Sehnsucht nach Heimat

Mein Vater war bis 1939 Abgeordneter für die deut sche Minderheit im Sejm von Kattowitz und mich als Sechsjährige interessierten schon damals die Gespräche, die meine Eltern bei Tisch führten. Ich wußte, daß die Polen nicht gerade gut zu uns Deutschen in Oberschlesien waren und habe es durch Beschimpfungen der Nachbarskinder persönlich zu spüren bekommen. Als in der Nacht zum 1. September 1939 mein Vater von den Polen verhaftet werden sollte, wir Kinder mit meiner Mutter mit erhobenen Händen vor den Aufständischen stehen mußten und diese Leute eine Hausdurchsuchung bei uns vornahmen, aber keinerlei belastendes Material fanden, war uns klar, daß wir in unserem Haus nicht sicher waren. Wir flüchteten nach der Hausdurchsuchung das erste Mal nach Kattowitz zu einer Tante. Als wir am nächsten Tag aufwachten waren bereits die „Deutschen“ da. Wir waren überglücklich, noch nicht ahnend, was dieser Kriegsbeginn für einen Einfluß auf unser Leben nehmen sollte. Die Schulzeit von 1940 bis 1945 verlief zwar wegen der Einberufung unserer Lehrer mit weniger Unterrichtsstunden, aber sonst reibungslos und friedlich. Wir hatten ein schönes Haus und einen großen Garten, in dem oft die Freundinnen beider Nationalitäten zu Besuch waren. Diese Idylle fand am Abend des 24. Januar 1945 ein Ende, als uns der NS-Ortsgruppenleiter die Flucht befahl, da Kampfhandlungen zwischen der Wehrmacht und den heranrückenden Sowjets erwartet wurden. Es sollte nur wenig Gepäck mitgenommen werden, da wir bald wieder nach Hause kämen. So geschah es auch, das wir noch in der Nacht auf den Bahnhof nach Petrowitz gebracht wurden, der uns aber, da völlig überfüllt mit Flüchtlingen, nicht mehr aufnehmen konnte, und wir zur Heimkehr aufgerufen wurden. Überglücklich schliefen wir noch die eine Nacht in unseren frisch bezogenen Betten und wir Kinder glaubten in unserer Naivität, es wäre vielleicht doch alles gut und die Flucht würde uns erspart bleiben. Ich erinnere mich noch genau, welches Lied damals im Radio, am Sonntagabend vor der Flucht gespielt wurde: „Ich freue mich, daß wieder Sonntag ist“. Aber weit gefehlt, die Flucht wurde uns nicht erspart. Am Morgen des 25. Januar 1945 wurde erneut die Fluchtparole ausgegeben. Diesmal ging es auf einem Pferdewagen fort, bei klirrender Kälte, vorbei an toten Menschen und Pferden, zu irgendeinem Bahnhof. Im Viehwagen ging es dann immer nur nachts ein Stückchen weiter, am Tag standen wir ohne Verpflegung auf freier Strecke. Die hygienischen Bedingungen waren so schlecht, daß vor allem die Alten und Kranken starben wie die Fliegen. Ein Zufall ergab, daß meine Mutter mit uns beiden Mädchen, elf und vierzehn Jahre alt, in ein Abteil des Zuges umsteigen konnte, wo es aber auch wieder so überfüllt war, daß wir Kinder im Gepäcknetz schlafen mußten. Völlig überraschend wurde uns befohlen, auszusteigen und wieder auf Pferdewagen im Treck weiter zu fahren, wobei sich aber ein polnischer Kutscher weigerte, uns zu transportieren. Trotzdem ging es weiter, aber die Kälte, 25 Grad minus, war unerträglich. Ich habe mir damals die Fersen erfroren, der Hunger und die Trauer kamen dazu. Meine Mutter trennte sich, zum späteren Leidwesen, von unserem Treck, der nach Bayern ging, weil sie eine Privatadresse im sächsischen Kirchberg hatte. So kamen wir nach einer Odyssee, am 2. Februar in Kirchberg bei Zwickau an, völlig ausgehungert und durchgefroren. Dort wohnten wir bei einer Bekannten in einem kleinen Zimmer, aus dem gerade am selben Tag ein ausgebombter Herr aus Wuppertal ausgezogen war. Schwierig war es nur für uns Flüchtlinge, daß wir mit den Lebensmittelkarten einen Monat länger auskommen mußten als die Einheimischen. Überhaupt waren wir nicht so gerne gesehen. Trotzdem blieben wir bis zum Kriegsende am 8. Mai dort, dann aber wollte die Stadt Kirchberg uns nicht mehr haben, und man verfrachtete uns nach Berga an der Elster. Vergewaltigt oder verschleppt wurden wir nicht, aber einen Knacks hat unsere Seele bekommen und mein ganzes Leben trage ich die Sehnsucht nach meiner Heimat im Herzen .

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