Die heroische Existenz im Geistigen

Im Dezember des vergangenen Jahres erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Leitartikel von Volker Zastrow, der sich mit dem Kannibalismus-Fall beschäftigte. Zastrow ging es dabei um den Mangel an Empörung in der Öffentlichkeit einerseits, die Irritation der Juristen über den nicht vorgesehenen Fall des Verzehrs von Menschenfleisch bei Einverständnis des Opfers andererseits. Was die folgende, langanhaltende Diskussion über den Text bestimmte, war die Art der Interpretation, die Zastrow für den Sachverhalt anbot: Seiner Meinung nach ist eine Gesellschaft zum Untergang verurteilt, in der es keine Vorstellung von Normalität mehr gibt, dieser Mangel kaum als solcher empfunden wird und der Aberglaube herrscht, daß marktförmiges Verhalten und utilitaristische Grundsätze ausreichten, das Ganze zusammenzuhalten. Das Bemühen, die Ursachen des Verfalls zu verstehen Zastrow hat sich gehütet, irgendeine Therapie vorzuschlagen, wahrscheinlich weil er weiß, daß gute Ratschläge wohl auf Resonanz stießen, aber folgenlos blieben. Die Zersetzung tradierter Wertvorstellungen hat ein Maß erreicht, das alle einfachen Lösungen durch Neubesinnung und Umkehr ausschließt. Das ist vor allem zu erkennen an der Hilflosigkeit jener Institutionen, die sonst dazu dienten, Ausartungen zu verhindern. Wann begann dieser Prozeß des Abbaus der Gefüge, die den Menschen früher eingeordnet haben, aber ihm auch Halt verliehen? Arnold Gehlen hat einmal – ungewohnt salopp – von „Pochkäfern“ gesprochen, die man schon in der Zeit des Wilhelminismus am Werk hören konnte: „In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg brach in Deutschland der Boden der Tradition in allen Räumen durch, es begannen vehemente Bewegungen. Von der Härte und Konsequenz, mit der die Jahrhunderte vorher die Kernenergien des menschlichen Inneren gebunden hatten, macht man sich erst eine Vorstellung, wenn man erlebt hat, wie sie frei wurden und nun als geistige Explosionen dahinstoben.“ Es war das die Auffassung eines Mannes, der vor hundert Jahren, am 29. Januar 1904, geboren wurde und noch aus der Welt des Bürgertums stammte, aber sehr früh ein Gefühl für die Gefährdungen der Ordnung entwickelte. Die Suche nach Möglichkeiten, den Verfall aufzuhalten, vor allem aber das Bemühen, die Ursachen des Verfalls zu verstehen, kennzeichneten die Denkbewegung Gehlens ebenso wie seine politischen Stellungnahmen. Die Abwendung von der idealistischen, dann von der Philosophie überhaupt, die Hinwendung zu empirischen Verfahren und zur Soziologie lassen sich so erklären, und auch die Parteinahme für den Nationalsozialismus an der Macht, das Arrangement mit der Bundesrepublik und die Entwicklung jenes „technokratischen Konservatismus“, den Gehlen für eine angemessene politische Konzeption in Zeiten der „Kristallisierung“ des historischen Prozesses hielt. Gehlen orientierte sich seit dem Ende der dreißiger Jahre an Denkmodellen, die von der deutschen Geistestradition weg zu Ansätzen hin führten, die vor allem im angelsächsischen Raum Einfluß besaßen. Mit seiner Vorstellung von der zentralen Bedeutung des „Handelns“ kann man ihn dem „Pragmatismus“ zuordnen, allerdings nicht der Hauptlinie, sondern einer kleineren Gruppe von Denkern wie Thorstein Veblen oder Georges Sorel, die den gesellschaftspolitischen Optimismus der meisten Pragmatiker verwarfen und ein politisches Ideal vertraten, das voraussetzte, daß der Mensch orientierungsbedürftig sei, daß man ihn einem Gefüge von Normen zu unterwerfen habe, daß dessen Geltung eingeübt und Verstöße sanktioniert werden müßten, um ein Ausbrechen zu erschweren: „Die Institutionen sind die großen bewahrenden und verzehrenden, uns weit überdauernden Ordnungen und Verhängnisse, in die die Menschen sich sehenden Auges hineinbegeben, mit einer für den, der wagt, vielleicht höheren Art von Freiheit, als der, die in ‚Selbstbetätigung‘ bestünde …“ Mißtrauisch gegenüber jedem Abbau von Institutionen In seinen Hauptwerken – „Der Mensch“ (1940) und „Urmensch und Spätkultur“ (1956) -, aber auch in den sehr stark verbreiteten Essaysammlungen zur Soziologie und zur Anthropologie – „Die Seele im technischen Zeitalter“ (1957) und „Anthropologische Forschungen“ (1961) – hat Gehlen seine Auffassung systematisch entwickelt, daß der Mensch als instinktunsicheres und organisch mittelloses Lebewesen nur in einem „Schoß der Natur“ entstehen konnte, daß er gezwungen gewesen sei, das Leben außerhalb des Paradieses „handelnd“, also durch planendes, die wahrscheinlichen Folgen einbeziehendes Tun zu bewältigen. In den Institutionen sei versucht worden, die Menge an Erfahrungen zu bewahren und in eine feste Form zu bringen. Die Institutionen führten zwar zur „Entfremdung“ des Menschen, aber paradoxerweise könnte er nur unter den Bedingungen solcher Entfremdung er selbst sein. Die Institution „entlastet“ und ermöglicht deshalb dem Individuum Entfaltung. Alle Institutionen wurden in einem heroischen Akt geschaffen, daher rührte in der Vergangenheit die Scheu, sie anzurühren. Jede Institution war „überdeterminiert“, von ihrer Zweckmäßigkeit aus sind Institutionen niemals vollständig zu begreifen. Es steckt in dieser Überzeugung das eigentlich konservative Moment von Gehlens Denken, der mißtrauisch Versuche beobachtete, Institutionen abzubauen. Wer im Namen irgendeiner idyllisch ausgemalten „Natur“ gegen die von den Institutionen geschaffene „Kultur“ auftrat, hatte in ihm einen erbitterten Gegner. Allerdings war Gehlen Nostalgie fremd, den Einfluß der Romantik in Deutschland hielt er für fatal, glaubte sogar, es handele sich um eine typische Weltanschauung „glückloser Nationen, die aus der großen Geschichte ausschieden“. Die Sehnsucht nach vormodernen Zuständen erschien ihm vergeblich, im Grunde sogar lächerlich, was das Pathos der Bejahung erklärt, das seine Texte aus den fünfziger und sechziger Jahren kennzeichnete. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem Siegeszug der Technik und dem Aufstieg der Manager schien die Welt „überraschungslos“ geworden, die Sachzwänge ausreichend, die Ordnung zu erhalten, eine Ordnung ohne sakrale Dimension zwar, aber immerhin eine Ordnung. Gehlen glaubte, daß der christliche Äon unwiderruflich vorbei sei – was ihm die Gegnerschaft Carl Schmitts eintrug – und vieles auf ein posthistoire hindeute, eine „Nachgeschichte“, in der die kulturellen Formen mehr oder weniger versteinern, große geistige Bewegungen jedenfalls nicht mehr zu erwarten sind. Er hat diese Auffassung erst in seinen letzten Jahren einer Korrektur unterzogen. Mit der Anerkennung von Ergebnissen der Verhaltensbiologie, die nahelegten, daß der Mensch in höherem Maße ein „natürliches“ Wesen ist, als er ursprünglich konzedierte, ging die Rückkehr zu einer wesentlich pessimistischeren Auffassung der gesellschaftlichen Entwicklung einher. Was Gehlen unter Bezug auf den Soziologen Götz Briefs als „Ethisierung des Ideals des Wohllebens“ bezeichnete, hatte zu einer Dekadenz geführt, die gerade aus dem Erfolg jener Bemühungen resultierte, den Menschen zu entlasten, sie hatten sich „ganz freiwillig abgeschnallt“. Die nihilistische steht der heroischen Gestalt entgegen In seinem letzten Buch – „Moral und Hypermoral“ (1969) – gab Gehlen eine lange geübte politische Zurückhaltung auf und erlaubte sich eine Kulturkritik, von deren Wirkungslosigkeit er eigentlich überzeugt war. Man kann das nur erklären aus der Erschütterung über die Zerstörung von Existenzbedingungen, nicht nur für die Deutschen als Nation, sondern auch für jenen Rest an abendländischer Kultur, der die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts überstanden hatte. In manchem kehrte Gehlen damit zu der Überlegung zurück, die ganz am Anfang seines geistigen Weges gestanden hatte. In seiner ersten Veröffentlichung – der „Rede über Hofmannsthal“ (1925) – hatte er zwei grundsätzliche Möglichkeiten des modernen Menschen gekennzeichnet: die „nihilistische“ als „großen Verzicht“ und „Verzweiflung“, und die „heroische“: „bereit, das Einzelne zu realisieren, trotzdem es aussichtslos ist, eben darum, weil die Welt mit so giftigen Waffen widersteht“. Arnold Gehlen starb am 30. Januar 1976, sein Leben war auch ein Beleg dafür, daß es die „heroische“ Existenz im Geistigen geben kann. Foto: Arnold Gehlen in den siebziger Jahren: Späte Rückkehr zu einer wesentlich pessimistischeren Auffassung der gesellschaftlichen Entwicklung

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