Parallelwelten der Endzeit

Frank W. Haubold, studierter Informatiker und Biophysiker, kennt eine große Liebe: die Schriftstellerei und Science-fiction. Vor einem Jahr veröffentlichte er seinen Roman „Die Schatten des Mars“, der gerade mit dem Deutschen Science-fiction-Preis 2008 ausgezeichnet wurde: Militärmaschinerien und islamistische Terrornetzwerke leiten das Ende menschlicher Zivilisation ein. Haubold läßt die Beschreibung der Konflikte jener nicht allzu fernen Zukunft wohltuend im Unkonkreten. Sein Augenmerk liegt auf einigen Menschen, die, von Trauer über nahestehende Verstorbene geplagt, zum Mars auswandern, um dort das Leben von Einsiedlern zu führen. Hauptakteur ist der Raumfahrer Martin Lundgren, dem eine Prophezeiung den Weg weist, die mystische Stadt einer alten Mars-Kultur unter der Oberfläche des Planeten aufzusuchen. Zudem ist da ein gescheiterter Schriftsteller, der mit dem Sandmeer zu kommunizieren versucht, ein versponnener Puppenkonstrukteur, ein ehemaliger Islamist sowie eine russische Primaballerina, der bei einem Attentat die Beine abgerissen wurden: ein Kreis Auserwählter, aus der Ferne das Ende der Erde beobachtend und von Erscheinungen rätselhaft fremder Intelligenzen heimgesucht. Ihr waldgängerisches Credo beschreibt Haubold derart: „Sie gehörten nicht mehr dazu.“ Ein Schwachpunkt des Romans liegt darin, daß er stellenweise zu viele Geschichten gleichzeitig erzählen möchte. Viele Seiten vergehen, in denen einige Hauptpersonen fast in Vergessenheit geraten, ohne daß ein echter Episodenroman entstünde. Nicht allein Sprünge zwischen Zeiten und Orten wollen verkraftet werden, es werden schlicht so viele Akteure ins Spiel gebracht, daß gelegentlich der Erzählfaden verlorengeht. Dennoch nimmt Haubold immer wieder die Kurve, eine interessante Örtlichkeit zu beschreiben, eine schicksalhafte Situation. Sein Talent liegt in der Entwicklung traumnaher, mysteriöser Momente, sei es ein Wahrsagerzelt ohne Eingang, ein skurriler Eisverkäufer in der Wüste oder ein riesiger dunkler Felsspalt, dessen Durchquerung Schmerzen bereitet. Anrührend beschreibt Haubold im Nachwort seines Romans den eigenen Jugendtraum. Ein berühmter Schriftsteller wie Ray Bradbury wollte er damals werden. Irgendwann verzweifelte er daran, bis er erkennen durfte, daß er Frank W. Haubold aus dem sächsischen Meerane war. Mit „Die Schatten des Mars“ gelang ihm ein fesselnder Roman. Frank W. Haubold: Die Schatten des Mars. Erster Deutscher Fantasy Club, Passau 2008, gebunden, 360 Seiten, Direktpreis beim Verlag 19,50 Euro, sonst im Buchhandel 35 Euro

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