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Mit Martina zum Weltruhm

„Für einen Verhaltensforscher bist du nicht faul genug.“ Konrad Lorenz, von dem dieser Ausspruch gegenüber einem seiner Schüler überliefert wird, vereinte in sich drei Eigenschaften, die ihn zum Begründer eines neuen Wissenschaftszweiges und zu einem der bedeutendsten Biologen des zwanzigsten Jahrhunderts werden ließen, die ihm u. a. neun Ehrendoktorhüte sowie den Orden „Pour le mérite“ einbrachten und die schließlich die wesensmäßige Grundlage bildeten für den 1973 verliehenen Nobelpreis: eine unverbrüchliche Anhänglichkeit an Tiere, eine stupende Beobachtungsgabe – und eben diese bei seinem Schüler vermißte „Faulheit“ oder, etwas vornehmer ausgedrückt, Geduld. Diese Eigenschaften waren dem vor einhundert Jahren am 7. November 1903 in Altenberg bei Wien als Sohn des berühmten, seinerseits knapp am Nobelpreis vorbeigeschrammten Orthopäden Adolf Lorenz geborenen Konrad Zacharias offenbar allesamt in die Wiege gelegt worden. Hatte schon das vierjährige Kind mit Hilfe seiner Kinderfrau zwölf in seiner Obhut geborene Feuersalamander aufgezogen, so konnte der junge Wissenschaftler 28 Jahre später seine berühmt gewordene Arbeit über den Kumpan in der Umwelt des Vogels bereits auf die langjährige, peinlichst genau dokumentierte Beobachtung u. a. folgender, freifliegend (!) gehaltener Vögel stützen: 15 Seidenreiher, 32 Nachtreiher, 3 Rallenreiher, 6 Weiß- und 3 Schwarzstörche, 2 Mäuse- und 1 Wespenbussard, 1 Kaiseradler, 9 Turmfalken, 2 Gelbhaubenkakadus, 1 Amazonenpapagei, 7 Mönchssittiche, 20 Kolkraben, 7 Elstern, weit über 100 Dohlen, 2 Eichelhäher, 2 Alpendohlen und 3 Gimpel. Die zahllosen Stock-, Hochbrut- und Türkenenten waren einzeln gar nicht erst aufgeführt worden. Der Mensch wird nicht als „leeres Blatt“ geboren Die Leidenschaft für die Tierwelt und deren stundenlange Beobachtung hatte Konrad Lorenz weder über den Schulbüchern verlassen noch während des auf Veranlassung seines Vaters an der Columbia-Universität in New York begonnenen, später aber in Wien fortgesetzten und 1928 mit Doktorat abgeschlossenen Medizinstudiums. Sie war es offenkundig auch, die den jung verheirateten und soeben Vater gewordenen Lorenz dazu trieb, dem ersten ein zweites Studium, das der Zoologie, hinterherzuschieben. Eine Arbeit über den Vogelflug brachte ihm in diesem Fach den Dr. phil. ein. Konrad Lorenz war zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt und mittlerweile zweifacher Vater – für den Unterhalt der vierköpfigen Familie mußte Ehefrau und Mutter Margarethe sorgen, eine ebenfalls promovierte Fachärztin der Frauenheilkunde. Selbst die 1940 erfolgte Berufung an die Albertus-Universität in Königsberg sollte kriegsbedingt zu keiner wirklichen Entspannung in finanzieller Hinsicht führen. Viele Ehrungen und breite Anerkennung erfuhr Konrad Lorenz erst lange nach Krieg und sowjetischer Gefangenschaft, in die er 1944 bei Witebsk geriet und die er als Arzt und Seelsorger seiner Leidensgefährten überstand. Vor allem Biographien aus jüngerer Zeit, die nicht dem unmittelbaren Kreis der Lorenz-Schüler entstammen, geben der Diskussion um Lorenz‘ Wirken zwischen 1933 und 1945 breiten Raum. In der Tat gehörte das Parteimitglied Lorenz weder dem aktiven Widerstand an noch emigrierte er nach innen oder außen. Andererseits halten die Lorenz nach 1945 vorgeworfenen Plädoyers für eine „Reinhaltung der Rasse“ und seine im übrigen auch in seinen späteren Werken wiederholte Warnung vor den Gefahren einer „Selbstdomestizierung des Menschen“ durch das Leben in der modernen Zivilisation durchaus einem zeitgenössischen, internationalen Vergleich stand. Konrad Lorenz war nicht der erste, der sich näher mit der Erforschung tierischen Verhaltens befaßte. Andererseits war die vergleichende Verhaltensforschung oder Ethologie als akademische Disziplin in keiner Weise etabliert. Lorenz hatte folglich nicht nur gegen die andauernde Skepsis seines Vaters anzukämpfen, sondern mußte gleichzeitig hart um Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinde ringen. Bereits vor Lorenz hatte unter anderem der Ornithologe Oskar Heinroth im Rahmen von taxonomischen Studien herausgefunden, daß bestimmte Bewegungsweisen von Vögeln genauso zuverlässige Kriterien zur Bestimmung des Verwandtschaftsgrades unterschiedlicher Arten sein können wie körperliche Charakteristika. Die Homologie, d. h. das Auftreten ein und desselben Bewegungsablaufs bei unterschiedlichen Tierarten, war ein Beweis für dessen Vererbbarkeit. Lorenz, der durch eigene Studien an unterschiedlichen Entenarten zum gleichen Ergebnis gelangt war, nahm von hier ausgehend Stellung in dem bereits seit dem 19. Jahrhundert tobenden Streit zwischen Behaviorismus und Vitalismus. Während ersterer die Existenz eines angeborenen Verhaltens verneinte und behauptete, daß alle Tiere einschließlich des Menschen gleichsam als ein unbeschriebenes Blatt, eine tabula rasa, auf die Welt kämen, das erst nach und nach durch die von außen auf das Lebewesen einwirkenden Eindrücke beschrieben würde, bejahten die Vitalisten mit den „Instinkten“ zwar angeborenes Verhalten, verorteten dessen Ursprung jedoch – im Gegensatz zu Lorenz und anderen Ethologen – außerhalb der versteh- und erklärbaren Natur. Insbesondere dem durchaus ideologiefreundlichen Behaviorismus rückten die vergleichenden Verhaltensforscher oder „Tierpsychologen“, wie sie anfangs noch genannt wurden, zu Leibe. Den Ergebnissen ihrer Untersuchungen zufolge verfügten alle Tiere über ein mehr oder weniger umfangreiches Arsenal an sogenannten arteigenen Triebhandlungen, die durch bestimmte, der spezifischen Umwelt entstammende „Auslöser“ in Gang gesetzt wurden. Daß dies selbst auf den Menschen zutrifft, zeigte Lorenz zum Beispiel anhand des von ihm entdeckten „Kindchenschemas“ (große Augen, großer Kopf, hohe Stirn, Pausbacken), das besonders bei Erwachsenen Betreuungsreaktionen und Gefühle der Zuneigung hervorruft. Allerdings betonte Lorenz wiederholt, daß der angeborene Auslöser-Mechanismus nur eines von mehreren Handlungsmustern sei und insbesondere durch das Lernen und die Erfahrung ergänzt werden könne. Ein Gegensatz zwischen „erlernt“ und „ererbt“ existiere schon deshalb nicht, weil der Fähigkeit zum Lernen ein Apparat zugrunde liege, der große Mengen angeborener, der individuellen Existenz vorausgehender, genom-gebundener Information enthält. Ökologisches Gewissen im Kampf gegen Atomkraft Einen ganz besonderen Lernvorgang entdeckte Lorenz in der sogenannten „Prägung“. Es handelt sich hierbei um eine irreversible Verknüpfung von bestimmten Verhaltensweisen mit einem Bezugsobjekt während einer bestimmten, regelmäßig sehr kurzen sensiblen Entwicklungsphase. Es war das Grauganskücken „Martina“, das in diesem Zusammenhang Weltruhm erlangte, hatte es sich doch auf dem Wege der Prägung Konrad Lorenz als seine Ersatzmutter ausgesucht und war ihm fortan auf Schritt und Tritt gefolgt. Die Entdeckung der Prägung war einer der maßgeblichen Gründe, weswegen Lorenz 1973 den Nobelpreis erhielt. Der Forscher würde heute wahrscheinlich nicht als „umstritten“ gelten, hätte er es bei der Deutung tierischen Verhaltens belassen. Seine „Unverfrorenheit“ aber und insbesondere die seines Schülers Irenäus Eibl-Eibesfeldt, gleichermaßen im Menschen ein Wesen zu sehen, das gerade auch im Hinblick auf sein Verhalten dem Unbill der Evolution unterworfen ist, konnten ihm die Sozialingenieure und Fortschrittsoptimisten, die in der Bundesrepublik der sechziger Jahre aus den geistes- und sozialwissenschaftlichen Seminaren zunehmend in die Zeitungs- und Fernsehredaktionen vordrangen und dort die Meinungsführerschaft übernahmen, nicht verzeihen. Eine unzeitgemäße, weniger soziologisch-historisch denn evolutionsbiologisch begründete Kulturkritik, die dem Staat den Bürger als beliebig lenk- und erziehbare Einheit entzog, paßte hier nicht ins Konzept. War noch seine in „Die Rückseite des Spiegels“ vorgelegte Theorie zur Entstehung des menschlichen Erkenntnisvermögens als Ergebnis evolutionärer Selektionsvorgänge relativ unbehelligt durchgegangen, bekam der Ethologe den geballten Zorn der Feuilletons zu spüren, als er in seinem epochemachenden Buch „Das sogenannte Böse“ stringent nachwies, daß auch der Mensch seiner Natur nach keineswegs „gut“, sondern aus durchaus sinnvollen Gründen territorial und damit zumindest prinzipiell gegenüber Artgenossen aggressiv ist. Nach Lorenz muß es allein darum gehen, diesen inhärenten „Aggressionstrieb“ einzuhegen, was aber angesichts der zunehmenden Reichweite von Waffen und der damit einhergehenden Anonymisierung des Tötens sehr schwierig sei. Lorenz ging von der Beobachtung aus, daß alle Tierarten Formen der ritualisierten Auseinandersetzung kennen würden, die regelmäßig nicht mit dem Tod eines der Kontrahenten endeten, sondern bereits früher auf ein bestimmtes Signal des Unterlegenen (Flucht, Zeigen einer verwundbaren Körperstelle etc.) abgebrochen würden. Beim Menschen sei die Wirkung dieser Signale der Aufgabe aber eben durch die Fernwirkung der Waffen aufgehoben worden. Mit seinem Buch über die Aggression trat Lorenz‘ Werk in eine neue Phase ein. Er wurde zum Mahner, zum ökologischen Gewissen der Nation. Öffentlichkeitswirksam engagierte er sich einerseits für die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt und das Miteinander der Generationen, andererseits warnte er vor Überbevölkerung und einem Denken, das den Interessen der Ökonomie alles andere unterwirft. Konrad Lorenz, der zeitweise auch dem Unterstützerkomitee von Alain de Benoists Zeitschrift Nouvelle École angehört hatte, verfaßte eine Büchlein mit dem Titel „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ und verkaufte es hunderttausendfach. Mit seinen in Büchern und Filmen verbreiteten Tiergeschichten war er weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums bekannt geworden, und seine Bekanntheit nutzte er nun, um zusammen mit anderen Aktivisten, unter ihnen auch Günther Nenning, Österreich von Atomkraftwerken frei zu halten. Als Konrad Lorenz am 27. Februar 1989 starb, rief Nenning aus: „Da wir keinen Konrad Lorenz mehr haben, brauchen wir jetzt ein eigenes nationales Gewissen.“ Konrad Lorenz, der dem Experiment, der Statistik und überhaupt der Quantifikation in der Wissenschaft zeitlebens skeptisch gegenüberstand, hat bis zuletzt die Auffassung vertreten, daß Grundlage aller Wissenschaft die Beschreibung ist, die ihrerseits auf einfacher „voraussetzungsloser Beobachtung“ beruht. Nur der Amateur („amare“ – lieben) oder der Dilettant („dilettarsi“ – sich an etwas ergötzen), dessen Blick von einer Freude am Objekt seiner Beobachtung festgehalten werde, könne Gesetzlichkeiten wahrnehmen, die den sozialen Verhaltensweisen höherer Tiere zugrunde liegen. Es wäre schön, wenn man solcherlei heute wenn schon nicht an den Universitäten so doch wenigstens an den Schulen öfter vernähme. Fotos: Konrad Lorenz mit Graugänsen (um 1960): Den Unwillen derer provoziert, die im Menschen nur das Gute sehen wollen

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