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Die Realität der christlichen Überlieferung

Im Jahr 2001 schrieb Jochen Magerfleisch ein Buch mit dem Titel „Adam, Eva und Co.“, das auf keiner Bestsellerliste stand und auch sonst wenig bekannt wurde. Dabei handelt es sich um ein durchaus ernstzunehmendes Buch mit wissenschaftlichem Anspruch. In einen Roman eingekleidet werden Geschehnisse erzählt, welche die ersten Absätze des Alten Testaments dokumentieren: das Paradies, der Sündenfall und Kains Brudermord. Das Buch ist ein Versuch, jene Lebensumstände nachzuempfinden, wie sie zur Zeit der Entstehung des biblischen Mythos geherrscht haben könnten. Adam und Eva sind in dieser romanhaften Erzählung allerdings nicht – wie in der Bibel dargestellt – die ersten Menschen auf dieser Erde, sondern sie sind die ersten Ackerbauern und Viehzüchter. Im Hebräischen bedeutet „Adamah“ Ackererde. Die Geschichte dieses Paares scheint auf die Nachwelt einen so großen Einfluß ausgeübt zu haben, daß sie jahrtausendelang mündlich bis zum Zeitpunkt ihres Niederschreibens ab dem Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends tradiert wurde. Aber wann hat dieses erste, in der Erinnerung des vorjüdischen Volksmundes erhalten gebliebene Menschenpaar gelebt? Im Kapitel 5 des 1. Buch von Moses werden die Lebensdaten der Clane (Geschlechter) von Adam bis Noah aufgeführt. „Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde, und nannte ihn Seth … Seth war 105 Jahre alt und zeugte Enosch“ und so fort (1. Mose 5 nach der Lutherschen Übersetzung). Zählt man diese Zeitspannen zusammen, wobei diese nicht der tatsächlichen Lebenszeit eines Clanchefs oder Patriarchen gleichgesetzt werden dürfen, sondern der Dauer der Patriarchate entsprechen, die nach ihren Gründern benannt waren, dann kommt man durch Addition von Adam bis Noah einschließlich 600 weiterer Jahre auf 1.656 Jahre bis zum sogenannten Sintflutereignis, das der Noahclan bekanntermaßen miterlebte. Wichtig für die Rekonstruktion, wann Adam in etwa gelebt haben könnte, ist nun der Zeitpunkt der Sintflutkatastrophe. Nachdem man sich lange darüber im unklaren war, wann oder ob sie stattgefunden hat, konnte erst 1993 von seiten der Geologie ein Datum ermittelt werden. Folgt man den Angaben von A. und E. Tollmann in deren Buch „Und die Sintflut gab es doch“ (Droemer-Knaur 1993), wurde sie um das Jahr 7552 v. Chr. plus/minus einhundert Jahre durch eine Reihe von ins Meer stürzenden Kometenbruchstücken verursacht, die unter anderem in Obermesopotamien massive Niederschläge durch die dabei verdampften Wassermassen auslösten und das Land zwischen Euphrat und Tigris in eine riesige Wasserfläche verwandelten. Addiert man die zeitlichen Angaben der Geschlechterregister von Adam bis Noahs Flut in der Bibel von 1.656 Jahren mit dem ermittelten Datum der Sintflut von ca. 7.552 Jahren, kommt man auf 9208. Im Klartext: Adam und Eva müßten irgendwann in den letzten beiden oder drei Jahrhunderten des 10. vorchristlichen Jahrtausends gelebt haben, vorausgesetzt die Zahlen im Alten Testament sind einigermaßen realistisch. Der Garten Eden an den Ausläufern des Taurus Das Paradies lag nach Angaben des Alten Testaments in Obermesopotamien: „Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. Der erste heißt Pitschon … Der zweite Strom heißt Gihon … Der dritte Strom heißt Tigris … Der vierte Strom ist der Euphrat“ (1. Mose 2). Im Zentrum dieses Areals liegen die Orte Haran und Gosan. Die Landschaft hier an den südlichen Ausläufern des Taurus, bereits in der warmen syrischen Klimazone liegend, ist gekennzeichnet durch mäßig hohe Hügelketten, zwischen denen sich weite fruchtbare Ebenen ausdehnen. Hier lebten die Gruppen von Jägern und Sammlern nach festgefügten Regeln im Einklang mit der Natur und von ihr. Gemäß der Erzählung in Magerfleischs Roman durfte niemand Eigentum am Boden beanspruchen, auf dem die Wildtiere weideten, die man jagte und die allen gehörten. Wenn sich jemand den Regeln widersetzte, indem er zum Beispiel als Wintervorrat gesammelte Wildgetreidekörner im nächsten Frühjahr aussäte, um im Sommer leichter ernten zu können, handelte er gegen die Clanregeln, denn der Acker mußte vor den äsenden Tieren geschützt werden, wenn die Saat einen Gewinn bringen sollte. Der Ackerbauer war gezwungen, den Clan zu verlassen, das heißt er wurde aus dem Paradies vertrieben. Da die Bevölkerung infolge dieser paradiesischen Lebensumstände mit der Zeit an Zahl zunahm, wurde das Angebot an Wildfrüchten und Wildtieren allmählich knapper. „Eva“ war es, die als Sammlerin immer weitere Wege gehen mußte, um die Früchte und Kräuter zu bekommen, die sie für Küche und Medizin brauchte. Und sie war es, die Adam dazu brachte, den Geboten des Clans nicht zu folgen und Weizen auszusäen. Eva verführte Adam zum Ungehorsam und erreichte damit den Rauswurf aus dem Paradies. Hierzu die Bibel: „Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen – verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang“ (1. Mose 3). Nun gibt es tatsächlich bei Haran einen archäologischen Fundplatz, der die Thesen von Magerfleisch bestätigt. Die Rede ist vom Göbekli Tepe. Er liegt auf einem etwa 900 Meter hohen Hügelrücken nahe der türkischen Stadt Sanliurfa und birgt eine riesige Kultanlage, die ab Mitte oder gegen Ende des 10. Jahrtausends v. Chr. von Jäger- und Sammlergruppen erbaut worden war. Hier gräbt das Deutsche Archäologische Institut Berlin seit einigen Jahren unter der Leitung des Archäologen Klaus Schmidt, der diesen Platz auch entdeckt hat. Das Besondere an dieser Kultstätte sind ihre oft in bestimmter Reihung angeordneten, in T-Form gestalteten, bis zu fünf Meter hohen Megalithen, auf denen unterschiedliches Wild dargestellt ist. Das Spektrum dieser Tierdarstellungen umfaßt alle jene Tierarten, welche die Jäger in der näheren und weiteren Umgebung vorfanden, die sie bejagten und von denen sie lebten: Leopard, Ur (Vorfahre unserer Hausrinder), orientalisches Mufflon (Vorfahre unserer Hausschafe), Wildschwein (Vorfahre unserer Hausschweine), Gazellen, Asiatische Wildesel, Rotfüchse, Kraniche und andere. Und auch die Untersuchung der mitgefundenen Tierknochen, an der die Verfasserin dieses Aufsatzes mitwirkt, erbrachte die gleiche Zusammensetzung der Tierarten. Die Umgebung des Göbekli Tepe ist heute noch bestanden von Wildgräsern – Emmer, Einkorn, Wildgerste (den Vorfahren unseres Getreides) – und Hülsenfrüchten wie Wildlinse, Wilderbse und vielem mehr. Vom Hügel aus fällt der Blick auf die weite fruchtbare Haran-Ebene, die, heute ausschließlich landwirtschaftlich genutzt, früher Wälder und natürliches Grasland trug und einen geradezu unvorstellbaren Wildreichtum beherbergt haben muß, wenn man an den riesigen Mengen von Knochenfunden Maß nimmt. Ein wahrer Garten Eden also. Aus dem Brunnen religiöser Motivation geschöpft Sinn und Zweck dieser Monumentanlage sind für uns nicht leicht ergründbar. Doch die Annahme liegt nahe, daß die gesellschaftliche Kraft, die diese Arbeitsleistung einfordern konnte, ganz offensichtlich aus dem Brunnen religiöser Motivation schöpfte. Da nur durch Menschenhand betrieben, war sie sicherlich kein Werk von wenigen Tagen oder Monaten. Auch waren die Erbauer der Kultstätte bestimmt kein loser Haufen von Menschen, die arbeiteten, wann es ihnen beliebte, sondern sie waren in eine festgefügte, nach bestimmten Regeln lebende Gesellschaft eingebunden, angeführt von einem Clanchef oder Patriarchen. Es waren teilweise seßhafte Jäger und Sammler. Nun drängt sich die Frage auf, ob bei der „Erfindung“ des Ackerbaus nicht diese Versammlungen der Jäger und die sie begleitenden Arbeitseinsätze eine entscheidende Rolle spielten; ob bei der zur Errichtung der Monumentalanlagen tätigen jägerischen Gesellschaft sich nicht gleichsam nebenher und vielleicht von einer Gruppe betrieben, die nicht als Steinmetze und Baumeister beschäftigt war – den „Sammlerinnen“ -, die intensive Nutzung des Wildgetreides und bald der Ackerbau als Sicherung der täglichen Speise etablieren konnte (K. Schmidt in Mitteilungen der Deutschen Orientgesellschaft, Nr. 130, 1998). Bisher ging die Archäologie davon aus, daß sich der Wandel von der Form des Nahrungserwerbs durch Sammeln und Jagen zur aneignenden Wirtschaftsform mit Ackerbau und Viehhaltung innerhalb von Gesellschaftsgruppen allmählich, ganz unproblematisch vollzog und daß nach etwa tausend Jahren die alte Lebensweise von der neuen vollständig abgelöst worden war. Das heißt natürlich nicht, daß Menschen nicht mehr auf die Jagd gingen. Doch diese diente weniger dem Lebensunterhalt als dem Schutz von Feldern und Haustierherden. Im Spannungsfeld zwischen Bauern und Viehzüchtern Der Roman „Adam, Eva und Co.“ gibt nun einen Denkanstoß, nämlich daß der Übergang von der einen zur anderen Wirtschaftsform anfangs nicht unbedingt friedlich verlaufen sein muß. Es ist leicht vorstellbar, daß die Bauern mit ihren Feldern zu Konkurrenten der Jäger und später der Hirten und ihrer Tierherden wurden. Denn der Ackerbau ist älter als die Haustierhaltung. Zu Konkurrenten wurden die Bauern deshalb, weil die Äcker gegen die eindringenden Tiere – seien sie wild oder gezähmt – geschützt werden mußten. Ein solches Spannungsfeld zwang die frühen Ackerbauern, die Aufenthaltsgebiete der Jäger zu verlassen. Falls Adam und Eva wirklich gelebt haben, ereilte sie das gleiche Schicksal. Nun waren aber mit dem Auszug aus dem Paradies die Probleme nicht gelöst, denn zwangsläufig trafen die nomadisch lebenden Hirten mit ihren Haustierherden irgendwann und irgendwo wieder mit den Ackerbauern zusammen. Das Alte Testament erklärt diese Problematik mit den beiden Söhnen von Adam und Eva, nämlich Kain und Abel. „Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann … Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot“ (1. Mose 4). In dem Roman wird das Geschehnis so erzählt, daß Abel wegen seiner Tierherde, die er nicht von den Äckern fernhielt, bei den Bauern verhaßt war und befürchten mußte, von ihnen getötet zu werden. Er bat seinen Bruder Kain um Hilfe, der jedoch nichts unternahm, sondern das Schreckliche geschehen ließ. Das Faszinierende an dem Buch ist, daß der Autor zum Zeitpunkt der Drucklegung keine Kenntnisse von den archäologischen Ergebnissen der Ausgrabungen auf dem Göbekli Tepe hatte, daß aber seine rekonstruierten Daten gut im Einklang mit diesen Resultaten stehen. Die biblische Überlieferung von den Anfängen der Christenheit dürfte somit einen erstaunlich hohen Wahrheitsgehalt enthalten. Bilder: Adam im Paradies, Bibelillustration, Amsterdam 1700: Die Sammlerin Eva ging immer weitere Wege, Göbekli Tepe, südliche Türkei: Unvorstellbarer Wildreichtum, Fundort Göbekli Tepe: Der drei Meter hohe Pfeiler zeigt ein Relief mit Urstier, Rotfuchs und Kranich Prof. Dr. Angela von den Driesch war bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2000 Leiterin des Instituts für Paläoanatomie, Domestikationsforschung und Geschichte der Tiermedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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