Erzvater des Kreisauer Kreises

Mit 17 Jahren hatte er das Abitur in der Tasche, mit 20 war der Doktor gebaut, und 1912, mit 24, war der Rechtshistoriker Eugen Rosenstock Deutschlands jüngster Privatdozent. Ohne daß es dazu irgendwelcher „Junior“-Professuren bedurft hätte, fiel eine derartige Laufbahn an wilhelminischen Universitäten zwar nicht aus dem Rahmen. Der fünf Tage jüngere Carl Schmitt etwa benötigte, obwohl finanziell wesentlich schlechter gestellt, auch nur drei Jahre länger. Aber dem am 6. Juli 1888 als Sohn eines jüdischen Bankiers in „Steglitz bei Berlin“ geborenen Rosenstock verhalf natürlich auch viel wunderkindlich-exzeptionelle Veranlagung zu dieser Blitzkarriere.

Mit der Ausnahmebegabung schien jedoch ebenso das Abweichlertum Rosenstocks genetisch determiniert. Denn mit der Arbeit über „Königshaus und Stämme zwischen 911 und 1250“, fertiggestellt kurz vor dem Ausrücken „ins Feld“, an die Westfront des Ersten Weltkrieges, hatte sich Rosenstock innerlich aus dem Elfenbeinturm der Gelehrtenwelt verabschiedet und war wegen seiner vielen eigenwillig-spekulativen Zugriffe von den „Akademikertypen“ wie Ulrich Stutz, dem „blinden Papst der deutschen Rechtsgeschichte“, kaum mehr als Kollege anerkannt. In der Konsequenz dieses Widerwillens gegen die „unglaubliche Papyrustollheit der Romanisten“ wie gegen die „Sterilität der Stutzschule“ kehrte Rosenstock aus dem Schützengraben 1918 nicht an die Universität zurück.

Statt dessen gab er bei Daimler-Benz die erste Werkzeitung heraus und half mit, die sozialdemokratische „Akademie der Arbeit“, eine „alternative“ Hochschule, in Frankfurt/M. zu gründen. Als er 1923 nach dem Verlust seines Erbes durch die Inflation doch gezwungen war, einem Ruf auf ein Breslauer Ordinariat zu folgen, sei, wie er sich erinnerte, das „Herz“ nicht mitgezogen. Den sozialpolitischen Herzensneigungen des unablässig an zwei Enden brennenden Weltverbesserers, der nun auch den Namen seiner Schweizer Gattin Margit Huessy führte, tat sich indes außerhalb des Seminars in Niederschlesien ein unverhofft weites Betätigungsfeld auf. Rosenstocks Schüler stud. iur. Helmuth von Moltke war in der Nachbarschaft des Familienguts Kreisau mit dem sozialen Elend im Waldenburger Kohlereviers konfrontiert worden. Um in den Notstandsgebieten zu helfen, organisierte Rosenstock mit Moltkes Hilfe im Frühjahr 1928 ein erstes Arbeitslager in Löwenberg, unterstützt von der schlesischen Jugendbewegung und den „Volksbildnern“ des Boberhauses. Einer der frühen Chronisten des „Widerstands gegen Hitler“, der Sozialdemokrat Walther Hammer, sah in Rosenstock den „Erzvater des Kreisauer Kreises“, was mit Blick auf die Teilnehmer der Löwenberger Lager – neben Moltke Adolf Reichwein, Theodor Steltzer, Hans Peters und Peter Yorck von Wartenburg – nicht zu hoch gegriffen war. Wie „beim Daimler“ und in der Frankfurter Arbeiterakademie standen die schlesischen Arbeitslager im Zeichen der „Werkgemeinschafts“-Idee, die dem marxistischen „Klassenkampf“ ebenso das Wasser abgraben wollte wie dem nur ideellen Integrationsangebot des Nationalismus, den Rosenstock 1919 für „tot“ erklärt hatte.

Sinnsuche in der Geschichte

Obwohl der Breslauer Rechtslehrer in seinen „autobiographischen Fragmenten“ („Ja und Nein“, 1968) kategorisch bestritt, je in die „Dunstkreise“ Georges, Spenglers, Marxens und Nietzsches geraten zu sein, ist die Prägung durch die große „Sinnsuche“ der Jahrhundertwende doch so unverkennbar wie die Affinität mindestens zu Spenglers „Denkform“ und Georges „Schau“. Am deutlichsten tritt letztere zutage in Rosenstocks Hauptwerk über „Die europäischen Revolutionen“, das 1931 eben nicht zufällig in der Jenenser Ideologiefabrik des Eugen Diederichs Verlages erschien. Zweifelsohne von Spengler inspiriert ist hier der Anspruch universalhistorischer Deutung, der Wille, aus der Geschichte Lehren für das „Leben“ der Gegenwart wie für ihre Zukunftsorientierung zu filtern, die nach Rosenstock aus dem „Kirchen-Parteien-Stammespferch Deutschland“ hinausführen sollte, zu europäischer Existenz vor den „nationalen Spaltungen“. Ebenso geschichtsphilosophisch aufgeladen wirkt die Tendenz, Historie als Heilsgeschichte zu offerieren und für einen arg synkretistischen christlichen Glauben zu vereinnahmen – eine religiöse Grundierung, die ihm zudem Brückenschläge zum Zionismus wie zur jüdischen Privatmythologie seiner Freunde Martin Buber und Franz Rosenzweig erlaubte.

Als der „schlesische Argonautiker“ Eugen Rosenstock-Huessy 1933 in die USA „auswanderte“, nicht „emigrierte“, eine Unterscheidung, auf die er großen Wert legte, beendete dies seine geistige Wirkung hierzulande – abgesehen von den „Kreisauern“. Die ließ sich nach 1950 auch nicht wieder beleben, indem er zu Gastvorlesungen einkehrte und bis zu seinem Tod im fernen Vermont (1973) als rastloser, wissenschaftliche Vielfelderwirtschaft treibender Polyhistor, Universalist und Welträtsellöser auf dem deutschen Buchmarkt präsent blieb.

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