Joachim Kuhs

 

Entronnen

Wir sind am 29. Januar 1945 aus Groß Blumberg an der Oder, 25 Kilometer östlich von Crossen, geflüchtet. Im Vergleich zu dem, was andere auf ihrer Flucht erleiden mußten, war die unsere wenig spektakulär. Zwei Ereignisse jedoch beleuchten das Umfeld, das nicht zu vernachlässigen ist. Mein Vater war Binnenschiffer und fuhr ein Tankschiff im Auftrag der Luftwaffe. Er war dienstverpflichtet und trug eine Luftwaffenuniform. Sein Schiff lag in Berlin. Ihm gelang es, von dort mit dem Zug bis nach Groß Blumberg zu reisen und meine Mutter und mich aus dem Dorf heraus-zuholen. Auf dem Weg zum sechs Kilometer entfernten Bahnhof Straßburg stellte sich uns der Ortsgruppenleiter in den Weg. Er wollte unsere Abreise verhindern und bedrohte uns sogar mit seiner Pistole. Da mein Vater in Uniform war, gab der Ortsgruppenleiter letztlich klein bei, und wir stapften bei Minus zwanzig Grad durch hohen Schnee zum Bahnhof. Dort stand ein beheizter Personenzug, der auf die Bevölkerung der umliegenden Dörfer vergeblich wartete, denn eine Parteigröße hatte verkündet, daß die Russen nicht in den Kreis Crossen kämen, und die Evakuierung verhindert. So fuhren wir drei ganz alleine im Zug nach Berlin. Die anderen Verwandten blieben zurück und durften die Willkür der „Befreier“ auskosten. Sie wurden ein Jahr später von den Polen ausgewiesen. Meine Großmutter jedoch ist kurz nach der Besetzung im Hof von einem Russen erschossen worden, als sie ihr Vieh versorgen wollte. Zum Glück hatten wir auf Vaters Schiff eine gute Unterkunft gefunden. Da er den Auftrag erhielt, das Schiff nach Westen zu bringen, gelangten wir auf die Elbe und lagen am Ostufer gegenüber Bittkau nördlich von Magdeburg fest. An der Elbe stauten sich die Flüchtenden, denen die US-Amerikaner das Übersetzen nach Westen verwehrten. Dennoch versuchte mein Vater eine Schiffsbrücke zu errichten, indem er mit seinem Motorschiff einen Schleppkahn nach dem anderen stromabwärts einschwamm und sie aneinanderreihte, kein leichtes Unterfangen, denn die Elbe führte Hochwasser. Als er den letzten Kahn einschwimmen wollte, forderten die Amerikaner ihn mit Lautsprecher auf, die Schiffsbrücke aufzulösen und bekräftigten dies mit einem Kanonenschuß. Das waren unsere anderen Befreier!

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