Späte Dialektik eines verkommenen Systems

Die Erinnerung an die Philosophievorlesungen des Chemieprofessors Robert Havemann zur „Dialektik ohne Dogma“ Anfang der sechziger Jahre ist frisch, da diese sich erfrischend kritisch gegenüber dem abhoben, was sonst von den offiziellen Vertretern des „Marxismus-Leninismus“ gelehrt wurde. Dabei waren sie jedoch keineswegs „DDR-feindlich“, sie standen sogar im offiziellen Vorlesungsprogramm und waren dennoch überfüllt. Denn was hier vorgetragen wurde, war aufregend, rief lebhafte Diskussionen hervor, und selbst Hörer, die nicht ganz verstanden, daß hier ein dem Marxismus verbundener Wissenschaftler seine Vision vom „demokratischen Kommunismus“ vortrug, ahnten, daß Havemann von einer „anderen DDR“ sprach, wie sie sein könnte und wie sie fast drei Jahrzehnte später Hunderttausende Demonstranten forderten. Die meisten Deutschen – insbesondere im Westen – dürfte Havemann allenfalls in seiner späten Rolle als DDR-Dissident in der Erinnerung haben. Die Biographie davor ist eher weniger bekannt. Robert Havemann wurde 1910 in München geboren, studierte in München und Berlin Chemie, trat 1932 der KPD bei, promovierte an der Berliner Universität und wurde Mitarbeiter der Militärärztlichen Akademie. 1942 gründete er die Widerstandsgruppe „Europäische Union“. 1943 kann er sich noch habilitieren, wird aber kurze Zeit später von der Gestapo verhaftet und vom „Volksgerichtshof“ im Dezember 1943 wegen seines Widerstandes gegen die Nationalsozialisten zum Tode verurteilt. Nachdem die Vollstreckung des Todesurteils immer wieder aufgeschoben wird – wohl weil er in einem im Zuchthaus eingerichteten Labor „kriegswichtige Forschungen“ betreiben soll -, wird er 1945 durch die Rote Armee befreit. Er wird Leiter der Kaiser-Wilhelm-Institute in Berlin-Dahlem und erhält 1946 eine Professur am Physikalisch-Chemischen Institut der neu eröffneten Humboldt-Universität in Berlin. Von 1949 bis 1963 ist er Mitglied der Volkskammer, 1951 tritt er in die SED ein. Ab 1956 vertritt er in Aufsätzen, Vorlesungen und Diskussionen Positionen, die den offiziellen Doktrinen widersprechen, und gerät immer mehr ins Kreuzfeuer der SED-Führung, der es jedoch lange schwerfällt, einen zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer gegen Hitler direkt zu maßregeln. Erst 1964 wird Havemann aus der SED ausgeschlossen, aus seinem Amt entlassen und erhält Hausverbot für die Universität. 1965 veröffentlicht er in der Hamburger Wochenschrift Die Zeit einen Artikel : „Ja, ich hatte unrecht. Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde.“ Von nun an lebt Havemann in seinem Haus in Grünheide bei Berlin, bewacht von der Staatssicherheit, mit Geldstrafe belegt wegen „Verstoßes es gegen das Devisengesetz der DDR“ und immer wieder bedrängt, doch in den Westen zu gehen. Doch Havemann bleibt in der DDR und vertritt weiter auf allen möglichen Wegen seine politischen Auffassungen, protestiert gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 und engagiert sich für die polnische Solidarnosc-Bewegung. Im Westen erscheint 1978 sein Buch „Ein deutscher Kommunist – Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation“. Ein Sammelband der Autoren von Biermann über Fetscher, Jäckel, Leonhard bis Hermann Weber fordert „Freiheit für Robert Havemann“ (1980). Am 9. April 1982 stirbt Robert Havemann in seinem Haus in Grünheide. Diesen biographischen Hintergrund muß man kennen und einbeziehen, wenn man die jetzt publizierten Angaben über Robert Havemanns „Stasi-Tätigkeit“ richtig bewerten will. Der Informant wird ab 1959 zum Beobachtungsobjekt Daß Havemann mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR und der damaligen Besatzungsmacht in der DDR, dem KGB zusammengearbeitet, hat, ist an sich nicht neu. Das war immer bekannt, und sein Artikel in der Zeit schließt die eigene Verurteilung dieser seiner Tätigkeit ein, die den Unterlagen zufolge auch 1962 beendet wurde. Neu sind die nun in einer Studie der Birthler-Behörde genannten Einzelheiten, die Havemanns Entwicklung von 1949 bis 1963 auf Grundlage der MfS-Akten darstellen. Neben den Akten zu den Gerichtsverhandlungen aus den siebziger Jahren und jenen zu der Vergangenheit Havemanns in NS-Zeiten stützen sich die neuen Erkenntnisse auf Unterlagen des „Operativen Vorgangs ‚Leitz’/’Leitz II‘. Im angegebenen Zeitraum über die vierzehn Jahre läßt sich „die Verschiebung der Interessenlage des MfS erkennen“. Anfänglich stellt man seitens des MfS fest, daß „Havemann (Deckname Leitz) konsequent die Linie der Partei vertritt“, was heute niemanden überraschen sollte. Nachträglich ist das politische Engagement allerdings moralisch extrem schwierig zu bewerten – insbesondere in einem diktatorischen System. Doch wenn man die Grenze einer Verurteilung daran bemißt, ob jemand bewußt anderen Schaden zugefügt hat oder nicht, bietet Polzin einiges Belastendes für den „Geheimen Informator“ Havemann alias „Leitz“. Nicht nur, daß „Leitz“ einen Wissenschaftler am Max-Planck-Institut aus West-Berlin dem MfS „zuführt“ und verschiedene Kollegen und Mitarbeiter wegen Fehlverhalten (geheime Liebschaften) oder politischer Meinungen denunziert, er belastet auch einen Leipziger Wissenschaftler wegen seiner „Republikfluchtabsichten“. Insgesamt sind allein 37 Treffs zwischen Havemann und dem MfS mit Informationen zu konkret benannten westdeutschen, 38 mit konkret benannten mitteldeutschen Wissenschaftlern und 19 Treffs nachweisbar, in denen andere Personen belastende Sachverhalte weitergegeben haben – neben anderen Informationsweitergaben wie über Tagungen, Dienstreisen etc. Man darf annehmen, daß einigen diesen Personen sehr wohl „Schaden entstanden“ ist. Die Zusammenarbeit mit der Armeeaufklärung der DDR zwischen 1955 und 1962 und mit den Sowjets ab 1946 bis 1952 führt Polzin zwar auf, allerdings ist darüber kaum aussagekräftiges Material mehr greifbar. Für das Ministerium für Staatssicherheit werden ab 1959 Havemanns Informationen allerdings als nicht mehr glaubwürdig angesehen. Nun wird der Informant zum Beobachtungsobjekt und bleibt bis zu seinem Tod im Visier der Stasi. Arno Polzin: „Der Wandel Robert Havemanns vom Inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der MfS-Akten“. Berlin 2005, 59 Seiten, broschiert, 2,50 Euro, zu beziehen unter www.bstu.de oder Fax 030 / 23 24 71 79 Prof. Dr. Wolfgang Seiffert erlebte Robert Havemann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erfinder-und Patentrecht der Humboldt-Universität in Berlin (Ost) Robert Havemann mit seinem Buch „Dialektik ohne Dogma?“: Kaum überraschend, daß er konsequent die Linie der Partei vertritt foto: picture alliance / dpa

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