Abrechnung mit dem „Genius unserer Tage“

Bis Ende Februar 1956 war die Welt für uns Funktionäre im „zentralen Apparat“ des realen Sozialismus in Ordnung. Josef Stalin – auf den zu seinen Lebzeiten vom „Vater aller Werktätigen“, dem „überragendsten Generalissimus in der Geschichte“ bis zum „Genius unserer Tage“ und der „alles überstrahlenden Leuchte der Wissenschaft“ alle Superlative angewandt waren, die sich Wortakrobaten überhaupt ausdenken konnten -, war zwar schon drei Jahre tot. Und nach seinem Ableben am 5. März 1953 hatte es im Ostblock auch einige Turbulenzen gegeben: den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953, Unruhen in Polen und Ungarn, Umbesetzungen in der Sowjetführung und in einigen Ostblockstaaten. Aber erstens hatte die Rote Armee ohne Zimperlichkeit die gewohnte Ordnung wieder hergestellt, und zweitens war mit Ausnahme des gefürchteten und blutbefleckten Chefs der sowjetischen Geheimpolizei, Lawrenti Berija, niemand sonst weiter hingerichtet oder den aus der Stalinära gefürchteten Schauprozessen unterzogen worden. Vor allem aber stimmte die „Chemie des reinen Bewußtseins“. Das hieß, daß Stalin ein in sich geschlossenes Ideologiegefüge hinterlassen hatte, an dem es bis dahin nichts zu rütteln gab und das auch niemand in Zweifel zu ziehen wagte. Noch am 14. Februar hatte das Parteisprachrohr Neues Deutschland zur Eröffnung des Moskauer Parteitags die obligatorische Gruß- und Ergebenheitsbotschaft des ZK der SED veröffentlicht und sie mit dem Ruf: „Es lebe die unbesiegbare Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin!“ beendet. Kern dieser „Lehre“ war der „dialektische und historische Materialismus“ (Diamat), dessen Grundsätze wir längst auswendig kannten und der die „Gesetzmäßigkeit“ der Menschheitsentwicklung zum Sozialismus hin „wissenschaftlich unwiderlegbar bewies“. Ausgerüstet mit der „unbesiegbaren Waffe dieser Lehre“, erkannte die Partei als „Vorhut der Arbeiterklasse“ ihren „historischen Auftrag“, die Menschheit auf kürzestem Wege zum Sozialismus zu führen und den „Imperialismus auf den Abfallhaufen der Geschichte“ zu werfen. Mit seiner letzten Schrift von 1952 über „Ökonomische Probleme des Sozialismus“, dem Vorwort zu einem „Lehrbuch Politische Ökonomie“, hatte Stalin das i-Tüpfelchen auf sein „wissenschaftliches Werk“ gesetzt, das wir zu diesem Zeitpunkt noch immer als „unsere Bibel“ zu betrachten und in Partei- und anderen Schulungen bis zum Erbrechen zu pauken und lobpreisen hatten. (…) Ich arbeitete seit Frühjahr 1952 als Sekretär und Büroleiter bei Bruno Leuschner, einem der engsten Vertrauten von Walter Ulbricht. Leuschner war stellvertretender DDR-Ministerpräsident, Mitglied des SED-Politbüros und als Vorsitzender der Staatlichen Plankommission der höchste Wirtschaftsführer der DDR. Und auch diese Besonderheit gab es in den Anfangsjahren der Sowjetzone und späteren DDR: Es herrschte ein unterschwelliger Dauerkonflikt zwischen den Altkommunisten aus der Weimarer Zeit, die den Nationalsozialismus in Deutschland oder der westlichen Emigration zurückgekehrt waren. Leuschner hatte zehn Jahre in deutschen Konzentrationslagern gesessen, war gelernter Industriekaufmann und hatte sich als engste Berater hauptsächlich Fachleute gesucht, die „klassischen“ Wirtschaftsschulen entstammten. (…) Sozialismus durch Ein- und Überholung statt Revolution Eine allgemeine Verunsicherung war am Morgen des 15. Februar 1956 eingetreten: Das Parteiblatt Neues Deutschland lag nicht in meinem Briefkasten! Das war noch nie vorgekommen und konnte auch nicht geschehen, wenn ein Austräger erkrankt war. Die Auslieferung des Parteiorgans hatte staatstragenden Rang. Ihr Ausbleiben konnte nur mit außergewöhnlichen politischen Ereignissen in Zusammenhang gebracht werden. Das Rätsel sollte sich kurze Zeit später lösen. Ich hatte an diesem Tage gemeinsam mit unserem Parteisekretär Günter Sieber (er gehörte nach dem Sturz von Honecker zum letzten SED-Politbüro unter Egon Krenz) und August Duschek (einem Stellvertreter Leuschners) in Potsdam zu tun. Beide holten mich an meiner Wohnung ab und waren bereits in ein sicher eher gequält anzuhörendes Gespräch verwickelt, sprachen leise, als solle unser Fahrer nicht allzuviel mitbekommen. Sieber setzte mich sofort ins Bild: Man hatte die wichtigsten Berliner Parteisekretäre noch in der Nacht ins Zentralkomitee der SED bestellt und auf den Grund der verspäteten Ausgabe des Neuen Deutschlands vorbereitet. „Im ZK steht alles Kopf“, tuschelte Sieber. „Chruschtschow hat vier ganz neue Thesen verkündet, die heute im ND stehen, der Grund, weshalb es etwas verspätet erscheint“. Und dann zählte er auf: Erstens würden Kriege jetzt für vermeidbar gehalten. Das sozialistische Lager und die internationale Arbeiterklasse seien inzwischen so weit erstarkt, daß sie den Imperialismus an der Anzettelung von neuen großen Kriegen hindern könnten. Nach Stalin waren Kriege das Hauptziel des Imperialismus gewesen, weil nur sie ihm „Maximalprofite“ sicherten. Zweitens gebe es – ebenfalls wegen des Erstarkens der Arbeiterklasse – nun doch einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus, was Stalin strikt ausgeschlossen hatte. Nach ihm hatten wir gelernt, daß nur der russische Weg des revolutionären Umsturzes möglich und nach diesem Muster konsequent zu organisieren sei. Drittens gehe die KPdSU unter Chruschtschow von einer längeren Periode des Nebeneinanderbestehens von „Kapitalismus“ und „Sozialismus“ aus, weshalb die „friedliche Koexistenz“ als „Hauptlinie“ der Außenpolitik des sozialistischen Lagers zu gelten habe. Und viertens vertrete die KPdSU die Ansicht, daß der Aufbau des Sozialismus, je nach historischen nationalen Gegebenheiten, in den einzelnen Staaten unterschiedlich verlaufen und vom sowjetischen Modell abweichen könne. Das neue Hauptziel des realen Sozialismus sei nun nicht mehr der Sturz des Imperialismus durch überhastet angezettelte Revolution, sondern ihn durch das bessere Beispiel zu besiegen, indem ihn der Sozialismus durch Ein- und Überholung auf allen gesellschaftlichen Gebieten in den Schatten stelle und „schlage“. Das war nun in der Tat starker Tobak. Und August Duschek, ein älterer Genosse von der besonders treuen, vorsichtigen und einfältig gläubigen Sorte, konnte es, nachdem er das nun von Sieber schon zum zweiten Mal gehört hatte, noch immer nicht glauben. „Hast du das wirklich aus dem ZK? Ist das keine westliche Zeitungsente?“ bedrängte er Sieber. Der lachte gekünstelt und meinte, daß er das auch zunächst gefragt habe. Aber es gebe keinen Zweifel, und man müsse nun auf den Wortlaut der Chruschtschow-Rede warten. Es komme schließlich auf die „wissenschaftliche Analyse und Begründung“ an, denn die sowjetischen Genossen würden ja wohl über eine genaue Einschätzung der Weltlage und des Standes des internationalen Klassenkampfes verfügen, woraus sich dann auch für uns in der SED und DDR neue Perspektiven in der Auseinandersetzung mit dem westdeutschen Imperialismus eröffneten. Stalin war kein „Klassiker des Marxismus/Leninismus“ mehr Die folgenden Tage bis Ende Februar gehörten zu den unsichersten und aufgeregtesten, die ich bis dahin im zentralen Apparat erlebt hatte. In hektischer Eile wurden wir von einer Schulung oder ideologischen Unterrichtung in die andere beordert, ihm die neuen „richtungweisenden Dokumente“ des Parteitags zu erörtern. In den Zwischenzeiten standen die Genossen auf den Gängen, saßen in der Kantine oder verschanzten sich in ihren Zimmern und orakelten darüber, was da wohl nun noch auf uns zukommen werde. Das steigerte sich noch, als über die westlichen Medien bekannt wurde, daß Chruschtschow in einer Geheimsitzung gegen Ende des Parteitags mit Stalin abgerechnet, ihn als Mörder und gewissenlosen Despoten bezeichnet – vor allem aber als „wissenschaftlichen Genius“ entthront habe. Es wurde höchste Zeit, daß Ulbricht, der mit den Führern der anderen osteuropäischen Satellitenparteien noch bis Ende Februar in Moskau zurückgehalten worden war – und ohne dessen Anwesenheit im ZK der SED sich nichts bewegte -, nach Ost-Berlin zurückkam. Danach aber lief alles wieder generalstabsmäßig ab. Zunächst wurden das Politbüro und die Sekretäre des ZK der SED auf eine Kurzfassung der Chruschtschow-Kritik an Stalin eingeschworen. Diese erschien dann als „Parteiverschlußsache“ zur Kenntnisnahme für die Kreissekretäre, diese hatten die Vorsitzenden der Grundorganisationen zu unterrichten (die sich nur Aufzeichnungen machen durften), und nach deren dürftigen Notizen wurden dann in „geschlossenen“ Sitzungen die Parteimitglieder unterrichtet. Auch nachdem in den folgenden Wochen wesentliche Passagen des Wortlauts der Rede über polnische Kanäle in die Westzeitungen gelangt waren, es die Berliner Mauer noch nicht gab und der Text längst illegal in der DDR-Bevölkerung kursierte, haben die SED-Mitglieder nie offiziell Kenntnis darüber erhalten. Die „Unterrichtung“ unserer Grundorganisation hatte Parteisekretär Sieber persönlich zu übernehmen. (…) Sein etwa halbstündiger Vortrag war läppisch: Die Partei halte es für notwendig, ihre Mitglieder von einer Information auf dem XX. Parteitag zu unterrichten, die nur uns Kommunisten etwas angehe. In einer geschlossenen Sitzung habe Chruschtschow zu einigen Problemen des Personenkults, der mit Stalin getrieben worden sei, Stellung genommen. Die nach Stalins Tod bekanntgewordenen Tatsachen zwängen uns zu einer kritischen Einschätzung seiner Person und Arbeit und darüber hinaus zu tiefgreifenden Schlußfolgerungen für unsere weitere politische Arbeit. Die Verdienste Stalins beim Kampf um den Sozialismus und gegen den Trotzkismus sowie andere parteifeindliche Gruppierungen und Machenschaften blieben unbestritten. Es sei aber falsch gewesen, sie allein Stalin zuzuschreiben. Daraus ergäben sich vor allem neue Aufgaben für die Geschichtswissenschaft. Den breitesten Raum nahmen danach die ideologischen Neuheiten aus der publizierten Rede Chruschtschows ein – und erst am Ende streifte er den Komplex der Stalinschen Verbrechen, sprach auch von Folterungen, Geständniserpressungen und Morden, begründete diese mit den Schwierigkeiten beim Aufbau des russischen Sozialismus in imperialistischer Einkreisung und Bedrohung, womit sie sogleich wieder entschuldigt waren. Und dann der apodiktische Schlußsatz: Zu den „Klassikern des Marxismus/Leninismus“ zähle Stalin nicht mehr! Ich hatte mich während der Rede wiederholt umgesehen und insgeheim amüsiert festgestellt, daß die meisten unbewegt nach unten sahen. Ich mußte an Halbwüchsige denken, die ihre erste Lektion in sexueller Aufklärung erhielten, zwar alles wußten, sich das aber nicht anmerken lassen wollten. Mit Peinlichkeit hätte sich die Stimmung gewiß besser charakterisieren lassen als mit Betroffenheit oder gar Entsetzen. Und noch peinlicher war die Situation nach der Rede, denn dann sollte diskutiert werden. Aber das Schweigen hielt an, und Sieber mußte einige direkt ansprechen, sich mutig zu äußern, denn er habe doch mitbekommen, daß es in den letzten Tagen in kleinen Kreisen recht lebhafte Debatten gegeben habe. Diese Gelegenheit nutzten ein paar schlitzohrige „Dissidenten“, die mit gespielter Naivität Sieber in Verlegenheit brachten: Ob das denn jetzt die ganze Wahrheit sei, wollten sie wissen. Und im übrigen, was sollten sie denn nun der Bevölkerung sagen, wenn sich all das bestätige, was bisher immer als Hetzpropaganda der West-Sender und West-Zeitungen hingestellt worden sei. Habe dann die Bevölkerung vielleicht auch mit dem recht, was sie ansonsten noch an Verleumdungen über den Sozialismus, unsere Partei und unsere führenden Genossen aus der Westpresse erzähle? Und welche Garantien solle es für die Zukunft geben, daß sich so etwas nicht wiederhole? Was werde sich an der Parteistruktur ändern, heiße das, daß die unteren Organisationen in der Partei in Zukunft mehr Mitsprache und Gehör erhielten? Auch darauf waren die Parteisekretäre akribisch vorbereitet worden, und Sieber wiegelte ab: In der SED habe es nie Personenkult gegeben, dort funktioniere auch der „demokratische Zentralismus“, der allen Gliederungen und Mitgliedern der Partei demokratische Mitwirkung entsprechend ihrer Funktion und ihren Kenntnissen sichere. Es sei daher auch vor „Bilderstürmerei“ zu warnen. Gerade in der DDR, an der sensibelsten Nahtstelle zwischen Kapitalismus und Sozialismus sei besondere Wachsamkeit notwendig und müsse bürgerlichen und revisionistischen Strömungen widerstanden werden. Das war es denn auch – ein Ausgang wie das Hornberger Schießen. (…) Stalin und Chruschtschow winken am 1. Mai 1951 noch einträchtig vom Lenin-Mausoleum: „Man kann nicht sagen, daß die Taten Stalins die eines gedankenlosen Despoten waren.“ Fritz Schenk war von 1971 bis 1988 Co-Moderator neben Gerhard Löwenthal, danach Redaktionsleiter des ZDF-Magazins. Anschließend war er bis 1993 Chef vom Dienst beim ZDF. Vor seiner Flucht in den Westen 1956 war er Sekretär der staatlichen Plankommission und Leiter des Büros des Vorsitzenden Bruno Leuschner in Ost-Berlin. Der Text entstammt seinen Erinnerungen „Im Vorzimmer der Diktatur“, die 2006 im Herbig-Verlag in Neuauflage erscheinen. Stichwort: Chruschtschows Geheimrede vom XX. Parteitag Am 25. Februar hielt der Erste Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, vor 1.436 Delegierten des nun endenden XX. Parteitags in einer geschlossenen Sitzung einen später als „Geheimrede“ bezeichneten „Bericht“, in dem er in über vier Stunden mit dem „Personenkult“ aber auch mit den terroristischen Methoden Stalins ins Gericht ging: So wurden die 1.966 „ehrlichen Kommunisten“ des XIV. Parteitags von 1934 genannt, von denen 1.108 bei den „Großen Säuberungen“ ermordet wurden. Darüber hinaus übte Chruscht-schow auch Kritik an der Hungersnöte auslösenden katastrophalen Landwirtschaftspolitik der dreißiger Jahre und der opferreichen Armeeführung im „Großen Vaterländischen Krieg“ 1941 bis 1945. Auch die Mißachtung aller Warnungen vor einem deutschen Angriff wie Churchills Telegramme aus dem April 1941 kritisierte Chruschtschow nun. Bis zur „nicht für die Presse bestimmten Rede“ war innerhalb der KP jede Kritik am 1953 verstorbenen Diktator verpönt. Der genaue Wortlaut wurde in der Sowjetunion erst 1989 bekannt. Da der israelische Geheimdienst 1956 ein Exemplar der polnischen „Bruderpartei“ erbeutete, konnte man beim Klassenfeind den Text bereits am 4. Juni 1956 in der New York Times lesen. Nachfolgend eine Passage aus dem Schlußteil der Rede: „Genossen! Um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, tritt das Zentralkomitee entschieden gegen den Personenkult auf. Wir meinen, daß Stalin über jedes Maß herausgehoben wurde. Zweifellos hatte Stalin in der Vergangenheit große Verdienste gegenüber der Partei, der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung. Kompliziert wird die Frage durch den Umstand, daß all das, worüber an dieser Stelle gesprochen wurde, zu Zeiten Stalins unter seiner Führung und mit seinem Einverständnis begangen wurde, wobei Stalin überzeugt war, daß dies zur Verteidigung der Interessen der werktätigen Massen gegenüber den Umtrieben der Feinde und den Attacken des imperialistischen Lagers unerläßlich sei. (…) Man kann nicht sagen, daß die Taten Stalins die eines gedankenlosen Despoten waren. Er meinte, daß man im Interesse der Partei, der werktätigen Massen, um der Verteidigung der revolutionären Errungenschaften willen so handeln müßte. Darin liegt die wirkliche Tragödie!“

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