Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Nachhall aus dem geschlossenen Klangkörper

Diese Institution, die sich Frankfurter Zeitung nannte, hat nie aus dem einzelnen, der in ihr tätig war, auch nicht aus den publizistischen Leistungen der einzelnen gelebt, sondern sie war immer nur existent als ein geschlossener Klangkörper“: So beschrieb sie rückblickend Karl Apfel. Sie war ein kollektives Wesen im Sinne Goethes, zu dem sich aus gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Verstehen verschiedene Temperamente verbanden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte sich 1949 bewußt in diese Tradition mit ihren Verpflichtungen. Mit denen wurden jüngere Kollegen von den Älteren vertraut gemacht, die bis zu ihrem Verbot 1943 Redakteure bei „der Frankfurterin“ waren. Günther Gillessen, der am 23. Oktober achtzig wird, hat sich stets als ein Ensemblemitglied verstanden, eben als einen FAZler. In seiner Geschichte der Frankfurter Zeitung „Auf verlorenem Posten“ schildert er in vielen Variationen diesen Gemeingeist, der eine Haltung und einen Stil, eben sittlichen Anstand ermöglichte und verlangte. Der setzte geistige Freiheit voraus, Wohlwollen, Geduld und die Bereitschaft, auch Aufgeregten zuzuhören, sowie die Fähigkeit, ruhig, klar und bestimmt öffentliche Phänomene zu beobachten und zu beurteilen. Das meinte, Person und Sache streng zu trennen. Deutlichkeit und Klarheit, nicht Polemik oder grelle Effekte wurden in der Auseinandersetzung mit Thesen oder Argumenten verlangt. Der Leser sollte nicht verführt und überwältigt werden, sondern in ein Gespräch einbezogen werden.  Die alte „Frankfurterin“ war nicht pointensüchtig oder sensationslüstern; sie war manchmal akademisch, manchmal philologisch, aber immer zuverlässig und wahrte entschlossene Distanz zu allen aufdringlichen „Aktualitäten“ in ihrer rasenden Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit. Sie war die beste Zeitung Deutschlands, wahrscheinlich Europas, geschrieben von Gebildeten für Gebildete. Blender paßten da nicht hinein. Die Redakteure der alten Frankfurter Zeitung waren gar nicht beleidigt, wenn sie als ein wenig hochmütig empfunden wurden. Sie waren nur anspruchsvoll, vor allem gegenüber sich selber. Gelobt wurde selten oder nie. Es kam auch zu keinen heftigen Auseinandersetzungen, gab ein Artikel, bevor er in den Satz ging, Anlaß zu Einwänden. Schließlich wurden diese nur vorgetragen, um den Kollegen vor Mißverständnissen zu bewahren. Alles, was hier über die alte Frankfurter Zeitung gesagt wurde, läßt sich ganz selbstverständlich auch von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagen, in deren Politische Redaktion Günther Gillessen 1958 eintrat. Der FAZ war es gelungen, bis in das 19. Jahrhundert zurückreichende Traditionen lebendig in der Redaktion zu bewahren. Das unterschied sie von allen übrigen Zeitungen der Nachkriegszeit. Redakteure wie Günther Gillessen gewöhnten jüngere Kollegen in diesem Sinne einfühlsam ein, immer darauf bedacht, sie vor verständlichem Ungeschick zu schützen und ihnen zur Freiheit, zur Selbständigkeit zu verhelfen. Es ging ja nicht darum, den einzelnen zu dressieren und ihn um sein Eigentum zu bringen. Auf solcher Liberalität beruht jede Bildung, und die FAZ verstand sich in diesem liberalen Sinn als Bildungseinrichtung für die, die ihrer Redaktion angehörten. Günther Gillessen verkörperte den Typus des FAZlers mit liebenswürdiger Gelassenheit. Er versuchte bei seiner Arbeit auf ruhige Art zu überzeugen oder über Sachverhalte zu unterrichten. Ein guter Artikel ist kein innerer Monolog, er wendet sich einem anderen zu und möchte ihn in ein Gespräch einbeziehen, das Autor und Leser verbindet. Die Floskel vom klugen Kopf, der hinter dieser Zeitung stecke, galt dieser Gemeinschaft von Leser und Journalist: Der Leser freut sich, höflich behandelt und nicht bevormundet zu werden, und der Journalist oder Redakteur ist dankbar, sich an ein Publikum richten zu können, das sich mit ihm in entscheidenden Fragen der Bildung, des Anstandes und des Schicklichen eins weiß, also der praktizierten Humanität. Günther Gillessen konnte sich während seines Studiums in den USA und in England mit dem Stil freier akademischer Gleichberechtigung vertraut machen, der verlangt, im geselligen Umgang ungeschriebene Regeln nicht zu verletzen. Darauf beruht die Sociabilität des einzelnen und der vielen. Ähnliches liegt aber auch der Freiburger Schule des Ordo-Liberalismus zugrunde. Deren Weltbild wurde Günther Gillessen zu einem ihn formenden Bildungserlebnis während seines Studiums bei Clemens Bauer, dem katholischen Wirtschafts- und Sozialhistoriker. Eine Ordnung bedarf der Selbstbeschränkung, des freiwilligen Verzichts auf unbegrenzte Selbstentfaltung und lebhaften Gespürs für den gerechten Ausgleich vieler miteinander konkurrierender Bedürfnisse. Daran erinnert auch die Katholische Soziallehre: einander zu ertragen lernen und dafür zu sorgen, daß jedem das Seine nicht vorenthalten werde. Katholisches Christentum und Liberalismus, die oft miteinander haderten, konnten sich unter solchen Voraussetzungen harmonisch ergänzen. Günther Gillessen ist immer ein katholischer Liberaler und ein liberaler Katholik geblieben. Es sind die Religion, die Sprachen, die Sitten, die Geschichte, die für eine Vielfalt in mannigfache Lebensgemeinschaften und Lebensformen sorgen, will sie nicht zur Monotonie erstarren. In diesem Sinn hält der Europäer Günther Gillessen an der Idee eines Europa mit seinem Reichtum verschiedener Nationen fest. Dieser katholische Liberalismus entsprach dem Geist, der Denk- und Lebensart der FAZ, die auf ihre Art nach Ordnung in Freiheit verlangte, als ein Modell für den großen Zusammenhang freier Institutionen und Staaten. Es ist doch immer der gleiche Geist der Versöhnlichkeit, der Geduld und der Freude am Anderen. In diesem Geist hat Günther Gillessen von 1978 bis 1994 als Professor für Journalistik in Mainz seine Studenten unterrichtet: im Geist der FAZ, die sich durchaus als Institution verstehen durfte, als eine geistige Autorität, die auf Wohlwollen und gefällige geistige Manieren achtete, damit Deutsche zu einer freieren Geselligkeit fänden, auf die eine Demokratie unbedingt angewiesen ist. Foto: Der Publizist und langjährige „FAZ“-Redakteur Günther Gillessen im Jahr 1999: Immer ein katholischer Liberaler und ein liberaler Katholik geblieben

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