Joachim Kuhs

 

Als Vorbilder völlig ungeeignet

Die Erinnerung an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beiden aus der Sozialdemokratie hervorgegangenen Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die im Januar 1919 von rechten Freikorpssoldaten ermordet wurden, hat das Jahrhundert der Extreme überlebt.“ Dieser Satz aus dem Internetauftritt der Linkspartei trifft zu. Neunzig Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod sind Luxemburg und Liebknecht viel mehr als nur geschichtliche Figuren, die periodisch zur eigenen Herzerwärmung oder propagandistischen Aufrüstung zitiert werden. Ihre Namen signalisieren politische Ansprüche und ideologische Bekenntnisse, an ihnen entzündet sich der Streit um den richtigen Standpunkt und um Koalitionen, an ihrer Präsenz im öffentlichen Raum sind die sich wandelnden Machtverhältnisse ablesbar. Die Aktualität von „Karl und Rosa“ beschränkt sich nicht auf Äußerlichkeiten wie die alljährliche Wallfahrt zu ihren Gräbern. Im hessischen Landtag beraumte die CDU im September 2008 eine Aktuelle Stunde zur Schuld an ihrer Ermordung an, um einen Keil in die sich anbahnende Linksfront zu treiben. Die Linkspartei nutzte die Gelegenheit, um die SPD zu belehren, die Geschichte von 1919 zeige „auf dramatische Weise, was passiert ist, als die SPD damals mit den Rechten zusammengearbeitet hat“. Im Oktober 2008 wurde ein weit rechts stehender Berliner Lokalpolitiker zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die Tötung Luxemburgs eine „entschlossene Tat“ genannt hatte, die „politisch geboten“ und „von der deutschen Geschichte“ als „förderlich legitimiert“ worden sei. Das Gericht unterzog die historische Bewertung einer strafrechtlichen Würdigung und nannte sie eine „reine Provokation“, mit welcher der Angeklagte „zu weit gegangen“ sei. Hätte das Urteil Bestand, wäre es der Anfang der staatlichen Kanonisierung der beiden. Woher ihre enorme Nachwirkung? Erstens machen die Umstände ihres Todes sie zu Märtyrern ihrer politischen Überzeugungen und ihres Kampfes. Zweitens haben sie enormen Mut besessen. Wer mitverfolgt hat, welchem Druck die vier hessischen SPD-Abgeordneten ausgesetzt waren, die sich ihrer Parteivorsitzenden Andrea Ypsilanti in den Weg stellten, der kann ermessen, was es für Karl Liebknecht bedeutet haben muß, mitten im Ersten Weltkrieg im Reichtstag gegen die Kriegskredite zu stimmen. Vergleichbares trifft freilich auch auf den langjährigen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann zu, den die Nationalsozialisten elf Jahre lang durch Zuchthäuser schleiften und dann erschossen. Doch im Unterschied zu ihm waren Luxemburg und Liebknecht hochgebildet, kultiviert und zur Differenzierung fähig. Den literarischen Wert von Luxemburgs Gefängnisbriefen taxierte der Sprachpurist Karl Kraus zwischen Goethe und Matthias Claudius. Ein zweiter Unterschied: Thälmann war Stalinist und Verfechter der Sozialfaschismus-These, mit der die SPD zum linken Flügel der Hitler-Bewegung gestempelt wurde. Das bedeutete neben der schweren Beleidigung der SPD eine tödliche Verkennung der NSDAP, mithin einen politischer Fehler, der eine Mitschuld der KPD an der NS-Machtergreifung impliziert. Durch ihren frühen Tod bleiben Luxemburg und Liebknecht von dieser historischen Mitschuld unberührt. In den Augen ihrer Anhänger –und zunehmend auch einer uninformierten Öffentlichkeit – stehen sie für einen unbefleckten Idealismus und freiheitlichen Sozialismus, der durch ihre Ermordung leider nicht zum Zuge kam, was schließlich zu Hitler führte. Sie gelten als Galionsfiguren eines besseren Deutschland. Trifft diese Lesart zu? Lassen wir drei prominente Sozialdemokraten jener Zeit sprechen. Für den späteren Reichskanzler Hermann Müller zeigten Luxemburgs Briefe nur „eine Seite ihres Wesens (…) Draußen in der Freiheit – ihre Leitartikel in der Roten Fahne beweisen das – war ihre Sprache keineswegs lyrisch.“ Otto Braun, von 1920 bis 1932 preußischer Ministerpräsident, nannte sie 1912 eine „unverantwortliche, kapriziöse Primadonna“, und Philipp Scheidemann kritisierte ihre Art, „von oben herunter über diejenigen zu urteilen, die nicht mit ihr einer Meinung sind“. So sehr sich hier die Frustration über Luxemburgs geistige Überlegenheit niederschlägt, haben die Kritiker in ihr doch auch die ideologische Hybris des 20. Jahrhunderts erspürt. Ihre Verteidiger immunisieren sich und ihre Idole mit einigen Sätzen aus Luxemburgs 1922 postum erschienener  Schrift „Die russische Revolution“, wo es heißt: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden.“ Eine Gesellschaft könne nur gedeihen durch die „Schule des öffentlichen Lebens selbst, (durch) uneingeschränkteste breiteste Demokratie, öffentliche Meinung“. Dabei wird unterschlagen, daß diese Freiheit im Rahmen einer „Diktatur des Proletariats“ praktiziert werden sollte. An anderer Stelle heißt es nämlich: „Als der ganze Mittelstand, die bürgerliche und kleinbürgerliche Intelligenz nach der Oktoberrevolution die Sowjetregierung monatelang boykottierten, den Eisenbahn-, Post- und Telegraphenverkehr, den Schulbetrieb, den Verwaltungsapparat lahmlegten und sich auf diese Weise gegen die Arbeiterregierung auflehnten, da waren selbstverständlich alle Maßregeln des Druckes gegen sie: durch Entziehung politischer Rechte, wirtschaftlicher Existenzmittel etc. geboten, um den Widerstand mit eiserner Faust zu brechen. Da kam eben die sozialistische Diktatur zum Ausdruck, die vor keinem Machtaufgebot zurückschrecken darf, um bestimmte Maßnahmen im Interesse des Ganzen zu erzwingen oder zu verhindern.“ Der Mittelstand und die Intelligenz besaßen demnach keinen Anspruch, das „Interesse des Ganzen“ mitzuformulieren. Der war den Wortführern des Proletariats vorbehalten, das in Rußland übrigens nur eine kleine Minderheit darstellte. Folgerichtig galt in dem von Luxemburg formulierten Programm des Spartakusbundes „dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!“ Im Banne der marxistischen Geschichtsinterpretation und -antizipation stehend, verfehlten Luxemburg und Liebknecht die politischen und gesellschaftlichen Realitäten. Das war um so riskanter, weil sie diese Realitäten revolutionieren wollten. Der Erste Weltkrieg war keineswegs nur, wie sie behaupteten, ein „imperialistischer Raubkrieg“, zu dem die „Kapitalisten“ die „Werktätigen“ mißbrauchten. Er hatte auch massenpsychologische, macht- und geostrategische Gründe, die in der marxistischen Theorie nicht vorkamen. Folglich erwies der „proletarische Internationalismus“, die internationale Verbrüderung der Arbeiter, sich im Sommer 1914 als blutleeres Konstrukt. Deshalb war Liebknechts Ablehnung der Kriegskredite eine politische Donquichotterie, die, wäre sie im Reichstag mehrheitsfähig gewesen, nur zur Folge gehabt hätte, daß Deutschland seinen Feinden, die keineswegs an Abrüstung dachten, wehr- und waffenlos gegenübergestanden hätte. Mitten im Krieg am 1. Mai 1916 vor 10.000 Arbeitern die Forderung zu erheben: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“ wäre in jedem anderen Land ebenfalls als Hochverrat geahndet worden. In Frankreich wurde der Sozialistenführer Jean Jaures, der ähnliche Positionen wie Luxemburg und Liebknecht vertrat, bereits am 31. Juli 1914 erschossen, der Attentäter später freigesprochen. Politisch war es unverantwortlich, daß beide, kaum aus dem Gefängnis entlassen, im Herbst 1918 versuchten, eine Revolution anzuzetteln und das verzweifelte Bemühen der SPD-Führung unter Friedrich Ebert zu sabotieren, ein Chaos abzuwenden. Im Land herrschten materielle Not, geistige und politische Orientierungslosigkeit, die alten Ordnungsmächte und Autoritäten waren außer Kraft gesetzt, die Armeen fluteten zurück, die Soldaten mußten versorgt werden, die Hungerblockade der Alliierten hielt an, das Reich war außenpolitisch handlungsunfähig, die Ostgrenze drohte auszufransen, die Schreckensmeldungen, die über den russischen Revolutionsterror hereindrangen, waren eine Flammenschrift an der Wand, eine militärische Intervention der Westalliierten drohte usw. usf. Da war es geradezu naturgesetzlich, daß Luxemburg und Liebknecht einen unbändigen Haß auf sich zogen. Andererseits waren sie keine eisenharten Revolutionäre vom Schlage Lenins oder Trotzkis und zu skrupulös, um bis in die letzte Konsequenz zu exekutieren, was sie angestoßen hatten, und der Realität ihre Theorien aufzuzwingen. Ernst von Salomon, der die Revolution auf der Gegenseite als blutjunger Kadett in Berlin miterlebte, schildert im Roman „Die Geächteten“, wie im Januar 1919 Hunderttausende am Brandenburger Tor zusammenströmten, um von Liebknecht revolutionäre Wegweisungen zu erhalten. Doch Liebknecht, „ein kleiner, dunkler, blasser Mensch, mit Kneifer, Spitzbart und Regenschirm“, speist die tatendurstigen Massen mit Platitüden ab: „Das Internationale – Unsere Bundesgenossen in der ganzen Welt – Unsere Brüder in Frankreich, England und Italien – Deutschland schlägt die Schuld –“ Enttäuscht beginnen die Versammelten sich zum Lynchmob gegen die angetretenen Soldaten zu formieren. Liebknecht stellt sich zwischen die Fronten, brüllt die Demonstranten an: „Weitergehen!“, und die Soldaten: „Und schämen sollt ihr euch!“ Ein Gefreiter kommentiert: „Saudumm sind die, die verpassen egal jeden richtigen Moment.“ Das macht sie zur Hälfte zu tragischen Figuren, aber nicht im Ganzen zu Vorbildern. Fotos: Karl Liebknecht (1871–1919), um 1911: „Saudumm sind die, die verpassen egal jeden richtigen Moment“; Rosa Luxemburg (1871–1919), um 1915: „Dem Feinde das Wort: Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!“

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