Verdrängter Substanzverlust

Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, ihre Abtrennung und der Verlust von Siedlungs- und Kulturräumen in Osteuropa ist in Deutschland kein relevantes Thema mehr, nicht einmal kulturell und historiographisch. Ein Zentrum gegen Vertreibungen wird es voraussichtlich nicht geben, jedenfalls keines, das den Substanzverlust erfaßt, den Deutschland dadurch erlitten hat. Es hatte von Anfang an den Ruch der Peinlichkeit und Verlegenheit, daß Ereignisse im Kosovo oder in Ruanda als Legitimationsgrund dafür herhalten sollten, um endlich im offiziellen Rahmen an Ostpreußen oder Schlesien zu erinnern. Vielleicht wird es ein Zentrum in Breslau, heute Wroclaw geben, welches der „Versöhnung“ dient – die Wahrheit würde bereits genügen – und die Vertreibungsgeschichte „europäisiert“. Es ist unklar, was mit der „Europäisierung“ gemeint ist. Sie würde eine Internationale des Geistes voraussetzen, die über alle Grenzen und profanen Interessen erhaben ist und zur reinen Anschauung des Geschehens gelangt. Diese Annahme ist irreal, aus dem einfachen Grund, weil der nationale Bezugsrahmen für die Konstituierung eines kollektiven Bewußtseins noch für lange Zeit maßgeblich bleiben wird. Eben deshalb haben jetzt Ulrich Beck und Anthony Giddens vor dem Versuch gewarnt, ein kosmopolitisches Europa auf den Trümmern der Nationalstaaten zu errichten. Nur die Deutschen bzw. ihre politische Elite tun so, als sei dieser Rahmen bereits in Auflösung begriffen. Die Folgen sind fatal. Wo das Fundament eines aufgeklärten Geschichts- und Identitätsbewußtseins vorhanden sein müßte, erstreckt sich ein Trümmerhaufen, auf den andere ihre Mythen pflanzen. Denn die von den Europäisierern geforderte Komplexität der geschichtlichen Betrachtung endet stets dort, wo die Beschäftigung mit dem Imperialismus, mit den geo- und biopolitschen Ambitionen der anderen Mächte beginnen müßte. Das finale Argument ist der kausale Nexus zwischen Holocaust und Vertreibung, für den es zwar keine faktischen Belege gibt, den aber niemand in Frage zu stellen wagt, dem Karriere und gesellschaftliche Reputation lieb sind. So fügt sich alles in die schöne neue Nachkriegsordnung ein, in der, so Noch-Bundeskanzler Gerhard Schröder, „der 8. Mai als Tag der Befreiung eine anerkannte kollektive Norm“ darstellt. Viel Volksverdummung und Verdrängungsarbeit war nötig Um diese Norm durchzusetzen und ihr zu genügen, sind viel Volksverdummung und Verdrängungsarbeit nötig, die nie erlahmen dürfen, weil sie in dem Moment, wo sie enden, rückblickend als solche erkannt und verworfen würden. Nehmen wir die Stadt Neisse (heute Nysa) siebzig Kilometer südöstlich von Breslau. Ein katholischer Priester berichtete über den Einmarsch der russischen Truppen am 24. März 1945: „Bereits in der ersten Nacht wurden viele Schwestern und Frauen gegen 50mal vergewaltigt. Die Schwestern, die sich mit aller Macht wehrten, wurden teils erschossen, teils unter furchtbaren Mißhandlungen in einen Zustand physischer Erschöpfung gebracht, der ein weiteres Sichwehren unmöglich machte. So warf man Ordensschwestern auf den Boden, bearbeitete sie mit Fußtritten, schlug mit Pistolen und Gewehrkolben auf den Kopf und ins Gesicht, bis sie blutüberströmt, zerfleischt und verschwollen bewußtlos zusammenbrachen und in diesem Zustand ein hilfloses Objekt“ waren. Und weiter: „Die gleichen grausamen Szenen spielten sich in Krankenhäusern, Altersheimen und anderen Niederlassungen ab. Selbst siebzig- bis achtzigjährige Schwestern, die krank oder vollständig gelähmt in ihren Betten lagen, wurden von diesen Wüstlingen immer wieder schändlich vergewaltigt und mißhandelt. Nicht etwa im geheimen, in verborgenen Schlupfwinkeln, sondern vor den Augen aller, selbst in Kirchen, auf Straßen und öffentlichen Plätzen waren Schwestern, Frauen, ja selbst achtjährige Kinder immer wieder der gemeinen Gewalt preisgegeben. Mütter vor ihren Kindern, Mädchen vor ihren Brüdern, Ordensschwestern selbst vor halberwachsenen Jungen wurden noch bis in den Tod mißbraucht. Geistliche, die die Schwestern zu schützen suchten, wurden rücksichtslos gepackt und unter Todesdrohungen weggeschleppt.“ Wie geht man mit solcher Leidensgeschichte um? Man kann so tun, als hätte es sie nicht gegeben. Man kann behaupten, sie sei eine Strafe gewesen, und einen Verantwortungszusammenhang zwischen der gequälten Achtjährigen und Adolf Eichmann herstellen. Man kann sie in einer infantilen Redeweise à la Oskar Matzerath ertränken. Inzwischen hat Günter Grass sie in seiner Novelle „Krebsgang“, die den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ thematisiert, modifiziert und ergänzt. Auf der Suche nach den Spuren, die die Vertreibung in der Mentalität der zwei deutschen Nachkriegsgesellschaften hinterlassen haben, wird man ohnehin am meisten bei Schriftstellern fündig. Hans-Ulrich Treichel, 1952 als Sohn zweier Vertriebener im tiefsten Westdeutschland geboren, erinnert sich an sein Elternhaus als an einen „von traumatischer Erfahrung erfüllten Raum. Doch teilte sich mir diese Erfahrung nicht mit. Genauer: Niemand erzählte mir was.“ Die elterliche Geschichtserfahrung übertrug sich auf ihn indirekt, in Form chronischen Unwohlseins. Im Ergebnis vollzog die Generationenabfolge sich als ein „Aufeinanderkrachen und Ineinanderschieben von Zugwaggons bei einem Zugunglück“. Aus Schuldkomplexen lassen sich weder Mut noch Kraft schöpfen Die Weigerung, sich mit der Vertreibung zu befassen, entspringt der Furcht der Deutschen, die eigenen Verwundungen, die kollektiven wie die individuellen, zu realisieren. Sie betrifft auch viele andere Kriegsereignisse und -folgen und ist eine Hauptursache für den Zustand besinnungsloser Infantilität, in dem das Land sich heute befindet. Der 2001 tödlich verunglückte W. G. Sebald schrieb in dem Essay „Luftkrieg und Literatur“ (1999), daß die Deutschen trotz ihrer lauten Vergangenheitsbewältigung „heute ein auffallend geschichtsblindes und traditionsloses Volk (sind). Ein passioniertes Interesse an unseren früheren Lebensformen und den Spezifika der eigenen Zivilisation, wie es etwa in der Kultur Großbritanniens überall spürbar ist, kennen wir nicht.“ Die Gründe dafür glaubte er in der „Überladung und Lähmung der Denk- und Gefühlsapparatur“ der Überlebenden erkannt zu haben. Er meinte, „daß die neue bundesrepublikanische Gesellschaft die in der Zeit ihrer Vorgeschichte gemachten Erfahrungen einem perfekt funktionierenden Mechanismus der Verdrängung überantwortet hat, der es ihr erlaubt, ihre Entstehung aus der eigenen Degradation zwar faktisch anzuerkennen, zugleich aber aus ihrem Gefühlshaushalt völlig auszuschalten“. Dieser Verdrängungsprozeß schlug sich in einer von puritanischem Fleiß geprägten Homo-Faber-Mentalität nieder, die von 1968er Hohepriestern sukzessive durch die mit pseudo-religiösen Weihen versehene Ideologie von der schuldbewußten Nation ergänzt wurde. Doch das Land wird von keiner ökonomischen Stärke mehr getragen, und aus Schuldkomplexen lassen sich weder Mut noch Kraft schöpfen. Die Alternativen sind klar: Entweder erinnert Deutschland sich der Komplexität seiner Geschichte und fegt die falschen Hohepriester, die es daran hindern wollen, endlich beiseite, oder es wird mit ihnen im Orkus verschwinden.

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