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Der andere Darwin

Von Charles Darwin bekannt sind vor allem seine beiden großen, schon damals in hohen Auflagen erschienenen und trotzdem nach wenigen Tagen vergriffenen Werke, die die Thesen von der Evolution in die Welt hinaustrugen: „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ (1859) und „Die Abstammung des Menschen“ (1871). Sein drittes Hauptwerk erschien bereits im darauffolgenden Jahr und wurde umgehend ins Deutsche übersetzt unter dem Titel „Der Ausdruck der Gefühle von Mensch und Tier“. Auch dieses Werk greift auf die unzähligen Beobachtungen und Eindrücke seiner Weltreise zurück, hat aber eine deutlich andere Ausrichtung und Zielsetzung, die sich bereits aus dem Titel ergibt: Mehr als um organisch-anatomische Beweise für die Evolution geht es Darwin hier um emotionale und verhaltensorientierte Gemeinsamkeiten von Tier und Mensch. Das Buch – im Unterschied zu den anderen heute noch als Marksteine der Evolution gefeierten Hauptwerken erstaunlicherweise so gut wie vergessen – erweist Darwin als einfühlsamen und feinsinnigen Beobachter, als Begründer der modernen Verhaltensforschung und der Tierpsychologie. Beginnen wir bei den Quellen, denen die in diesem Buch veröffentlichten und ausgewerteten Kenntnisse entstammen: Jene waren ebenso verschiedenartig wie diese umfassend und reichhaltig. Eine seiner Quellen ist die systematische Beobachtung des Ausdrucks an Kindern. „Mein erstes Kind wurde am 27. Dezember 1839 geboren, und ich fing sofort an, mir über das erste Dämmern der verschiedenen Ausdrucksformen, welche der Knabe darbot, Notizen zu machen; denn ich fühlte mich überzeugt, selbst schon in dieser frühen Zeit, daß die allerkompliziertesten und feinsten Schattierungen des Ausdrucks sämtlich einen allmählichen und natürlichen Ursprung gehabt haben müssen.“ Den Kindern galt deshalb seine besondere Aufmerksamkeit, weil diese ihre seelischen Zustände intensiver und weniger verdeckt durch Konvention und Verstellung darbieten. Darwin dürfte der Erfinder des systematischen und wissenschaftlich auswertbaren Elterntagebuches sein. „An zweiter Stelle kam mir der Gedanke, daß man Geisteskranke studieren müsse, da sie Ausbrüchen der stärksten Leidenschaften ausgesetzt sind, ohne sie irgendwie zu controliren.“ Seine dritte sehr ergiebige Quelle waren die Galvanisierungsversuche des französischen Arztes Duchenne, der die Ausdrucksmuskeln eines Patienten mit einer Gesichtsanästhesie auf elektrischem Wege einzeln zur Kontraktion brachte. In der Hoffnung – viertens –, von den Meistern der Malerei und Plastik eine entscheidende Hilfe zu erfahren, sah sich der kritische Darwin enttäuscht. Als Grund dafür führt Darwin an, „dass bei Werken der Kunst die Schönheit das oberste Ziel ist; und stark contrahirte Gesichtsmuskeln zerstören die Schönheit“. Das fünfte Anliegen ist ihm das wichtigste, es ist auch das, welches seinem Buch am meisten Ertrag und Bedeutung sichert, nämlich die Frage nach der Allgemeinheit der Ausdrucksphänomene und ihrer Verbreitung über die Menschenrassen der Erde. Er sandte an Bekannte in aller Welt, an Lehrer, Missionare und Farmer in den Kolonien sorgfältig verfaßte Fragebogen, mit deren Hilfe er erkunden wollte, ob die bekanntesten Ausdruckserscheinungen bei allen Menschen in gleicher Weise anzutreffen sind. Aus dem Bogen, der sechzehn Standardfragen enthält, einige Beispiele: „Erregt die Scham ein Erröten, wenn die Farbe der Haut ein Sichtbarwerden desselben gestattet? Und besonders: Wie weit erstreckt sich das Erröten am Körper abwärts? Kann Schuld, oder Schlauheit, oder Eifersucht im Ausdrucke erkannt werden? Ich weiß indessen nicht, wie diese Ausdrucksformen scharf zu bestimmen sind. Wird bei der Bejahung der Kopf in senkrechter Richtung genickt und bei der Verneinung nach den Seiten geschüttelt?“ Sechstens schließlich – wie könnte es bei einem Zoologen anders sein – beobachtete er sorgfältig die Ausdrucksbewegungen der Tiere, und zwar nicht so sehr, um zu sehen, welche Ausdrucks-erscheinungen für den Menschen charakteristisch sind, sondern vielmehr, um Hinweise auf Ursache und Ursprung der menschlichen Ausdrucksphänomene zu bekommen – zumal er sicher war, beim Tier keine kultürlichen, konventionellen Äußerungen vorzufinden, sondern nur spontane und natürliche. Die Prinzipien der Ausdrucklehre Darwin versucht alle Ausdruckserscheinungen nach drei Prinzipien zu erklären. Sie stehen zeitlich selbstverständlich erst am Ende seiner Forschungen. Das erste und ihm wesentlichste Prinzip ist das der „conservative habits“ oder – auf deutsch – der „zweckmäßig assoziierten Gewohnheiten“. Es besagt, daß Ausdrucksbewegungen entwicklungsgeschichtlich und wesensmäßig nicht primär, sondern die Rudimente, die Restformen früherer Zweckhandlungen sind, die im Laufe der Entwicklung als solche sinnlos wurden. Wenn das Zähnefletschen bei Wut und das (größer machende) Haaresträuben bei Furcht ursprünglich den Zweck hatten, den Gegner abzuschrecken, so haben sich Zustand und Erscheinung aufgrund der zunächst zweckvollen primären Gewohnheit des Immer-wieder-gemeinsam-Auftretens so fest assoziiert und schließlich vererbt, daß sie auch in stammesgeschichtlich viel späteren Stadien, in denen die Affekte gar nicht mehr mit den entsprechenden Handlungen gekoppelt sind, noch – sekundär und völlig zwecklos – als „Gemütsbewegung“ und „Ausdrucksbewegung“ verbunden bleiben. Das zweite Prinzip ist das des Gegensatzes. Während ein Hund in einer „feindseligen Stimmung“ aufrecht und steif mit gesträubten Haaren, gespitzten Ohren und starr blickenden Augen einhergeht, duckt sich in einer freudig-freundlichen Verfassung der Körper windend abwärts, das Haar wird glatt, die Ohren sind heruntergeschlagen und nach hinten gezogen, dadurch werden die Augenlider verlängert, und die Augen erscheinen nicht mehr rund und starr. Laut Darwin sind die letzteren Verhaltensweisen „nur dadurch zu erklären, daß sie in einem vollständigen Gegensatze zu der Haltung und den Bewegungen stehen, welche aus leicht einzusehenden Ursachen eintreten, wenn ein Hund zu kämpfen beabsichtigt …“ Das dritte Prinzip ist das der direkten Tätigkeit des Nervensystems. Die durch eine Gemütsbewegung verursachte Nervenerregung soll hiernach ziellos in Bewegung umgesetzt werden. Beispiele findet Darwin in reicher Zahl: das Zittern der Muskeln bei Angst oder Wut, die Veränderung der Atmungs- und Herztätigkeit bei den verschiedensten Affekten, das Sich-Winden oder Schreien bei Schmerz, das Zähneklappern des Entsetzens, die Zuckungen der Erschöpfung, das Toben wütender Erregung. In welchem Verhältnis stehen seine Ausdrucksforschungen zu seinem Abstammungsgedanken? Die Verbreitung der Ausdruckserscheinungen über die Erde ist ihm ein Beweis für die Annahme, daß sich die verschiedenen Rassen genetisch aus einer einzigen Stammform herleiten, deren bruchlose Entwicklung aus dem Tierreich eben dadurch bestätigt wird, daß die wesentlichen Ausdrucksweisen auch dort bereits auftreten. Der letzte Federstrich war am 22. August 1872 getan, Darwin schrieb in sein Tagebuch: „hat mich ungefähr zwölf Monate gekostet“. Das Werk wurde in einer ersten Auflage von 7.000 Exemplaren herausgegeben, von denen über 5.000 bereits am Tage des Erscheinens vergriffen waren, und erfuhr – wie alle Werke Darwins – sehr geteilte Aufnahme. So schrieb ein Mr. Wallace in der Januarnummer 1873 des Quarterly Journal of Science, daß das Buch gewisse „charakteristische Eigentümlichkeiten des Geistes des Verfassers in einem hervorragenden Grade darbietet, … die unersättliche Sehnsucht, die Ursachen der verschiedenartigen und complicirten, von lebenden Gegenständen dargebotenen Erscheinungen zu entdecken“. Was den Verfasser betrifft, scheint Wallace bei Darwin „die ruhelose Neugier des Kindes, das ‘Wozu?’, das ‘Warum?’ und das ‘Wie?’ von Allem zu wissen, niemals ihre Kraft verloren zu haben“. Ein Rezensent in einer theologischen Zeitschrift beschrieb das Buch als das wirksamste und heimtückischste von allen Werken des Verfassers. Hier entlud sich der geballte Zorn orthodoxer Schöpfungstheologie, die sich durch Darwins neue Erkenntnisse in die Defensive gedrängt sah, auf eine so intolerante und affektive Weise, wie sie bis in die Gegenwart aus fundamentalistischen Winkeln immer wieder einmal aufflammt – obwohl inzwischen zum Beispiel auch die offizielle katholische Glaubenslehre in den neueren Verlautbarungen den Evolutionsgedanken prinzipiell anerkennt. Ein Blick auf den Menschen Charles Darwin zeigt, daß er im Gegensatz zu dem von ihm entdeckten Prinzip des „Kampfs ums Dasein“ in der Natur persönlich ein eher unkämpferischer Mensch, frei von Ehrgeiz, Haß, Neid und Rivalität war. Im Gegenteil: Seine Mitwelt schildert ihn als einen liebevoll-fürsorglichen Vater und Gatten; er war ein geduldiger und aufopfernder Krankenpfleger seiner Tochter Henrietta. Sein Sohn Francis schrieb über ihn: „Er behielt seine entzückend liebevolle Art und Weise sein ganzes Leben hindurch.“ „Ein anderer charakteristischer Zug der Behandlung seiner Kinder war seine Achtung vor ihrer Freiheit und ihrer Persönlichkeit … Er ließ uns immer fühlen, daß jeder von uns ein Geschöpf sei, dessen Meinungen und Gedanken wertvoll für ihn wären …“ (Tochter Henrietta Litchfield). Er selbst hat sich als bescheidener, ja demütiger Diener gegenüber dem ungeheuren und sich ihm Schritt für Schritt wunderbar öffnenden Kosmos verstanden: ein freier, wenn auch zaghafter und von der Größe der eigenen Erkenntnisse immer wieder bestürzter und überwältigter Geist, der sich jedem ideologischen, vor allem auch dem atheistischen Mißbrauch seiner Ideen versagte.   Prof. Dr. Ulrich Beer, Jahrgang 1932, studierte Psychologie, Philosophie und Zoologie an den Universitäten von Erlangen und Bonn. Er promovierte über das Thema „Darwins Ausdruckstheorie und ihre Kritik“.

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