Auf die Deutschen wurde lieber verzichtet

Vierzig Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings erscheint ein Sammelband von Beiträgen überwiegend ehemaliger hoher Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA), aber auch von Zeitzeugen aus der Bevölkerung, aus der Bundeswehr wie aus sowjetischer Sicht. Die zentrale Frage ist dabei, inwieweit die NVA am Einmarsch von Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR teilgenommen hat, wie es damals im Westen kolportiert wurde. Mitte der sechziger Jahre gewannen innerhalb der tschechoslowakischen kommunistischen Partei Kräfte die Oberhand, die versuchten, die Gängelung durch Moskau zu lockern. Sie wollten den Sozialismus reformieren, indem sie neben der kommunistischen auch andere Parteien zuzulassen beabsichtigten. Partei, Staat und Wirtschaft sollten getrennt werden, und allmählich wollte man die Plan- durch die Marktwirtschaft ersetzen. Allerdings wollte man den Kommunismus keineswegs eintauschen gegen den Kapitalismus, und auch an den Austritt aus dem Warschauer Pakt dachte niemand (JF 2/08). Die Sowjetunion fürchtete, daß hinter diesen Bestrebungen die „Konterrevolution“ stecke, die nichts anderes im Sinne habe, als den von der UdSSR dominierten Warschauer Pakt zu schwächen, indem die Tschechoslowakei aus dem Militärbündnis herausgebrochen werden sollte. Außerdem ging die Angst um, die Reformbestrebungen könnten auf andere Staaten des Bündnisses wie auf die DDR oder auf Ungarn übergreifen. Wenn man die veröffentlichten Dokumente studiert, dann muß man zu dem Schluß kommen, daß Ängste vor Saboteuren und Agenten, die konterrevolutionäre Bewegungen unterstützen, nicht vorgeschoben waren, sondern ernsthaft geglaubt wurden. Zunächst versuchte Moskau, Warnungen an die Reformer in der CSSR zu senden, etwa indem Manöver der Warschauer-Pakt-Streitkräfte auch auf tschechischem Gebiet durchgeführt wurden. Anfang August 1968 entschied das Moskauer Politbüro schließlich, die Reformbestrebungen militärisch zu beenden. Teilnehmen sollten neben den Streitkräften der UdSSR solche aus Polen, Ungarn, Bulgarien und der DDR. Die politischen und militärischen Führungskräfte nahmen an den Vorbereitungen teil. Ulbricht war einer der entschiedensten Befürworter des Einmarsches. Zwei NVA-Divisionen wurden an die Grenze der DDR zur CSSR verlegt, ihre Offiziere und Mannschaften wurden von zwei Propagandazügen der NVA zusätzlich motiviert. Man stellte fest, daß die Soldaten einer militärischen Intervention fast geschlossen zustimmten wie auch der größte Teil der DDR-Bevölkerung, weil die Befürchtung grassierte, andernfalls könnte es Krieg zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt geben. Kritik übten nur Studenten, Wissenschaftler, Künstler und Kirchenkreise, doch stellten sie zu vernachlässigende Minderheiten dar. Schon war für die Einheiten der NVA, die in die Konzentrationsräume zwischen Zittau und Zwickau verlegt worden waren, die „volle Gefechtsbereitschaft“ befohlen worden, als die übrigen Streitkräfte — die der UdSSR, Ungarns, Bulgariens und Polens — sich in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1968 in Marsch setzten, allerdings ohne die zwei Divisionen der NVA. Sie blieben an der Grenze stehen und erfuhren erst am 26. August, daß sie nicht eingesetzt würden. Die UdSSR-Führung befürchtete, daß deutsche Truppen auf erbitterten Widerstand der Tschechen stoßen würden. Die an dem Buch beteiligten NVA-Offiziere beurteilen heute die Intervention als Völkerrechtsbruch, hatten aber damals Verständnis für das Vorgehen, weil sie meinten, dadurch den Frieden zu retten. Eine Reform anzustreben, wie Dubcek und seine Gefolgsleute, war in der damaligen Lage unrealistisch. Eine Wende wäre nur möglich gewesen, wann sie von der zentralen Macht, der UdSSR, ausgegangen wäre — wie es dann 1989 geschah. Das umfangreiche Informationsmaterial des Buches wird ergänzt durch eine Gliederung der NVA und der Grenztruppen der DDR sowie der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Guntram König (Hrsg.), Günter Heinemann, Wolfgang Wünsche: CSSR-Intervention 68 — DDR dabei — NVA marschierte nicht. Helios Verlag, Aachen 2008, gebunden, 204 Seiten, Abbildungen, 19,90 Euro

Meldungen Dänischer Widerstand: Vorbeugende Morde FLENSBURG. „Keine Gewalt“ ginge als bundesdeutscher Wappenspruch glatt durch. Darum verwundert das ungemein positive publizistische Echo, auf das derzeit ein bekennender Mörder im deutsch-dänischen Grenzgebiet stößt. Anläßlich der Flensburger Uraufführung des den dänischen „Widerstand“ gegen die deutsche Besatzung (1940—1945) thematisierenden Spielfilms „Tage des Zorns“ ist Gunnar Dyrberg derzeit ein vielgefragter Mann. Der 86jährige bekannte vor den ihn mit Applaus empfangenden Schülern des Deutschen Gymnasiums in Apenrade, als Angehöriger einer Widerstandsgruppe leider nicht genug dänische Landsleute „liquidiert“ zu haben (Schleswig-Holsteinische Landeszeitung, 27. August). Die Morde an „Kollaborateuren“, verübt 1943/44, seien seine Aufgabe gewesen. Auf das Konto seiner unter dem Namen „Holger Danske“ agierenden Bande dürften etwa dreißig Morde gegangen sein. Wobei die Tötungen gar nicht einmal als Strafe für Denunziationen bei der Gestapo, sondern „vorbeugend“ erfolgten. Dyrberg räumte lediglich ein, daß die Verläßlichkeit der Informationen über „mögliche Verräter“ vielleicht zur Sorge hätte Anlaß geben können, aber andererseits seien bei dieser Form der Selbstjustiz auch viele Anschläge mißlungen. Immerhin blieben 2.000 „Verräter“ verschont, die die dänische Justiz nach 1945 in einem halbwegs rechtsstaatlichen Verfahren für ihre Zusammenarbeit mit den Deutschen verurteilte.   Lauter Untergänge: 26 dekadente Kulturen HEIDELBERG. Der britische Geschichtsdenker Arnold Toynbee bilanziert in seiner berühmten „Study of History“ (1934—1961), daß von 26 ehemals existenten Kulturen im 20. Jahrhundert schon 16 verschwunden seien, neun dabei wären, sich zu verabschieden, und nur noch eine einzige fortbestehe, die abendländische nämlich. Das Schicksal der versunkenen Kulturen erklärte Toynbee gut darwinistisch mit der Unfähigkeit, auf Herausforderungen „angemessen“ zu reagieren. Um Toynbees Thematik wiederaufzunehmen, präsentieren die Germanisch-Romanischen Monatshefte 2008 zwei Hefte über „Fortschritt und Dekadenz“. Das schon erschienene Heft 1 bringt Referate des Deutschen Hispanistentages 2007 in Dresden, die sich im engeren Sinn mit historischen Abläufen befassen, während konkrete Erscheinungsformen der Dekadenz und des kulturellen Niedergangs noch 2008 im separaten Aufsatzband veröffentlicht werden sollen. Das vorliegende GRM-Heft befaßt sich mit antiken Geschichtsdeutungen und mit Zerfallsmodellen im Europa der Frühen Neuzeit, darunter eine Studie über „Machiavelli und die Unvereinbarkeit von politischer Freiheit und territorialer Größe“ sowie eine Untersuchung über Baltasar Graciàns „Criticón“.

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