Ins Blaue geforscht

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist in Sachen Wissenschaftsförderung die erste Adresse im Lande. Bund und Länder bestreiten gemeinsam ihren Milliardenhaushalt und alljährlich kann der interessierte Steuerzahler in Tätigkeitsberichten, die es mit jedem Quelle-Katalog aufnehmen können, nachlesen, was Heerscharen von Wissenschaftlern mit seinem in der Regel bescheidenen Beitrag zum Wohle aller erforschen. Ob unter Naturwissenschaftlern, Medizinern und Ingenieuren die Gelder sinnvoll verwendet werden, vermag der durchschnittlich Gebildete kaum zu entschieden. Dafür ist die Spezialisierung zu weit fortgeschritten. Allenfalls bei einem Skandal um erschlichene Patente oder gefälschte Forschungsresultate regt sich öffentliche Kritik. Anders geht es in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu. Da fühlt sich eigentlich jeder kompetent, zumal wenn die Politik hineinspielt. Und das tut sie bei einem DFG-Projekt zum Thema „Europäisierung und nationale Öffentlichkeiten“. Freilich nicht auf den ersten Blick in die Projektbeschreibung. Da scheint es nur vage um „europaweite Auseinandersetzungen über einzelne Politikinhalte“ zu gehen und um Formen „öffentlicher Diskurse zwischen Massenmedien und Parlamentsdebatten, symbolischer Politik und Generierung öffentlicher Unterstützung“. Genaueren Aufschluß bietet unter der Überschrift „Europa oder Haider?“ dagegen ein Beitrag in der jüngsten Ausgabe der FU-Nachrichten (11-12/02). Arnulf Wieschalla resümiert darin die Ergebnisse des gemeinsam von Thomas Risse (Freie Universität Berlin) und dem seit langem mit Europas „kollektiver Identität“ beschäftigten Bernhard Giesen (Universität Konstanz) seit zwei Jahren geleiteten, nun punktgenau einige Wochen nach der weitgehenden politischen Marginalisierung der FPÖ abgeschlossenen Projekts. Das mit drei Mitarbeiterstellen ausgestattete Projekt konzentrierte sich darauf, die Tageszeitungen aus fünf europäischen Ländern in Hinblick auf die Anfang 2000 von großer internationaler Empörung begleitete FPÖ-Regierungsbeteiligung auszuwerten. Warum hochqualifiziertes Personal unter Anleitung von zwei Professoren zwei Jahre benötigte, um eine „hohe Übereinstimmung in der Art der Berichterstattung“ in Sachen Haider festzustellen, erschließt sich dem geneigten Betrachter allerdings nicht so richtig. Noch weniger verständlich ist ihm, warum nicht auch eine Magisterarbeit ausgereicht hätte, um zu dokumentieren, daß „Wertorientierte“ und „Legalisten“ die Haider-Debatte beherrschten. Von den vier Kernbereichen, in denen sich europäische Identität in der Abwehr Haiders hätte herausbilden können – „Europa – eine Gesellschaft mit moralischer Verpflichtung“, „Europa – ein gemeinsamer Rechtsraum“, „Nazivergangenheit“ und „Rassistischer Ausländerhaß“ – dominierte offenbar nur die Einigkeit darüber, daß „Antirassismus „einen grundlegenden Wert“ des europäischen Kollektivs ausmache. Mit anderen Worten: Aus einem Schnipselmeer von Presseausschnitten ragt die bahnbrechende und ganz und gar neue Erkenntnis heraus, daß in der publizistischen Anti-Haider-Kampagne der „Antirassismus“ Europas „Identität als Werte und Rechtsgemeinschaft“ stiftete. Man könnte sich eine zweckmäßigere Verwendung von DFG-Mitteln vorstellen.

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load