Verfehlung eines Idols

Kaum legt sich die Aufregung um die NSDAP-Mitgliedschaft von Walter Jens, steht ein neuer „Fall“ zur feuilletonistischen Bewältigung an. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer, der 1961 mit seiner These von der Alleinschuld des deutschen Kaiserreichs am Ersten Weltkrieg ein geschichtspolitisches Erdbeben auslöste, war nicht nur formal Parteigenosse, sondern steckte als Ideologieproduzent tief im „braunen Sumpf“, wie der Potsdamer Historiker Klaus Große Kracht in der Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte (2/03) enthüllt. Dabei waren Eckdaten von Fischers NS-Engagement lange bekannt. Helmut Heiber belegte 1966 Fischers Förderung durch den NS-Chefhistoriker Walter Frank. Alfred Heuß wies 1984 darauf hin, daß der einstige Theologe seine positive Fixierung auf Hitler nach 1945 „zelotenhaft“ umpolte. Wer bei Heuß oder anderen Generationsgenossen Fischers nachfragte, bekam biographische Details zu hören, die sich seit 1989 auch in dessen Berliner Personalakte nachlesen ließen. Nur in der Zeit, seit vierzig Jahren publizistische Bastion der Fischer-Schule, wollte man das nie so genau wissen. Darum zeigt sich nun deren Ressortleiter, Alt-68er und Argument-Autor Volker Ullrich, für dessen Geschichtsbild Fischers „Alleinschuld“-These konstitutiv ist, ob der Verfehlungen seines Idols verstört (Ausgabe vom 15. Januar). Bemerkenswert an solchem Lamento ist allein, daß Hüter des Zeit-Geistes und Verfechter eines penetranten Moralismus in historicis wie Ullrich damit ihr naives Weltbild offenbaren, das vom ungebrochenen Kinderglauben an die Unterscheidbarkeit von Gut und Böse zeugt.

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