Kampf um die europäische Machtbalance

An einem schönen Sommerabend saß Großvater Kaspar mit seiner Enkelin Wilhelmine vor seinem Bauernhaus und beobachtete deren Bruder Peter, der am nahen Bach spielte. Aufgeregt kam dieser gelaufen und fragte, was denn das sei, das so groß und rund und sanft sich anfühlte. „Das ist der Schädel eines armen Burschen, der bei dem großen Sieg gefallen ist!“ Großvater Kaspar erzählte die Geschichte der vielen tausend Soldaten, die am 13. August 1704 in der Nähe seines Feldes dem Machtrausch, dem Sendungsbewußtsein und der politischen Eitelkeit europäischer Politiker zum Opfer gefallen waren. Mit einer idyllischen Beschreibung eines schönen Sommerabends beginnt der englische Dichter Robert Southey (1774-1843) seine Ballade „The Battle of Blenheim“, die in der nachdenklichen Erzählung des Großvaters endet. Southey erinnerte als Zeitgenosse an die Schlacht vor 300 Jahren, die den Anfang vom Ende der Raubpolitik des französischen Königs Ludwig XIV. einleiten sollte. Von etwa 100.000 Soldaten, die von ihren Generalen in der Nähe von Ulm in die Schlacht geführt wurden, starben innerhalb weniger Stunden etwa 25.000. Einer der berühmtesten Heerführer der damaligen Zeit, der Engländer John Churchill, erhielt zur Erinnerung an seinen triumphalen Sieg von seiner Königin Anna I. den Titel eines Herzogs von Marlborough verliehen und ein Schloß geschenkt, das heute noch in der Grafschaft Woodstock, Oxfordshire, zu bewundern ist und nach der Stätte des Gemetzels benannt wurde: Blenheim Palace. In England wird die Schlacht nach Blenheim benannt Mit Blenheim bezeichnen die Engländer das Dorf Blindheim, in dessen Nähe sich im Morgengrauen des 13. August 1704 die Armeen der Engländer, der Niederländer, der Österreicher, der Dänen, der Hessen, der Hannoveraner, der Badener und der Preußen auf der einen Seite und der Franzosen und Bayern auf der anderen Seite gegenüberstanden. Merkwürdig war es schon, daß wenige Jahrzehnte nach dem Ende des angeblich zur Durchsetzung konfessioneller Ziele geführten Dreißigjährigen Krieges eine große Allianz aus Katholiken (Österreich) und Protestanten (Dänen, Holländer, Preußen, Engländer) gegen den „allerchristlichen“ französischen König und katholischen bayerischen Kurfürsten die Entscheidung über die Vormacht in Europa in einer der größten und blutigsten Schlachten des 18. Jahrhunderts suchte. Kaum war 1648 mit dem Westfälischen Frieden das Völkerringen in Europa beendet, nutzte der französische König Ludwig XIV. die Schwäche der europäischen Nachbarn und griff wiederholt mit seinem über 100.000 Soldaten umfassenden stehenden Heer die Nachbarländer an. Die letzte Hälfte des siebzehnten Jahrhundert war somit durch Kriege gegen die Niederlande, gegen die Pfalz und wiederholt gegen Spanien geprägt. Oft verließen die Franzosen als Sieger das Schlachtfeld, bis es im Jahr 1701 zur Großen Allianz der europäischen Mächte kam, um der französischen Expansionspolitik ein Ende zu setzen. Stand auf den preußischen Kanonen des 18. Jahrhunderts „ultima ratio regis“ – der Krieg sollte also das letzte Mittel des Königs sein, so lag die Schwelle zu diesem Mittel aber immer recht niedrig: Anspruch auf territorialen Besitz des Nachbarn, Durchsetzung von Rechtstiteln oder ganz einfach nur die Ruhmsucht des Fürsten. Völker und Staaten der Neuzeit befanden sich im ständigen Kriegszustand. Um 1700 war der große Kampf um die Nachfolge des spanischen Königs Karl II. ausgebrochen. Neben dem zweiten Sohn des habsburgischen Kaisers Leopold, Erzherzog Karl, hatte vor allem der Enkel Ludwigs XIV., Herzog Philipp von Anjou, Ansprüche auf das umfangreiche spanische Erbe. Doch weder die Habsburger noch die französischen Bourbonen konnten ihre Erbansprüche durchsetzen, ohne das europäische Gleichgewicht der Kräfte zu stören. Diese balance of power war schon damals die große Leitidee der britischen Außenpolitik. Auch konnte England nicht zusehen, wie Frankreich bei der Jagd nach überseeischen Kolonien sich das spanische Reich einverleiben wollte. Der dritte Anwärter auf den Thron war der bayerische Kurfürst Max Emanuel. Seine Frau war die Nichte des spanischen Königs. Ihr beider Sohn Joseph Ferdinand war 1698 von seinem Onkel Karl II. zum Universalerben des spanischen Reiches eingesetzt worden. Doch dann verstarb Joseph Ferdinand plötzlich. Damit scheiterte Max Emanuels Traum einer spanisch-bayerischen Königskrone. Um dennoch bei dem Ringen um das spanische Erbe nicht leer auszugehen, verhandelte er mit Österreich und Frankreich um die Vergrößerung seiner Herrschaft und um eine Königskrone, wie sie der Kurfürst von Brandenburg seit dem 18. Januar 1701 als König in Preußen schon besaß. In den beginnenden Konflikt der Großmächte mischte sich der bayerische Kurfürst Max Emanuel immer mehr ein. Hatte er vor Jahren schon tapfer auf seiten des Kaisers Leopold I. gegen die Türken gekämpft, wobei er 30.000 bayerische Söhne und Väter opferte, meinte er nun belohnt werden zu müssen: schließlich sei „ein Heustadel in Belgien mehr wert als eine bayerische Stadt“. Als Statthalter Spaniens verwaltete er bereits seit 1692 diesen „Heustadel“ und hoffte nach der Zurückweisung durch den Kaiser mit Hilfe des französischen Königs Belgien gegen das kleine Bayern einzutauschen und eine Rangerhöhung zu gewinnen. Ludwig XIV. hielt aber den Kurfürsten hin, ohne die spanische Nachfolgeregelung im französischen Sinn aufzugeben. Er rief seinen Enkel Philipp von Anjou zum König von Spanien aus und befahl ihm, im April 1701 Madrid zu besetzen. Gleichzeitig marschierten kaiserliche Truppen unter dem Befehl des Markgrafen Ludwig von Baden und Prinz Eugen von Savoyen nach Oberitalien, um sich die Spanien zugehörige Lombardei als Faustpfand zu sichern. Aura der Unbesiegbarkeit der Franzosen ging verloren In Süddeutschland okkupierten bayerische Soldaten die Reichsstädte Ulm, Memmingen, Lauingen, Dillingen, Neuburg und Regensburg. Am 30. September 1702 wurde deshalb gegen Bayern und Frankreich der Reichskrieg erklärt. Nach vielen Monaten des unentschiedenen Kampfes kam es im Winterhalbjahr 1703/04 zum entscheidenden Aufmarsch der Kriegsparteien. Engländer und Niederländer zogen vom Niederrhein gegen Süden, wo der französische General Tallard mit seinen Truppen stand und sich mit den Soldaten des bayerischen Kurfürsten vereinigen wollte. Zunächst wurde er noch vom Markgrafen von Baden, dem legendären „Türkenlouis“, in Schach gehalten, konnte aber dann doch in Richtung Bayern ziehen. Die Heerführer der Großen Allianz, John Churchill und Prinz Eugen, entschieden sich, die an der Donau vorrückenden französischen und bayerischen Truppen zu stellen. In seiner Beschreibung der Schlacht, die sich bei mehreren vor den Toren der Stadt Höchstädt an der Donau liegenden Dörfern abspielte, kommentiert David Chandler, Senior-Dozent an der Royal Military Academy Sandhurst: „Churchill und Prinz Eugen hatten am frühen Morgen des 13. August 1704 die Bedeutung der beiden Orte Blindheim und Oberglauheim erkannt, insbesondere die Einwirkungsmöglichkeiten von dort gegen den beabsichtigten Angriff auf Tallards Kavalleriezentrum (…) gegen zehn Uhr hatten sie mit insgesamt 52.000 Soldaten ihre Ausgangsstellung erreicht (…) kurz nach Mittag begann die Schlacht (…) Lord Cutts stürmte um 12 Uhr 30 über den Nebelbach gegen Blindheim (…) General Rowe fiel im Bajonettkampf an den Palisaden des Dorfes. Die Gegenattacke der Gens d’Armes wiesen hessische Soldaten ab. Beim Nachbardorf Oberglauheim wurden die Einheiten des Herzogs von Holstein fast vollständig aufgerieben (…) um 13 Uhr waren bei Lutzingen kaiserliche, preußische und dänische Truppen unter dem Befehl des Prinzen Eugen gegen die bayerischen Truppen angetreten. Hier zeichnete sich Fürst Leopold von Anhalt-Dessau aus, als er mit der Fahne seiner Leibkompanie in der Hand zum Sturmangriff aufforderte. Gegen 16 Uhr wurde durch die Wucht der Attacke John Churchills die Kavallerie des französischen Generals Tallard zerschlagen. Während dieser gefangengenommen wurde, ertranken Tausende seiner Reiter, darunter auch sein Kollege General Clérambault, bei dem Versuch, durch die Donau schwimmend zu flüchten. Gegen 18 Uhr hatte Churchill die restlichen Franzosen im brennenden Blindheim eingeschlossen… Der Einsatz von Gewehr und Bajonett, Geschütz und Kavalleriesäbel hatte sich dem französischen starren Heer mit Pike und Luntenschloß überlegen gezeigt. Der Schock der Kavallerieattacke mit kaltem Stahl erwies sich als erfolgreicher als ihre Abwehr zu Pferd mit Pistole …“ Die politische Achse der Welt wurde verändert Politisches Ergebnis dieser Schlacht war, daß Bayern in den nächsten Jahren ein hartes kaiserlich-österreichisch Besatzungsregiment erhielt. Es führte im Winter 1705/06 zum Aufstand der Landbevölkerung, den die Österreicher in der „Sendlinger Mordweihnacht“ und im niederbayerischen Aidenbach brutal beendeten. Der Kurfürst ging ins Exil und wurde geächtet. Noch war die Auseinandersetzung mit Frankreich noch nicht beendet. Doch Höchstädt beendete die Aura der französischen Unbesiegbarkeit. Prinz Eugen und Marlborough entschieden die Folgeschlachten auch für sich: 1706 bei Ramillies und Turin, 1709 bei Malplaquet. Erst die Friedensschlüsse von Utrecht (1713), Rastatt und von Baden (1714) beendeten eine fast sechzig Jahre währende französische kriegerische Expansion. Unter dem Eindruck des langjährigen Krieges legte der französische Denker Abbé de Saint-Pierre beim Friedenskongreß in Utrecht ein Modell zur friedlichen Konfliktlösung vor, das einen immerwährenden Bund der europäischen Staaten vorsah, der die Interessen der Fürsten ausgleichen sollte. Doch der Philosoph wurde nur ausgelacht! Der frühere britische Premierminister Winston S. Churchill, direkter Nachkomme des Feldherrn John Churchill, geboren am 30. November 1874 in Blenheim Palace, besuchte am 18. September 1909 das Schlachtfeld. Damals kutschierte der Breisachmüller, in dessen Haus 1704 John Churchill sein Quartier hatte, den englischen Gast über das Schlachtfeld. 13 Jahre später weilte er in Vorbereitung seiner voluminösen Biographie über seinen berühmten Vorfahren, dessen Sieg nach seinen Worten „die politische Achse der Welt veränderte“, noch einmal in Deutschland. Bild: „Die Schlacht bei Höchstädt“, Stich von Jan van Huchtenberg: Eine der blutigsten Schlachten Literatur: Ausstellungskatalog „Brennpunkt Europas 1704 – Die Schlacht von Höchstädt“. Thorbecke Verlag, Ostfildern 2004, 344 Seiten, Abbildungen, broschiert, 24,80 Euro Ausstellungen: Schloß Höchstädt, bis 7. November, täglich 9 bis 18 Uhr; Heimatmuseum Blindheim bis 15. August, täglich 10 bis 18 Uhr Information: www.schlacht-1704.de und www.battle-of-blenheim.com

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