Am äußersten Rand unseres Verständnisses

Mit 17 Jahren wickelte er 35 Kilometer Kupferdraht um das Fußballfeld seiner High School. Daraus wurde ein Teilchenbeschleuniger mit dem Stromverbrauch eines Einfamilienhauses. Und sein Schöpfer, Michio Kaku (heute 61), bekam ein Stipendium für die Harvard-Universität. Er studierte theoretische Physik, sein Vorbild war Einstein. Kaku wurde ein umtriebiger Physikprofessor: String-Theoretiker, Bestsellerautor, Radiomoderator, Futurologe, Atomwaffengegner. Und er versteht, populärwissenschaftlich zu schreiben. Davon zeugt sein jüngstes Buch „Die Physik des Unmöglichen“. „Werden wir eines Tages durch Wände gehen? Raumschiffe bauen, die sich schneller fortbewegen als das Licht? Die Gedanken anderer Menschen lesen? Unsichtbar sein? Objekte allein kraft unserer Gedanken bewegen? Unsere Körper blitzartig durch den Weltraum transportieren?“ Diese Standard-Fragen aus der Science-fiction-Phantasie stellt Michio Kaku gleich am Anfang seines Buches, in dem er 15 Technologien aus den Labors der Technikutopien vorstellt. Was früher unmöglich war, wurde später alltäglich Eines seiner Anfangskapitel überschreibt Kaku mit „Die Relativität des Unmöglichen“. Hier erinnert er an Wissenschaftler aus dem 19. Jahrhundert, die behaupteten, es sei „unmöglich“, daß die Erde ein paar Milliarden Jahre alt sei. An Lord Kelvin, einen bedeutenden Physiker des viktorianischen Zeitalters, der behauptete, Röntgenstrahlen seien Schwindel, Flugapparate schwerer als die Luft undenkbar, das Radio sei ohne Zukunft. Oder an Lord Rutherford, der die Möglichkeit einer Atombombe verwarf. Oder an Einstein, der die Bildung schwarzer Löcher ausschloß. Was vor etwa einhundert Jahren unmöglich war, wurde später alltäglich. Das sollte uns zu denken geben, mahnt Kaku. Nach dieser Einstimmung zeigt uns dann der US-Physiker, was der gegenwärtige Stand der Wissenschaft erlaubt und was vielleicht erst in Jahrhunderten oder Jahrtausenden realisierbar sein wird. Er gruppiert das ganze Arsenal von Zeitmaschinen, Beamer, Tarnmäntel und Co. in drei logische Kategorien: die Unmöglichkeiten ersten, zweiten und dritten Grades. Zu den Unmöglichkeiten ersten Grades zählt er Techniken, die heute noch nicht möglich sind, die aber keine bekannten Naturgesetze verletzten. Deshalb könnten sie noch in diesem oder vielleicht im nächsten Jahrhundert möglich werden. Es gibt also nur Konstruktionsprobleme. Als Beispiele nennt Kaku: Teleportation, Antimaterie-Maschinen, bestimmte Formen der Telepathie, Unsichtbarkeit und die Bewegung von Gegenständen durch die Kraft der Gedanken (Psychokinese). Auf diesem Gebiet sind in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte erzielt worden. Schon heute arbeiten Forscher an Computerchips, die in das Gehirn gelähmter Menschen eingebaut werden können und dort Hirnaktivitäten messen. Im Verbund mit einer Spezialsoftware soll es möglich werden, daß der Kranke sich körperliche Bewegungen vorstellt und diese via Computer in einem Auftrag an Maschinen umgewandelt werden, die die Arbeit statt des Menschen verrichten. Große Fortschritte (Kaku spricht sogar von „Durchbrüchen“) sieht er auch bei Teleportation. So sei es in den nächsten Jahren möglich, komplexe Moleküle zu teleportieren, DNS-Moleküle oder ein Virus sogar schon in Jahrzehnten. Eine komplette Person aus Fleisch und Blut sei prinzipiell auch möglich — allerdings bezeichnet Kaku die technischen Probleme als „schwindelerregend“. Bedauerlicherweise findet sich bei diesem Thema kein Hinweis auf deutsche Forscher wie Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle oder Theodor Hänsch, deren Arbeiten auf dem Gebiet des Bose-Einstein-Kondensates mit der Teleportation verquickt sind. Die Techniken, die Kaku unter „Unmöglichkeiten zweiten Grades“ rubriziert, sind Verfahren, die „am äußersten Rand unseres Verständnisses der physikalischen Welt angesiedelt sind. Sollten sie überhaupt möglich sein, dann ließen sie sich erst im Lauf künftiger Jahrtausende oder Jahrmillionen verwirklichen.“ Kaku rechnet dazu Reisen, die schneller sind als das Licht, ferner Zeitreisen oder den Kontakt zu Paralleluniversen. Und schließlich die Unmöglichkeiten dritten Grades: Diese fallen erstaunlicherweise sehr sparsam aus. Kaku nennt nur das Perpetuum mobile (eine Maschine, die ohne Energiezufuhr ewig arbeitet) und die Vorhersage der Zukunft (Präkognition). Sie würden die Naturgesetze verletzen: „Sollte die Präkognition jemals in wiederholbaren Experimenten nachgewiesen werden, würde dies die Grundlagen der modernen Physik aufs heftigste erschüttern.“ Technologische Visionen der Zukunft im Überblick Hier hätte man sich weitere wissenschaftstheoretische und philosophische Ausführungen gewünscht. Denn was bedeutet das genau — „erschüttern“? Oder der „Zusammenbruch“ der physikalischen Grundlagen? Was genau ist unmöglich oder wird für immer unmöglich bleiben — auch in zehn oder einhundert Millionen Jahren? An dieser Stelle drückt sich Kaku ein wenig. Fazit: Kakus „Physik des Unmöglichen“ präsentiert schon fast in Form eines Nachschlagewerks einen komprimierten und präzisen Überblick über die technologischen Zukunftsvisionen. Er berücksichtigt dabei die Forschungsergebnisse bis 2007. Kaku vermeidet zwar mathematische Formeln, aber seine Darstellung setzt an einigen Stellen doch Vorwissen voraus. Geschmackssache ist der notorische Verweis auf Science-fiction-Filme und -Bücher sowie entsprechende Zitate aus diesem Genre. Michio Kaku: Die Physik des Unmöglichen: Beamer, Phaser, Zeitmaschinen. Übersetzt von Hubert Mania. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, gebunden, 416 Seiten, 24,90 Euro

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