Neue Technologien: Gespräch mit Thomas Metzinger und Wolf Singer

Vom Verlag „Spektrum der Wissenschaft“ gibt es seit dem ersten Quartal 2002 ein neues Magazin mit dem Titel Geist & Gehirn. Wer jemals neugierig, aber enttäuscht Psychologie heute durchgeblättert hat, sollte die vierteljährliche Zeitschrift abonnieren. Gleich in der neuesten Ausgabe kontert ein erfrischender Artikel die Psychosomatik-Mode mit empirischen Untersuchungen, die belegen, daß zum Beispiel der ominöse „Krebstyp“, der diese Krankheit angeblich geradezu magisch anzieht, nicht weniger Spekulation ist als der Einfluß des gleichnamigen Sternzeichens. Man muß schon zugeben, daß Gehirn & Geist einen Hang zum Spielverderben hat. Die Zeitschrift für „Hirnforschung und Psychologie“ behandelt beide Bereiche als Einheit. Psychologische Beobachtungen erfassen das Resultat dessen, was im Gehirnstoffwechsel – also in und zwischen den Zellen des Zentralnervensystems – geschieht. Die Hirnforschung soll psychologische Theorien nicht überflüssig machen, sondern überprüfen und fundieren. Es kommt allerdings auch vor, daß liebgewordene Annahmen sich als unhaltbar erweisen. In der Ausgabe 02/03 finden wir ein Gespräch zwischen dem Philosophen Thomas Metzinger und dem Max-Planck-Direktor Wolf Singer. „Die Hirnforschung verändert in dramatischer Weise unser Menschenbild und damit die Grundlage unserer Kultur“, erklärt Metzinger. Gemeint ist damit vor allem die Rolle des Bewußtseins. Schon jetzt läßt sich die Annahme einer obersten Instanz, die alle Daten auswertet und letzte Entscheidungen trifft, experimentell nicht halten. Was wir als Bewußtsein empfinden, ist bereits Resultat eines differenzierten Ablaufs, der unterhalb der Entscheidungsebene verläuft. Mit anderen Worten: Es gibt keinen freien Willen. Singer hat Probleme, seine Kinder zu bestrafen: „Ich nehme unweigerlich an, daß meine Kinder in ihren Handlungen frei waren – obwohl diese Willensfreiheit, neurobiologisch betrachtet, gar nicht existiert.“ Vielleicht wissen wir jetzt, warum Erziehung heute nicht mehr gelingt. Und warum die Kirchen leer bleiben: „Die Vorstellung einer Fortexistenz des bewußten Selbst nach dem physischen Tod wird jetzt so unplausibel, daß der emotionale Druck auf Menschen, die dennoch an ihren traditionellen Weltbildern festhalten wollen, nur schwer erträglich werden könnte.“ Eines Tages könnte der „emotionale Druck“ auf Gläubige so stark werden wie damals auf die Jünger, als Jesus scheinbar verstorben war. Sie schämten sich wegen einer Lehre, die „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“ (Paulus) war. Dann kam bekanntlich der Heilige Geist und erfüllte die Jünger mit Mut und den nötigen Sprachkenntnissen. Eine schöne Geschichte, doch solange die Christen so unsicher und uninspiriert auftreten wie beim ökumenischen Kirchentag, sehen wir keinen Grund, sie wieder für aktuell zu halten.

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