Eine Dissidenz der Blauäugigen

Im Sommer 1980 wurde ein Streik der Arbeiter auf der Danziger Leninwerft zum Ausgangspunkt für eine der größten Oppositionsbewegungen im kommunistischen Herrschaftsbereich. Die Gründung der ersten freien Gewerkschaft Solidarnosz weckte nicht nur in Polen, sondern auch in den anderen sowjetischen Satellitenstaaten neue Hoffnungen auf eine Alternative zur totalitären Diktatur. Innerhalb weniger Monate traten über neun Millionen Menschen der Solidarnosz bei. Zu ihren Hauptforderungen zählte neben der Gewährung der Koalitionsfreiheit von Arbeitern, Meinungsfreiheit und der Unabhängigkeit von der Sowjetunion eine allgemeine Verbesserung der sozialen Lage. Nur sechzehn Monate nach ihrer Gründung wurde die Solidarnosz im Zuge der Verhängung des Kriegsrechts wieder aufgelöst. Doch es blieb der Mythos von einer Bewegung, der auch über das Ende der kommunistischen Ära in Mitteleuropa hinaus bis heute weiterwirkt. Aber was verbirgt sich genau hinter diesem Mythos? Und was wurde aus den Ideen der Solidarnosz? Gewinnen sie im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise wieder an Bedeutung? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Diskussionsabends, den die Heinrich-Böll-Stiftung Ende Januar im Haus der preußisch-brandenburgischen Geschichte in Potsdam veranstaltete. Zur Debatte über „Solidarität 1980–1989–2009“ hatte sie den Historiker Karol Modzelewski, einen langjährigen polnischen Oppositionellen, sowie den DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin eingeladen. Modzelewski erinnerte zunächst daran, daß „entgegen einiger heutiger Darstellungen“ das Ziel der Solidarnosz nicht in der Einführung einer liberalen Marktwirtschaft bestand. Vielmehr habe sich die Gewerkschaft bewußt auf zwei sozialistische Grundideen berufen. Zum einen war dies der Gedanke einer kollektiven Solidargemeinschaft. Der wesentliche Unterschied zum kommunistischen Ideal habe für die Solidarnosz jedoch darin gelegen, daß für sie Kollektive „nur auf dem Prinzip von freiwilliger Zusammenschlüsse beruhen konnten“. Zum anderen berief sich die Bewegung auf das Gleichheitsprinzip. So wurde kritisiert, daß häufig weit weniger Lohn ausgezahlt wurde als tariflich festgelegt. Aus heutiger Sicht erschienen diese Ansätze eher utopisch und illusionär, so Modzelewski. Dennoch habe die Solidarnosz viele Menschen bestärkt, „daß es sinnvoll ist, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen“. Nach der Machtergreifung Gorbatschows lebte der alte Mythos der Solidarnosz schnell wieder auf. Als 1988 erneut gestreikt wurde, übernahm jedoch bereits eine andere Generation die Führung. Templin erinnerte mit Blick auf die Geschichte der Solidarnosz daran, daß fast alle Widerstandsaktionen im ehemaligen Ostblock ein Doppelgesicht aufgewiesen hätten: Auf der einen Seite stand der Kampf um die nationale Freiheit der einzelnen Länder und die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Zum anderen ging es immer zugleich um die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Dies habe sich ebenso beim Aufstand vom 17. Juni 1953 gezeigt wie Jahrzehnte später bei der polnischen Solidarnosz. Templin wies zudem darauf hin, daß sich aus diesen Gründen der Blick der DDR-Opposition lange Zeit sehr stark am alten sozialstaatlichen Modell der Bundesrepublik orientiert habe. Für viele Bürgerrechtler sei daher ein zentrales Anliegen nach 1990 gewesen, den Übergang in das neue System ohne größere wirtschaftliche Verluste abzufedern. Dies erscheine aus heutiger Sicht freilich als „blauäugig“, räumte Templin ein. Nun eröffne jedoch gerade die aktuelle Wirtschaftskrise die Möglichkeit für einen anderen Blickwinkel. Insbesondere die während der Regierungszeit unter Bundeskanzler Schröder betriebene Politik, in der ständig gefordert wurde, alles auf die „Leistungsträger“ der Gesellschaft auszurichten, sei mit der Krise in Frage gestellt. Das allgemeine Bewußtsein für den Wert einer solidarischen Gemeinschaft habe wieder zugenommen, resümierte Templin.

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