Verklärung und Verfemung

Im Jahre 1965 besuchte Ernst Jünger in Manila eine Gedenkstätte für den philippinischen Freiheitskämpfer Rizal, der von den Spaniern erschossen worden war. Jünger notierte in seinem Tagebuch („Siebzig verweht“, Band 1, erschienen 1980): „Ich habe deren viele gekannt und bewundert; heute schnürt mir, wenn ich an sie denke, wie in einem hermetischen Gefängnis, der Schmerz die Kehle zu. Sand, Hofer, Schlageter. Erst zahlt man mit Blut und Leben, dann kommen ganz andere, die davon profitieren, und endlich die Denkmäler.“ Um diese Zeit dachten in Deutschland nur wenige so nobel über Albert Leo Schlageter, den die Franzosen im sogenannten Ruhrkampf 1923 auf der Golzheimer Heide (Düsseldorf) exekutiert hatten. Die Schlageter-Erinnerungsstätten wurden fast alle nach 1945 beseitigt. Typisch hierfür ist ein Beschluß des Düsseldorfer Stadtrates aus dem Jahre 1946. Einstimmig (von der CDU bis zur KPD) votierte man für die Zerstörung des Golzheimer Schlageter-Ehrenmals mit dem 27 Meter hohen Gedenkkreuz aus Stahl (errichtet 1931). Ob er Mitglied der NSDAP war, ist bis heute unklar Heute ist den meisten Deutschen kaum etwas über Schlageter bekannt. Die politisch korrekte Wertung: ein Landsknecht und politischer Abenteurer. Die wichtigsten Daten aus dem kurzen Leben Schlageters: 1894 als sechstes Kind eines Landwirts in Schönau/Baden geboren, 1914 Notabitur, im Ersten Weltkrieg Frontkämpfer in Frankreich und Flandern, Leutnant der Reserve. Nach Kriegsende Student und Mitglied der katholischen Studentenverbindung CV, Freikorpskämpfer im Baltikum, im Ruhrgebiet und in Oberschlesien, Import- und Exportkaufmann. 1923 im aktiven Widerstand gegen die Besetzung und Ausplünderung des Ruhrgebiets durch Belgien und Frankreich, 15. März 1923 Sprengung der Eisenbahnbrücke bei Kalkum (Strecke Duisburg-Düsseldorf), 7. April 1923 Verhaftung in Essen (durch Verrat in den eigenen Reihen). Aburteilung durch ein französisches Militärtribunal in Düsseldorf, am 26. Mai 1923 von einem französischen Peleton erschossen. Die Empörung über das Vorgehen der Franzosen, die mit ihrer Ruhraktion das Völkerrecht gebrochen hatten, war groß in Deutschland. Sogar die Kommunistische Internationale suchte die Erregung über Schlageters Hinrichtung für ihre weltrevolutionären Ziele zu nutzen. Karl Radek, der Deutschland-Experte der Komitern, hielt am 21. Juli 1923 in Moskau seine berühmte Schlageter-Rede: „Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution, verdient es, von uns, Soldaten der Revolution, männlich ehrlich gewürdigt zu werden.“ Radeks Resümee: „Wir werden alles tun, daß Männer wie Schlageter, die bereit waren, für die allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit zu werden, daß sie ihr heißes, uneigennütziges Blut nicht verspritzen für die Profite der Kohlen- und Eisenbarone, sondern für die Sache des großen arbeitenden deutschen Volkes, das ein Glied ist in der Familie der um ihre Befreiung kämpfenden Völker.“ Die KPD schlug auf Geheiß Moskaus für kurze Zeit einen „Schlageter-Kurs“ ein. Nachhaltiger war die Vereinnahmung Schlageters durch die Nationalsozialisten, die ihn im Sinne ihrer Bewegung zum Nationalhelden stilisierten und dabei die Verehrung Schlageters in weiten Teilen des national orientierten Bürgertums ausnutzen konnten. In den zwanziger und dreißiger Jahren entstand ein Schlageter-Kult, zu dem auch von katholischer Seite (vor allem durch katholische Jugendbünde und Studentenverbindungen) beigetragen wurde. Höchst fraglich ist, ob Schlageter Mitglied der NSDAP war. Zwar existiert das Faksimile einer fragmentarischen Mitgliederliste der „Ortsgruppe Berlin der NSDAP“ vom November 1922, in der ein Albert Schlageter aufgeführt ist. Dabei kann es sich jedoch um eine für propagandistische Zwecke eigens geschriebene und damit gefälschte Aufstellung oder um einen Auszug aus dem Mitgliederverzeichnis einer anderen Partei handeln. Die NS-Propaganda von Schlageter als dem „ersten Soldaten des Dritten Reiches“ steht also auf sehr schwachen Füßen. Nach 1945 wurde Schlageter in Deutschland zur Unperson Dieser Kult spiegelte sich besonders deutlich in Hanns Johsts Drama „Schlageter“ wider. Johst, der sich aus dem Expressionismus kommend dem Nationalsozialismus zugewandt hatte, schuf dieses Bühnenstück in den Jahren 1930 bis 1932, gab es aber erst im Frühjahr 1933 zur Uraufführung frei (Berlin, 20. April 1933; Widmung: „Für Adolf Hitler in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue“). Der Schlageter-Stoff eignete sich besonders gut, um Johsts Theatertheorie zu veranschaulichen, in der dem Theater die Aufgabe zukam, aus den Einzelnen eine völkische „Kultgemeinschaft“ zu formen. Der Schluß von Johsts „Schlageter“ ist höchst bühnenwirksam. Schlageter steht bei seiner Hinrichtung im Scheinwerferlicht eines Lastautos und mit dem Rücken zum Publikum. Die Kugeln treffen nicht nur ihn, sondern gleichsam auch das Publikum mitten ins Herz. Nach 1945 war dieses Bühnenwerk unaufführbar. Selbst der Versuch des linksgerichteten Regisseurs Hannsgünther Heyme, im Jahre 1984 Radeks Schlageter-Rede für eine Inszenierung von Schillers „Wilhelm Tell“ zu nutzen, scheiterte an der Geschichtslosigkeit und Nationsvergessenheit des deutschen Theaterpublikums. Heymes Regieeinfall für seine aktualisierende Inszenierung: Fronvogt Geßler und seine Schergen treten in französischen Uniformen und Stahlhelmen des Jahres 1923 auf, die aufständischen Schweizer tragen proletarische Züge wie die Volksmassen an Rhein und Ruhr in diesem deutschen Schicksalsjahr. Heymes Experiment mußte scheitern, da in der Bundesrepublik des Jahres 1984 jeder Nationalismus, auch ein Befreiungsnationalismus von links, verfemt war. Schlageter gebührt auch heute ein Platz im kollektiven Gedächtnis unseres Volkes. Am Tag nach dem Urteilsspruch schrieb der Todgeweihte seinen Eltern: „Seit 1914 bis heute habe ich aus Liebe und reiner Treue meine ganze Kraft und Arbeit meiner deutschen Heimat geopfert. Wo sie in Not war, zog es mich hin, um zu helfen. Das letzte Mal hat mir gestern mein Todesurteil gebracht. (…) Kein wildes Abenteurerleben war mein Verlangen, nicht Bandenführer war ich, sondern in stiller Arbeit suchte ich meinem Vaterlande zu helfen. Ein gemeinsames Verbrechen oder gar einen Mord habe ich nicht begangen.“ Er starb als gläubiger Katholik. Im heutigen Frankreich würde ein Mann wie Schlageter, ein Kämpfer für die nationale Freiheit, wahrscheinlich immer noch den Rang eines Nationalhelden haben. Im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft wollen wir es bei einem ehrenden Gedenken für Schlageter belassen. Foto: Gedenkfeier am Schlageter-Kreuz in der Golzheimer Heide bei Düsseldorf (undatiert): „Mutiger Soldat der Konterrevolution“ / Foto: Schlageter (1894-1923)

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