Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Sorge um die Ehemänner

Wir wurden aus Grulich/ Böhmen – bekannt durch den Muttergottesberg – im Mai 1946 mit dem ersten Güterwagentransport zwangsausgewiesen. Vorher hatten wir schon Tschechen in unser Haus eingewiesen bekommen, wurden vom Eigentum „befreit“, ein Jahr drangsaliert und jämmerlich versorgt. Den „Aussiedlungsschein“ erhielten wir schikanöserweise erst einen Tag vor der Einweisung ins „Sammellager“, einer alten Textilfabrik mit 1.600 Stockbett-Übernachtungsmöglichkeiten. Ich hatte Mühe, mit meiner Ziehtochter in einer Nacht heimlich das zugelassene Gepäck zusammenzubinden: Kleidung, Wäsche, Schuhe, Haushaltsgegenstände, Bettzeug. Wir verzichteten auf vieles, um vor allem Erinnerungsstücke und Fotos zu retten. In Bettüberzügen zusammengeschnürt, sparte man das Gewicht der schweren Koffer ein, um die zugelassenen fünfzig Kilogramm auszunützen. Im Lager gab es erst Leibesvisitationen nach Schmuck und anderen von den Tschechen begehrten Gegenständen. Die Lage war insgesamt gespannt, geprägt von Angst und Ungewißheit. Ich bemühte mich als Lehrerin, durch Kasperlespiel die Kinder ruhig zu halten. Aufgrund meiner Tschechischkenntnisse wurde ich dann zu einer der vierzig Waggonführerinnen ernannt. Wir erfuhren, daß der Transport nach Bayern geleitet werden sollte und wir an der Grenze in Taus/Böhmerwald von den Amerikanern übernommen werden würden. Dort müßten wir einige Fragen beantworten: ob das vorgeschriebene Gepäck und die Familie vollzählig seien oder ob jemand zurückbehalten würde. Mit erhobener Stimme fuhr der Informator fort: „Wenn Sie nach Deutschland kommen wollen, dann müssen Sie ‚Maul halten'“! Die letzten zwei Worte sprach er für alle verständlich auf deutsch. Ich beriet mich kurz mit meiner Nachbarin und wir kamen überein, trotz dieser unmißverständlichen Warnung den Amerikanern die Wahrheit zu sagen. Vielleicht könnten wir damit auf das Schicksal unserer internierten Männer aufmerksam machen und ihnen zur Freiheit verhelfen. An der Grenze in Taus wurde die tschechische gegen eine deutsche Lok ausgetauscht. Nur die Waggonführer durften draußen stehen und auf die Übergabe an die Amerikaner warten. Als ich dem US-Offizier sagte, daß ein Vater von vier Kindern im Uranbergbau zurückbehalten würde, wurden die tschechischen Übergabeleiter sehr böse. Unsere Antwort sprach sich schnell herum und viele entschlossen sich zu solchen Meldungen, weil viele der Männer fehlten. Die Tschechen reagierten mit der scharfen Anweisung, daß alle Familien, bei denen ein Mitglied fehlte, auszusteigen hätten. Das war ein großer Schock für die Ausgesonderten. Wohin würden sie kommen? Die Schwierigkeiten, die sich auch mit der Ausladung des verstauten Gepäcks ergaben, fielen angesichts solcher Sorgen kaum noch ins Gewicht. Ich konnte meiner Nachbarin noch die Adresse eines Bekannten aus Bayern zustecken, damit wir uns möglichst bald wiederfinden und ihr Schicksal verfolgen könnten. Durch sie erfuhr ich nach einigen Wochen, daß sie auf Lastkraftwagen zurück in die Tschechei gebracht und dort zum Reinigen von Kasernen gezwungen wurden, selbstverständlich gegen Zuteilung von Hungerrationen. Nach Ableistung dieser Zwangsdienste kam meine Bekannte mit einem Transport von „Böhmerwäldlern“ in den Raum Mannheim. Man hatte sie in den schon von den Amerikanern übernommenen Transport gepfercht. Die internierten Männer waren jedoch weiter zur Zwangsarbeit zurückgehalten worden, ihnen konnte nicht geholfen werden. Wie ich erfuhr, kam der Mann meiner Nachbarin erst aus dem Uranbergbau frei, als er sterbenskrank war. So umgingen die Tschechen die Abmachungen mit den Amerikanern über den „humanen Transfer“, der so viel menschlicher gewesen sein soll als die „wilden Vertreibungen“, wie etwa der Deutschen aus Teplitz-Schönau, aus vielen Sudetengebirgsdörfern nach Sachsen oder der Brünner nach Niederösterreich.

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