfaltspflicht auf der Strecke. Bemerkenswert bleibt, wie der Eifer, den angeblichen „Mythos der ‘sauberen Wehrmacht’“ (O-Ton Bild) anzugreifen, seine eigenen, immergleichen Desinformationen und Bildmythen offenbar untrennbar hinter sich herzieht und eine Brutalisierung der Berichterstattung produziert. Im Kontext dieses Qualitätsjournalismus paßt dann letztlich, daß auch das dritte größere Foto, das in Bild zu sehen war (angeblich deutscher Soldat belästigt Frau sexuell) vom Historiker Werner Maser schon vor Jahren als Fälschung entlarvt wurde.

(JF 18/11)

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