Retorten-Elite

Die rot-grüne Regierungsriege in Berlin scheut vor keinem Flop zurück. Ausgerechnet dieselben Leute, die vor 30 Jahren in der Kulturrevolution der „Kritischen Theorie“ und Studentenbewegung Eliten und Elitebildung in den Orkus ihrer Fundamental-Demokratisierung beförderten als den angeblich schlimmsten Ausdruck reaktionären und antidemokratischen Denkens, rufen nun, nachdem das Kind längst erfolgreich in den Brunnen gefallen ist, lauthals dazu auf, es dort wieder herauszuholen. Keine Frage: das Thema ist ein dringliches Stück jeder heutigen Reform-Agenda. Zweifelhaft ist jedoch, welche Leute das Thema heute als Neuentdeckung verkünden. Von allen guten Geistern, vom Geist schlechthin verlassen, beginnen sie charakteristisch beim Geld. Sie können sich offensichtlich nicht vorstellen, daß das Problem etwas mit Immateriellem zu tun hat, mit Kultur, Geist, Moral, Leistung und Verantwortung, daß „Elite“ überhaupt nur wachsen und gedeihen kann auf einem Humus der Kultur, wie er Deutschland einmal bis 1933 ausgezeichnet hatte. Statt dessen haben gerade die Traditionskompanien des 68er-„Geistes“ diese Kultur Zug um Zug verrotten lassen und preisen solche Verrottung gar als demokratischen Fortschritt. Wie schon in der rot-grünen Schulpolitik in der Reaktion auf Pisa stehen dann auch in der Hochschulpolitik sterile Finanzierungs- und Organisationsfragen am Anfang und am Ende. Daß Elite etwas mit der berühmten „innerweltlichen Askese“ der protestantisch-preußischen Tradition, mit den klassischen europäischen Tugenden des selbstlosen Dienstes am Gemeinwohl und am Gemeinwesen zu tun hat, kommt den heutigen „Eliten“ in Politik, Medien und Wirtschaft mit ihrem historischen Analphabetentum ohnehin nicht in den Sinn. Diesem historisch-ökonomischen Materialismus als fortschrittlicher Mischung kommunistischer und monopolkapitalistischer Technokratie unter dem Primat „anwendungsbezogener“ naturwissenschaftlich-technologischer Forschung entspricht dann auch die dumme Vernachlässigung der Kultur- und Geisteswissenschaften, die unsere Hochschullandschaft schon längst kennzeichnet. Auch hier also die banausenhaften Slogans „Laptop statt Schulranzen“, Informatik statt Lesen. Die kulturellen Fundamente unserer historisch-politischen Existenz stehen hier schon gar nicht mehr zur Diskussion, sondern zur Disposition: Wir sind auf dem Weg in die „inhumane Kälte eines neuen Barbarentums“ wie Günter Zehm schon vor über 30 Jahren (Die Welt, 18. Oktober 1972) hellsichtig erkannt hatte.

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