Neue Technologien: Genetische Eingriffe bei embryonalen Stammzellen des Menschen

Die großen Zeitungen behandeln Meldungen aus der Genforschung sehr unterschiedlich. So prangte die Mitteilung, daß Thomas Zwaka an der Universität Wisconsin embryonale Stammzellen des Menschen gentechnisch verändert habe, bei der Welt auf der Titelseite, bei der Süddeutschen stand sie eher versteckt, und die Frankfurter Allgemeine ignorierte sie zunächst sogar. Auch die Wissenschaftler sind geteilter Auffassung. „Das ist ein Durchbruch für die Forschung“, erklärt der Münchner Stammzell-Experte Wolfgang-Michael Franz. „Ein kleiner Meilenstein“, gibt Anna Wobus von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gerade noch zu, „inwieweit das tatsächlich zu späteren Therapien führt, muß sich erst zeigen.“ Mit der Aufregung um das Klonen sind diese Reaktionen gar nicht zu vergleichen. Keiner hat bisher protestiert oder den Abgesang auf die Spezies homo sapiens angestimmt. Schon eher freut man sich, daß der gerade 30jährige Genpionier Zwaka im Labor von James Thomson ein Deutscher ist, wenn auch polnischer Herkunft. Studiert hat er jedenfalls in Ulm – wenn das kein Ausweis für unser Bildungssystem ist. Worin besteht nun der heimliche „Durchbruch“? Zunächst klingt alles irgendwie bekannt. Monatelang schleppte sich bei uns die Debatte über eine Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken dahin, bis schließen die Einführung aus dem Ausland gestattet wurde. Vor wenigen Wochen hat der Bonner Hirnforscher Oliver Brüstle seine erste Lieferung aus Israel erhalten, und Professor Jürgen Hescheler bekam jetzt auch eine Genehmigung. Der Forschungsansatz besteht darin, die Stammzellen zur Spezialisierung in einer gewünschten Richtung zu bringen, um dadurch an Gewebe zur Transplantation und an Ersatz für defekte Nervenzellen im Gehirn bei Parkinson- und Alzheimer-Patienten zu kommen. Bis hierher waren wir schon. Nun aber haben die Wissenschaftler die Stammzellen geöffnet und in deren Kern eine Veränderung an der DNA vorgenommen. Das Verfahren nennt man homologe Rekombination, und man kann es sich vereinfacht wie ein Ausschneiden und Aufkleben von Buchstaben vorstellen, wobei Schere und Kleber durch bestimmte Eiweiße ersetzt sind. Während also das Klonen – der Transfer eines vollständigen Kerns – noch unter Fortpflanzungsmedizin fallen kann, beginnt hier die eigentliche Gen-Technik. Neu ist das freilich nicht, denn schon leben in den Labors zahllose Versuchstiere, meist Mäuse, die genetische Veränderungen in sich tragen. Sogenannten „Knock-out-Mäusen“ fehlt ein bestimmtes Gen, und man kann durch Beobachtung solcher Defizite herausbekommen, was die einzelnen Gene bewirken. Um dieses Wissen geht es heute entscheidend, nachdem uns die bloße Anhäufung des Datenmaterials zwar stolz, aber nicht glücklich gemacht hatte. Nun gibt es aber Gene und Proteine, die beim Menschen vorkommen, bei Mäusen jedoch nicht. Und da man aus ethischen Gründen keine Knock-out-Menschen herstellen kann, kam man bisher in diesem brisanten Bereich nicht recht weiter. Aber was machte Thomas Zwaka? Er bewies, daß sich gentechnische Manipulationen auch beim Menschen erfolgreich durchführen lassen. Er „impfte“ seine embryonalen Stammzellen unter anderem mit der Information für fluoreszierendes Grün, und es entwickelt sich tatsächlich grünleuchtendes Gewebe. Er sorgte aber zweitens dafür, daß zwischen Menschen und Mäusen noch ein Unterschied besteht, da die genmanipulierten Embryonen beim Menschen nicht wie beim Versuchstier in einen Uterus eingepflanzt, sondern wie bei der bisherigen Stammzellforschung zerstört und als Zellkultur im Labor forscherisch ausgenutzt werden. Wieder könnten sich die Lebensschützer dagegen verwahren, doch diesmal ist der Tod des Ungeborenen wohl das kleinere Übel. Denn was wäre, wenn diese Embryonen tatsächlich geboren würden? Dann könnte es sein, daß wir morgen in der U-Bahn den „grünen Männchen“ begegneten, die man früher auf dem Mars vermutete. Die Genmanipulation an Stammzellen oder die am Menschen verhält sich wie das reproduktive zum therapeutischen Klonen. Das heißt, technisch gibt es keinen Unterschied, nur der Vorsatz der Unterbrechung macht das Verfahren ethisch überhaupt diskutabel. So wie man sich vom Chirurgen den Bauch gern aufschneiden läßt, weil man weiß, daß er ihn auch wieder zunäht. Es gibt ein Risiko, aber das ist verschwindend gering gegen die Folgen eines Nichteingreifens. So wird sich vermutlich die gentechnische Praxis auch entwickeln. Allerdings ist nicht zu vergessen, welche anderen Möglichkeiten auch darin liegen. Denn dagegen ist das permissive Klonen gar nichts. Sind hier schlimmstenfalls zeitversetzte Zwillinge zu erwarten, also Reproduktionen natürlich entstandener Wesen, ist mit der Genbastelei im Prinzip alles möglich. Was hätte zum Beispiel ein Mensch für Energien übrig beim Knock-out aller sexuellen Bedürfnisse! Voraussetzung solcher Operationen wäre allerdings eine genaue Kenntnis der Gene und ihrer kompliziert ineinandergreifenden Funktionen. Doch eben diese Kenntnis soll mittels der Stammzellforschung ohne Versuchsobjekte zu erwerben sein.

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