Die Illusion war schöner als die Revolution

Mit Gyuszi haben wir sehr oft über das eigentlich unerklärliche Phänomen gerätselt: die Ergebenheit westlicher Intellektueller gegenüber dem grausamsten System aller Zeiten. Für die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen kann man die Erklärung dafür leicht finden. Man sah damals nur das Neue, das Vielversprechende, das der ganzen Menschheit ein besseres Dasein zusichernde Versprechen.“ Die Memoiren von Eva Hay („Auf beiden Seiten der Barrikaden“, Leipzig 1994), Ehefrau des Dramatikers und wichtigsten Repräsentanten der ungarischen Nachkriegskultur Julius (Gyuszi) Hay – den nicht wenige als einen geistigen Wegbereiter des Ungarn-Aufstandes von 1956 sehen – dokumentieren immer wieder das Unverständnis darüber, daß so wenige ihresgleichen im Westen das Saulus-Erlebnis teilen mochten. Für die zur kommunistischen Nomenklatur zählenden ungarischen Kulturschaffenden zumindest sollte der blutige Herbst die endgültige Erweckung aus all ihren bisherigen sozialistischen Hirngespinsten bedeuten. „Man verschloß die Augen, die Ohren vor den spärlich heraussickernden Informationen über Morde unvorstellbaren Ausmaßes an der eigenen Bevölkerung. Es war ein leichtes, alles das als ‚Propaganda der Sowjetgegner‘ abzutun. Auch die Morde in Spanien, begangen von der GPU. Auch der Überfall auf Finnland. (…) Die Massengräber von Katyn. Die Annexion der baltischen Staaten. Dann Osteuropa. Die Deportation ganzer Völker. Lange kann man die Aufzählung fortsetzen.“ Nicht gegen das System noch gegen den Warschauer Pakt Noch Mitte Oktober 1956 sah es nicht so aus, als ob sich nur einen Monat später die Ungarn in dieser Schreckensriege des Kommunismus wiederfinden sollten. Anders als in Ost-Berlin drei Jahre zuvor, wo Proteste gegen eine unerträgliche Versorgungslage gepaart mit realitätsfernen Planvorgaben ein Ventil fanden und aus einem „Brotaufstand“ ein nationaler Befreiungskampf wurde, war der Aufstand in Ungarn kaum vorhersehbar. Das auslösende Moment war eigentlich ein Gegensatz zwischen den Kommunisten – jenen, die am Stalinismus festhalten wollen, und jenen, die eine „humane Optimierung“ des Systems im Blick hatten. Hätte am 23. Oktober der KP-Chef Ernő Gerő eine diplomatischere Rede über das Radio gehalten oder wären die 14 Punkte der Studenten der Technischen Universität im Budapester Rundfunk verlesen worden, die nur einen sozialistischen Demokratisierungsprozeß proklamieren und weder gegen das System noch gegen den Warschauer Pakt agitieren wollten, wäre es gar nicht zum Aufstand gekommen. Selbst die Zerstörung des verhaßten Stalin-Denkmals auf dem Budapester Heldenplatz richtete sich noch nicht direkt gegen die Sowjetmacht, sondern für eine weitere Entstalinisierung, die der KP-Funktionär Imre Nagy 1953 bis 1955 als Ministerpräsident mit Reformen durchzusetzen versuchte. Statt dessen wurden die fahnenschwenkenden und gutgelaunten Studenten, deren Solidaritätskundgebung für die Arbeiter des im Juni 1956 brutal niedergeschlagenen Aufstand im polnischen Posen sich bis zum Abend des 23. Oktober zur Massenkundgebung entwickelte, brutal niedergeschossen. Bezeichnend für die Ziele der Demonstranten war, daß sie sich – neben Forderungen betreffend nationaler Symbolik wie Nationalfeiertag und Staatswappen – für die Wiedereinsetzung Nagys einsetzten. Schließlich war dieser ein strammer kommunistischer Kader, der die stalinistischer Säuberungen im Moskauer Exil wohl nicht nur deshalb überstehen konnte, weil Nagy 1918 persönlich an der Ermordung der Zarenfamilie in Jekatarinburg seinen Anteil hatte. Auch in der kurzen Zeit, in der der Agrarökonom den „nationalen und menschlichen Sozialismus“ umzusetzen versuchte, dachte er gewiß nie daran, den Staatsumbau nach 1945 mit Massenenteignungen und Verfolgungen zu korrigieren. Ihre Eigendynamik zu einer nationalen Erhebung erhielten die Proteste erst nach der ersten Großdemonstration in Budapest. Selbst am Morgen nach den tödlichen Schüssen am Rundfunkgebäude und ersten Barrikaden in den Straßen der Hauptstadt waren sicherlich viele Ungarn noch nicht in den Sog einer Revolution geraten. Erst der Intervention am 24. Oktober der in Ungarn stationierten Truppen der Roten Armee und der überharten Reaktionen des ungarischen Geheimdienstes AVH folgten die schweren Straßenkämpfe in Budapest mit vielen Dutzend Toten, besonders am 25. Oktober, dem „Blutigen Donnerstag“. Der revolutionäre Funke sprang danach auch auf die Provinz über. Der Generalstreik legte weite Teile des Landes lahm. Spätestens an diesem Tag konnte man von einem Volksaufstand sprechen. Immer mehr Arbeiter und Soldaten schlossen sich an, um verzweifelt gegen die Sowjet-Panzer vorzugehen. Die Verteidigung der Kilián-Kaserne gegen die Rote Armee unter der Führung von Oberst Pál Maléter weckte bei vielen der unorganisierten und schlecht bewaffneten Kämpfer die Hoffnung, den mechanisierten Einheiten der Sowjets vielleicht doch erfolgreich die Stirn zu bieten. Die Politik konnte mit dieser Eskalation der Ereignisse kaum Schritt halten. Der inzwischen wieder als Ministerpräsident eingesetzte Imre Nagy hechelte der Revolution, die er am 27. Oktober als solche anerkannte, mit seinen Proklamationen immer ein wenig hinterher. Dem verkündeten Ende der Einparteienherrschaft vom 30. Oktober folgte eine Mehrparteienregierung unter seiner Führung, die mit der Sowjetunion Verhandlungen über den Abzug aller Rotarmisten anstrengte. Bis zum 3. November schien sich die Situation tatsächlich zugunsten der ungarischen Freiheitskämpfer zu entwickeln. Spätestens mit der Neutralitätserklärung und dem Austritt aus dem Warschauer Pakt aber stand in Moskau fest, daß man nun massiv intervenieren würde. Zudem blieben die Westmächte passiv. Am 4. November marschierten starke Verbände der Sowjets nach Ungarn ein. Bis zum 15. November konnte der Aufstand weitestgehend niedergeschlagen werden. Insgesamt fielen dabei etwa 20.000 Ungarn und knapp 3.000 Sowjets. Es folgte die Vergeltung für die „Konterrevolution“. Obwohl über 200.000 Ungarn ins Ausland fliehen konnten, wurden weitere 20.000 inhaftiert und über 370 Personen hingerichtet, darunter der mit der Zusicherung der Straffreiheit aus seinem Asyl in der jugoslawischen Botschaft gelockte Imre Nagy sowie seine Regierung und die militärischen Führer Béla Kiraly und Pál Maléter, dessen Schneid überall in Westeuropa Sympathien weckte. Gulaschkommunismus für das Beschweigen von 1956 In Ungarn herrschte später bis 1990 ein „gewisser Gesellschaftsvertrag“, wie es die Soziologin Adrienne Molnár vom Budapester 56er Institut beschreibt. Nach einer Amnestie vieler Inhaftierter (1963) galt das „Beschweigen“ des Aufstandes als Gegenleitung für „die etwas lockerer geführten sozialistischen Zügel“ der Kommunisten, was man im Ostblock mit „Ungarn als lustigster Baracke“ oder „Gulaschkommunismus“ beschrieb. Julius Hay, der nach mehreren Jahren Haft im Zuge der Amnestie Anfang der sechziger Jahre ins Schweizer Exil ging, kommentierte 1963 bitter die Haltung vieler Schriftsteller und Journalisten im Westen: „Du wirst es kaum glauben, aber sie beneiden uns um unsere Leiden. Unser schlechtes Leben, unsere Gefängniserlebnisse, unsere toten Helden. (…) Sie lieben uns, solange wir zu Hause sind, uns opfern, einsperren und aufhängen lassen. Und sie hassen uns, wenn wir unsere Heimat freiwillig oder auch durch Zwang verlassen müssen und dann im Westen die Wahrheit sagen wollen und schreiben, wie es bei uns zugeht! Das zerstört die bequemen Illusionen über das fortschrittlichste aller Systeme.“ Anders als hinter dem Eisernen Vorhang, wo „Ungarn 1956“ bis zum Ende des Kommunismus 1989 Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses blieb, wurde im Westen die häßliche Fratze des Systems, die sich in Ungarn genauso zeigte wie später in Prag oder auf den kambodschanischen Killing Fields, tatsächlich zunehmend widerwilliger wahrgenommen. Fotos: Imre Nagy und Julius Hay im Oktober 1956: Saulus-Erlebnis, Zivilisten auf ungarischem Panzer, 24. Oktober 1956: „Sie beneiden uns um unsere Leiden“

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