Joachim Kuhs

 

Neue Technologien: Susanne Paulsen: Sonnenfresser. Wie Pflanzen leben

In der letzten Woche ging es um die Genpflanzen, die demnächst auch in Deutschland grünen und blühen werden. Der Schreck darüber dürfte unseren Lesern noch in den Knochen sitzen. Doch bevor man sich für traditionelle Pflanzen und ihr gewachsenes Umfeld einsetzt, sollte man sich ernsthaft die Frage stellen: „Was ist überhaupt eine Pflanze?“ Das mag albern klingen, aber unser Biologie-Lehrer behauptete, zwischen Pflanzen und Tieren gebe es keine sichere Unterscheidung. Kein Unterschied zwischen Kater Mikesch und einer Karotte? Wir wußten noch nicht, daß sich eine Definition erst an den Grenzfällen zu bewähren hat. Dann kam eine neue Biologie-Lehrerin und definierte neu. Eines haben wir dabei gelernt: Auch in den Naturwissenschaften gibt es tiefschürfende und fruchtlose Kontroversen. Die Liebe zu Blumen beginnt frühestens mit der ersten Verliebtheit; die Topfpflanze kommt erst fünfzig Jahre später. Trotzdem hat ein Buch mit dem Titel „Sonnenfresser“ den Deutschen Jugendliteratur-Preis gewonnen. Susanne Paulsen erklärt darin, „wie Pflanzen leben“ – und wie Menschen davon profitieren. Die Jury hat damit ein Mauerblümchen-Thema zur Entfaltung gebracht. Denn wer denkt schon darüber nach, welches Wunder selbst die einfachste Pflanze vollbringt, indem sie – nach unseren Begriffen – ohne Nahrung lebt und wächst. Irgendwann hat man sich mal gewundert, wieso ein Topf Blumenerde für viele Jahre reicht, während wir schon zwei Stunden nach dem Frühstück wieder Hunger haben. Doch die Pflanze frißt nicht Erde, sie frißt Sonne, das heißt sie bezieht ihre Energie direkt aus den Lichtstrahlen. Wissenschaftlich nennt man das Photosynthese. Erde ist nur für die Zufuhr von Mineralen nötig. Jede Pflanzenzelle enthält kleine „Verdauungsorgane“, die Chloroblasten. Dort wird die Sonnenenergie aufgefangen und umgewandelt. Paulsen gibt auch die Formel, setzt aber pädagogisch rücksichtsvoll hinzu, daß man sie nicht unbedingt behalten muß. Dafür gibt es esoterische Anwendungen. Alte und neue Schamanen durchbrechen die Diskriminierung unserer grünen Mitlebewesen und lieben Kräutertees und Aromadüfte wie andere ihre Haustiere. Können Pflanzen sprechen? Noch nicht, aber die Forschung läuft schon auf Hochtouren. Eher skurril wirkt in dem schlicht und schön gestalteten Buch die Warnung vor „neonazistischer Propaganda“. Wenn irgendwo das Bekenntnis ertöne: „Nicht nur Bäume haben ihre Wurzeln“, so solle man aufhorchen, werden die jugendlichen Leser ermahnt. Dahinter verbergen sich nicht immer Pflanzenfreunde. Auch der Begriff „Natürlichkeit“ deute vielleicht auf Rassismus hin. Besser bei Palmen und exotischen Früchten bleiben. Damit schaltet ihr alle Mißverständnisse aus.

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