Ungenau, tendenziös und fern jeder Wissenschaftlichkeit

Die private erste „Wehrmachtsausstellung“ wurde erst nach vier Jahren hochgelobter Wanderpräsentation durch die Veröffentlichungen von drei Außenseitern der deutschen Historikerzunft, Bogdan Musial, Chriszián Ungáry und Dieter Schmidt-Neuhaus gestoppt. Nachdem diese das Ausmaß der Bildmanipulationen und Textfälschungen, der Diskriminierungen und des gezielten Rufmordes ans Licht brachten, wurde die Schau Ende 1999 zur Überprüfung geschlossen. Im Schlußbericht kommen die acht Gutachter, von denen sechs in die Ausstellung eingebunden waren, zum Ergebnis, diese enthalte keine Fälschungen. Ende 2001 eröffnete Reemtsma eine doppelt so umfangreiche Neukonzeption der Wanderschau zum Thema „Verbrechen der Wehrmacht“ in Berlin. Dazu ist ein Kommentar von 170 Seiten und über 400 Fußnoten mit Belegstellen vom Historiker Stefan Scheil erschienen. Schon das fast unveränderte Titelthema und die Feststellung Reemtsmas „Zu zeigen, … wie weit verbreitet die freudige und freiwillige Beteiligung am Massenmord (war), … ist diese Ausstellung da“ beweisen, daß die angeblich wissenschaftliche Neukonzeption weiterhin ein pauschales Urteil über die Wehrmacht publikumswirksam verbreiten will. Unverfroren behaupten auch die neuen Autoren, die erste Ausstellung hätte keine Fälschungen und Manipulationen enthalten. Das Material ist nach wie vor einseitig ausgewählt, es enthält zahlreiche Fehler in den Einzeldarstellungen und suggeriert Verbrechen mit Dokumenten, aus denen keinerlei Bezug zu Taten der Wehrmacht ersichtlich ist. Scheil behandelt die sechs vorgegebenen „Dimensionen“ der Ausstellung. Dabei ist zu ergänzen, daß die Autoren diese verzettelt und mit überflüssigen Wiederholungen darstellen. Es ist wohl kein Zufall, daß die aus der Berliner SS-Zentrale stammende Behauptung von der „erfreulich guten Einstellung der Wehrmacht gegen die Juden“ gleich fünfmal erscheint. In der Dimension „Völkermord an den sowjetischen Juden“, werden Massenmorde suggeriert, die ohne die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht nicht hätten stattfinden können. Als „Paradebeispiel“ präsentieren die Aussteller die 707. Sicherungsdivision (Gesamtstärke unter 5.000). „Wehrmacht, Polizei und litauische Kollaborateure verübten eigenständig oder in Kombination miteinander zahlreiche Massenmorde“, heißt es über ihren halbjährigen Einsatz in Weißrußland. Scheil entkräftet die mit zwei Fallbeispielen suggerierte aktive Beteiligung von Wehrmachtssoldaten am Judenmord, für die keine Beweise erbracht werden. Ebenso die Wahrheit verfehlt wie die erste Ausstellung Der Verfasser versäumt dabei, die Behauptung auf Seite 469 des Kataloges zu erwähnen, nach der unter dem Kommando der Division bis Dezember 1941 19.000 „Menschen“ getötet wurden, darunter ein erheblicher Teil Juden. Die vage Behauptung eines örtlichen Judenreferenten, die die Aussteller als Quelle nennen, wird bereits falsch zitiert. Die 707. Division wird nicht erwähnt, sondern die Wehrmacht, statt von „Menschen“ spricht der „Burkhardt-Bericht“ von Partisanen. Desweiteren kommentiert Scheil die Dimensionen der Ausstellung: Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Deportationen und Zwangsarbeit, Ernährungs- und Partisanenkrieg sowie Geiselerschießungen. In diesen Themenfeldern beschuldigen die Autoren die Wehrmacht, sie hätte zentrale Bestandteile des damals geltenden Kriegsvölkerrechts außer Kraft gesetzt und damit die wesentlichen Voraussetzungen für einen bis dahin beispiellosen Rasse- und Vernichtungskrieg geschaffen. Dabei wird die brutale Rücksichtslosigkeit der sowjetischen Kriegführung gegen die eigene Truppe und die Zivilbevölkerung ebenso völlig ignoriert wie der als Mittel der Kriegführung in extenso praktizierte „Rückzug der verbrannten Erde“ 1941. Im Abschnitt „Tatorte?“ stellt Scheil eine Reihe von Einzelfällen richtig wie den Fall Tarnopol, den die erste Ausstellung auf zwei Katalogseiten als Pogrom von Wehrmachtseinheiten darstellt. Nunmehr wird dieser Fall im Kapitel „Wehrmacht und Völkermord“ behandelt, ohne einen einzigen Beweis für ein Verbrechen von Soldaten vorzulegen. Der „Franzl-Brief“, ein längst als untauglich entlarvtes Exponat, erscheint dabei gleich dreimal mit vollem Text. In Bialystok, so wird behauptet, hätte ein unter der Befehlsgewalt der Wehrmacht stehendes Polizeibataillon 800 Menschen in der Synagoge lebendig verbrannt, eine durch nichts belegte Aussage. Dort kam es zu einem Massaker an Juden auf Befehl des Kommandeurs des Polizeibataillons, welchem Wehrmachtsoffiziere sogar Einhalt zu gebieten versuchten. Scheil weist mit seiner intensiven und seriösen Quellenarbeit nach, daß die Neukonzeption der Ausstellung mit ihrem Anspruch der Wissenschaftlichkeit ebenso die Wahrheit verfehlt hat wie die erste Bilderschau. Seinem Buch ist die Verbreitung vor allem unter denen zu wünschen, die durch diese Ausstellung, ihre Begleitveranstaltungen und ihr Echo in den Medien ein falsches und verfälschtes Bild von der Kriegführung im Osten bekommen haben. Stefan Scheil: Legenden, Gerüchte, Fehlurteile. Ein Kommentar zur 2. Auflage der Wehrmachts-ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Leopold Stocker Verlag, Graz 2003, kartoniert, 170 Seiten, 19,90 Euro Siehe auch: Meinrad von Ow, Fragen und kritische Anmerkungen zur Ausstellung. Für 5 Euro erhältlich: Trautenwolfstr. 8, 80802 München

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