Neue Technologien: Narkolepsiemittel Modafinil (Handelsname Provigil)

„Vigilare“ heißt wachen. Und da Wachsamkeit im Krieg keine Stunde kennt, lernt der Schüler diese lateinische Vokabel zeitig. Auch sonst stört Müdigkeit wichtige Vorhaben, wie etwa lange Lkw-Transporte, durchfeierte Disko-Nächte, intensive Prüfungsvorbereitungen oder endlose Hacker-Attacken. Irgendwann reichen Cola und Kaffee nicht mehr aus, und die Augen schließen sich von selber. Chirurgen soll dies vor geöffneten Bauchräumen sogar im Stehen passiert sein. Wären wir nicht Menschen, sondern vernünftige Lebewesen, so hätten uns diese Erfahrungen wahrscheinlich zur Einhaltung der nötigsten Schlafdosen geführt. Doch statt dessen hat die Firma Cephalon aus Pennsylvania das Medikament „Provigil“ erfunden. Offiziell ein verschreibungspflichtiges Mittel gegen „Narkolepsie“, eine Eiweißstörung im Hypothalamus, ist das Mittel in den USA seit 1999 zum beliebten Muntermacher geworden. Es verschiebt die Schlafphasen deutlich nach hinten. 40 Stunden Arbeit oder Vergnügen an einem Stück sind damit machbar geworden. Die Aufmerksamkeit läßt nicht nach, wie es sonst nach 16 Stunden spätestens der Fall ist. Und das beste: Provigil wirkt nicht euphorisierend und macht nicht körperlich abhängig wie Amphetamine, Methylphenidate oder gar Opiate, die ebenfalls das Schlafbedürfnis unterdrücken. Man kann also damit nicht nur zur Love Parade gehen, sondern hinterher gleich ins Büro. In Deutschland, die Strenge sind wir gewohnt, fällt das Mittel mit dem Handelsnamen „Vigil“ von der Firma Merck unter das Betäubungsmittelgesetz. Gefälligkeitsrezepte vom Arzt sind also kaum zu bekommen. Was ist eigentlich gegen die Abschaffung des Schlafes zu sagen? Man würde dadurch nicht nur denen entgegenkommen, die nicht schlafen wollen, sondern auch jenen, die nicht können. Durch Provigil fit gemacht, könnten sie ihr Leiden in einen Bonus an Lebenszeit umwerten. Einer, der die ganze Nacht mit Schlafen vertut, wäre in Arbeit und Freizeit bald nicht mehr konkurrenzfähig. Doch das ist Täuschung. Genau wie ein Schlafmittel nicht gesunden Schlaf schenkt, sondern bloß die Illusion des Schlafes hervorruft, überspringt das Weckmittel nicht wirklich die Schlafphasen, sondern läßt sie einfach aus. Die Folge sind in beiden Fällen Mangelerscheinungen, die auf die Dauer zu Herz-Kreislauferkrankungen und Magen-Darm-Störungen führen. Noch ist nicht im einzelnen bekannt, was der Schlaf alles im Körper bewirkt. Doch nach dauerndem Schlafentzug macht das Immunsystem schlapp, Versuchstiere starben an Infektionen. Aber angenommen, es wäre eines Tages medizinisch möglich, die Leistungen des Schlafes tatsächlich durch ein Medikament zu ersetzen bzw. den Erholungseffekt in wenige Minuten zusammenzupressen. Der Müde nimmt eine Proteindusche – und steigt ausgeruht wieder heraus. Auch die Träume, notwendige Verarbeitung angesammelter Nervenreize, zögen in digitaler Beschleunigung an uns vorbei. Geniale Idee? Dagegen erklärt der surrealistische Schriftsteller Cioran, daß das Leben ganz unerträglich wäre ohne den Schalter, um es regelmäßig für eine Weile auszuknipsen. Quälende Eindrücke saugen sich fest, und sogar das Schöne bekommt eine klebrige Penetranz. Der Dichter wußte, wovon er sprach, denn seine eigene Schlaflosigkeit erzielte im Paris der 30er Rekorde. Wenn er denn nicht schlafen kann, will der Schlaflose wenigstens sterben. „Komm, oh Tod, Du Schlafes Bruder“, heißt es in einer Bachkantate, die Vilsmaiers Kultfilm den Titel gab. „Wer liebt, schläft nicht“, heißt es dort auch und erinnert daran, daß der Verliebte keine Pillen braucht.

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