Suche nach Hilfe

Am 21. April 1945 tauchte inmitten eines Flüchtlingsstromes durch Oranienburg, darunter Soldaten, die am Kopf und an anderen Körperteilen bandagiert waren, ein Lazarettauto auf, aus dem der Sanitätsunteroffizier um Hilfe für seiner Schwerverwundeten bat. Der Artilleriegefechtslärm war an diesem Nachmittag bereits aus etwa dreißig Kilometer Entfernung zu hören. Ich war zu dieser Zeit 16 Jahre alt. Als Ortskundiger stelle ich mich sofort zur Verfügung, wir fahren zum Oranienburger Krankenhaus, das leicht bombenbeschädigt war, weshalb die Verwundeten dort nicht aufgenommen werden konnten. Darauf machte ich den Vorschlag in die nahe gelegene SS-Kaserne zu fahren, da es dort eine Krankenstation gab. Der Wachhabende am Eingangstor ließ uns nach kurzer Überprüfung passieren. Man fing an, die Verwundeten auszuladen, darunter war auch ein 16jähriger mit einem Bauchschuß, der laut jammerte. In diesem Moment eilte ein Offizier heran, der schon von weitem schrie: „Halt! Wieder einladen, reserviert nur für SS-Angehörige“. Es entwickelte sich ein Streitgespräch. Der Unteroffizier stampfte schließlich erzürnt mit dem Fuß auf den Boden. Die stöhnenden Verwundeten wurden wieder eingeladen; einer von ihnen war inzwischen verstorben. Wir fuhren weiter nach Grabowsee bei Oranienburg, wo Soldaten mit Lungendurchschüssen in einer Lungenheilstätte versorgt wurden. Auch dort konnte man uns nicht helfen, weil dort die verwundeten Soldaten inzwischen auf Fluren und Korridoren liegen mußten. Nur den Toten nahm man uns ab. Schließlich hatten wir in der Landwirtschaftsschule in Eden/Oranienburg, wo eine Einheit der Organisation Todt auch eine Sanitätsstelle hatte, mehr Glück. Inzwischen war es 22 Uhr. Wir erreichen die Schule, der zweite Sanitäter, ein Obergefreiter, sprang aus dem Fahrzeug, rannte in den Schulhof, man hörte Kommandos. Aus einem Klassenraum wurden Tische und Stühle herausgetragen, Stroh wurde organisiert. Die Verwundeten wurden sofort hineingetragen, und ein Arzt kümmerte sich um sie. Gegen Mitternacht war ich zu Hause. Meine Mutter hatte sich fast zu Tode geängstigt. Sie wollte mich nicht auch verlieren, nachdem mein Vater in Rußland vermißt war. Sollte noch jemand von den Zeitzeugen am Leben sein, so würde ich mich freuen, das zu wissen. Gerhard Meier, Vetersen Foto: Sowjetische Soldaten beschreiben Anfang Mai 1945 die Wände des Reichstages

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