Ein Umsturz ohne Steuerung

Nachdem bereits am 28. Oktober 1918 die Parlamentarisierung Deutschlands durch ein Reichstagsgesetz erfolgt war, beseitigte die Revolution vom November im Endeffekt nur noch den monarchischen Zierat und setzte an dessen Stelle die systematisierte Verfassung einer parlamentarischen Demokratie. Viel mehr hatten die wichtigsten oppositionellen Kräfte des Kaiserreichs weder vor noch in der Revolution angestrebt. Dies gilt nicht nur für Zentrum und Liberale, sondern im wesentlichen auch für die Führer der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD). Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann hatten sich im November nicht zuletzt deshalb an die Spitze der Revolution gesetzt, um sie in die Richtung einer bürgerlichen parlamentarischen Republik, versehen mit einigen zusätzlichen sozialen Errungenschaften, zu kanalisieren und einen weitergehenden Umsturz zu vermeiden. Neben der (M)SPD und aus ihr heraus hatten sich allerdings bereits vor 1918 eine Reihe von neuen radikalen linken Gruppierungen gebildet. Dazu gehörten neben der recht großen U(nabhängigen)SPD und einer Reihe von kleinen syndikalistisch-anarchistischen Gruppierungen auch der ebenfalls zunächst nur kleine, aber aktivistische Spartakusbund unter Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, aus dem Anfang 1919 die KPD hervorging. All diesen Kräften genügte der bloße Verfassungsumbau von 1918/19 bei weitem nicht. Auch wenn die Vorstellungen, welche Endziele auf welchen Wegen zu erreichen seien, erheblich divergierten, teilten diese Gruppen doch die Überzeugung, daß nach der Novemberrevolution eine „zweite Revolution“, ein vollständiger, nicht nur politischer, sondern auch sozialer „Umsturz“ der alten Verhältnisse in Deutschland nötig sei. Es sollte sich allerdings zeigen, daß das Lager links von der MSPD politisch zu zersplittert und im Falle der KPD bis Ende 1920 zu klein und zu schlecht organisiert war, um eine solche Zweite Revolution tatsächlich von sich aus einleiten und durchführen zu können. Gereizte Grundstimmung in Teilen der Arbeiterschaft Weit gefährlicher war die in weiten Teilen der deutschen Arbeiterschaft nach dem November 1918 unabhängig von allen revolutionären Zukunftshoffnungen herrschende äußerst gereizte Grundstimmung. Diese wurde geprägt von der Enttäuschung über ihre sich durch Inflation und Arbeitslosigkeit immer weiter verschlechternde wirtschaftliche und soziale Lage sowie vor allem von einer diffusen Angst vor einem „Gegenschlag“ der „Reaktion“. Vor allem diese Angst – die als Furcht vor einer von reaktionären Kräften betriebenen Sabotage der Beendigung des Krieges bereits maßgeblich zur Novemberrevolution beigetragen hatte (JF 46/08) – war 1918 bis 1920 dafür verantwortlich, daß sich wiederholt aus oft banalen Anlässen bürgerkriegsähnliche Zustände entwickelten. Dies zeigte sich erstmals in den Weihnachtskämpfen 1918 in Berlin, als die neue Regierung der „Volksbeauftragen“ unter Ebert gegen die „Volksmarinedivision“ im Berliner Stadtschloß und im Regierungsviertel vorging. Es ging dabei nicht um politische Fragen, sondern um die Unterbindung von Diebstählen und die Regelung der Besoldung. Als Ebert nun nach einer Geiselnahme seitens der Matrosen reguläre Truppen einsetzte, sahen sich diese bald auch mit roten Soldatenwehren und bewaffneten Arbeitern konfrontiert und mußten sich nach kurzen Kämpfen sogar aus der Innenstadt zurückziehen. Das Kriegsministerium übernahm nun der rechte Sozialdemokrat Gustav Noske, der sich dazu bereit fand, „den Bluthund zu machen“. Er sollte in den folgenden Monaten dazu reichlich Gelegenheit haben und wurde in den Augen der extremen Linken zur Haßfigur. Zumal da er zur Niederschlagung von linken Aufständen zunehmend auf die neu gebildeten, politisch meist vehement antilinken Freikorps zurückgreifen mußte, weil sich die aus dem Feld zurückgekehrten Verbände des alten Heeres als weitgehend untauglich zum Einsatz im Inneren erwiesen. Revolution en miniature in Münchner Räteherrschaft Zu neuen blutigen Auseinandersetzungen in Berlin kam es Anfang Januar 1919. Anlaß war diesmal der Versuch der Regierung, den der USPD angehörenden Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn abzusetzen, dessen Sicherheitswehren im Dezember die Volksmarinedivision unterstützt hatten. Aus Protest gegen das Vorgehen Eberts kam es am 5. Januar zu neuen Aufläufen, wobei ein Teil der Demonstranten Waffen trug. Eine breite Allianz linksextremer Kräfte unter Einschluß der KPD bildete einen „provisorischen Revolutionsausschuߓ, der sogleich den Sturz der neuen Regierung und den bewaffneten Kampf proklamierte. Der folgende „Spartakus-Aufstand“ trug aber eine Reihe von spontanen Zügen und unterstand keineswegs einer einheitlichen kommunistischen Leitung. Gegen ihn setzte Noske neben loyalen Truppen erstmals auch Freikorps ein, die ihn bis zum 13. Januar blutig niederschlugen. Zwei Tage später ermordeten Freikorpsangehörige Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und beraubten damit die KPD ihrer bekanntesten Führer. Im Frühjahr 1919 kam es unter dem Eindruck der Berliner Ereignisse sowie der für die radikalen Linken enttäuschenden Ergebnisse der Wahlen zur Nationalversammlung in einer Reihe von deutschen Städten zu weiteren Aufständen, teilweise verbunden mit der Ausrufung von kurzlebigen Räterepubliken wie in Bremen, Braunschweig und Mannheim, sowie zu einer Welle von meist „wilden“ Streiks in vielen Teilen des Reiches. In Berlin entwickelten sich im März 1919 im Zuge eines Generalstreiks gegen den Willen der Streikleitung zunächst kleinere Straßenkämpfe. Noske, unter dem Eindruck von falschen Meldungen über den Mord an sechzig Polizisten, ging dagegen mit aller Härte vor. Erneut kam es in der Hauptstadt zu schweren Kämpfen, die über eintausend Tote forderten. Eine einheitliche politische oder gar militärische Steuerung dieser bürgerkriegsähnlichen Unruhen gab es nicht, auch wenn linksradikale politische Gruppen, insbesondere die KPD, diese immer wieder für ihre Ziele zu instrumentalisieren versuchten. Aber das bolschewistische Modell, der Umsturz durch eine entschlossene aktivistische Minderheit in einer durch vorangehende revolutionäre Erschütterungen extrem desorientierten Umgebung, stand damals jedem als drohendes oder vorbildliches Beispiel deutlich vor Augen. Stellte dieses für die SPD einen negativen Fixpunkt dar, so für die KPD zweifellos den positiven, auch wenn ihr organisatorisch und von ihrem Personal her die Voraussetzungen für eine erfolgreiche reichsweite Machergreifung zunächst fehlten. Die „Bolschewisten-Furcht“ der SPD-Führung mag aus der historischen Rückschau so zwar als übertrieben erscheinen. Vor dem Hintergrund der gereizten Stimmung und der Ängste großer Teile der deutschen Arbeiterschaft bestand allerdings jederzeit die Gefahr, daß aus geeigneten Anlässen rasch „revolutionäre“ Situationen entstehen konnten, die linksextremen Kräften Gelegenheiten zum Vorantreiben ihrer Pläne boten. Die realen Erfolgsaussichten, daß daraus eine Zweite Revolution, ein Deutscher Oktober werden würde, mögen gering gewesen sein. Die Gefahr der Destabilisierung der demokratischen Republik und der Vertiefung der politischen Fronten im Lande war allemal real genug. Die Episode der „Münchener Räterepublik“ zeigte zudem, daß auch in Deutschland die russische Oktoberrevolution zumindest en miniature kopierbar war. In Bayern wurde nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD), gestützt von der Empörung der Arbeiter über den Anschlag der „Reaktion“, am 7. April 1919 eine Räterepublik ausgerufen. Die vom Landtag neu gewählte reguläre parlamentarische Regierung unter Johannes Hoffmann (SPD) sah sich gezwungen, München zu verlassen, während in der Stadt zunächst eine Gruppe von anarchistischen Intellektuellen die Macht übernahm. Am 13. April wurde ein Putsch einer loyalen „Schutzwehr“ gegen die Räterepublik von einer unter kommunistischer Führung im Aufbau befindlichen „Roten Armee“ blutig niedergeschlagen. Die KPD, die innerhalb der radikalen Linken in Bayern nur eine Minderheit bildete, nutzte die Gelegenheit und rief eine zweite, nun „kommunistische Räterepublik“ unter ihrer Führung aus. Diese baute sofort die repressiven und militärischen Mittel zur Selbstbehauptung aus und vermehrte die „Rote Armee“ auf 6.000 bis 10.000 Mann. Die exilierte reguläre Regierung ging dagegen mit Hilfe eigener Freikorps sowie regulärer Truppen vor, konnte München allerdings erst Anfang Mai zurückerobern, wobei es auf beiden Seiten zu blutigen Exzessen kam, die 600 bis 1.000 Tote kosteten. KPD-Aufstände scheiterten am Unwillen vieler Arbeiter Damit war die Zeit der Aufstände von links noch nicht beendet. Doch ist bezeichnend, daß der bedeutendste von ihnen, der Ruhraufstand von 1920, nicht von linksradikalen Gruppen organisiert wurde, sondern relativ spontan entstand. Als – nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch und der Ausrufung eines dagegen gerichteten Generalstreiks – im März 1920 Reichswehr- und Freikorpstruppen von zweifelhafter politischer Loyalität in das Ruhrgebiet vorzurücken versuchten, reaktivierte dies in der Arbeiterschaft alte Ängste vor einem Gegenschlag der „Reaktion“. Es kam zu massenhaftem spontanem, weitestgehend improvisiertem militärischem Widerstand. Die so geschaffene „Rote Ruhrarmee“ von etwa 50.000 Mann konnte sogar für zwei Wochen das gesamte Ruhrgebiet militärisch behaupten, ohne indes je eine einheitliche politische und militärische Leitung zu besitzen. Wo hingegen die Ende 1920 organisatorisch und personell erheblich erstarkte KPD aus eigener Initiative einen Aufstand einzuleiten versuchte wie bei den Märzaktionen 1921 in Mitteldeutschland oder den Bemühungen, 1923 im Zuge der Ruhr- und Inflationskrise einen Deutschen Oktober einzuleiten, scheiterte sie bereits im Ansatz am Unwillen der meisten Arbeiter, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen. Bild: Spartakisten nehmen Wachposten ihre Maschinengewehre ab, Berlin 1919: Im Ansatz gescheitert Bild: Gefangener Spartakist wird abgeführt: „Bolschewisten-Furcht“

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