Dialektik von Kontinuität und Bruch

Exotisch“ mutete Rainer Eppelmann der Festakt im Bundestag zum 17. Juni an. Seit 1990 sei des Volksaufstands von 1953 erstmalig „gesamtdeutsch“ gedacht worden. Dies dürfe nicht Episode bleiben, müsse vielmehr zum integralen Bestandteil politischer Kultur in Deutschland werden. Hiermit war ein Leitmotiv zahlreicher Berliner Gedenkveranstaltungen benannt, wobei sich Akteure wie das Studienzentrum Weikersheim und die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) besonders engagierten. Sie boten Persönlichkeiten auf, die durch Kenntnisse, Lebensleistung und Biographie den 17. Juni 1953 und seine historische Einschätzung authentisch gewichten können. So referierte und diskutierte Fritz Schenk im Studienzentrum am Vortag, während in der KAS am 17. Juni selbst nach einem Festvortrag von Sabine Bergmann-Pohl, vormals Präsidentin der ersten freigewählten Volkskammer der DDR, Ernst Elitz eine Runde mit Hans Bentzien, Marianne Birthler, Rainer Eppelmann und Horst Teltschik moderierte. Letzterem war es sehr um Kontinuitäten zu tun: von Adenauer zu Kohl, von 1953 zu 1989, zwischen Kaltem Krieg und heutigem Kampf gegen „Schurkenstaaten“. War seine Beredsamkeit während des Irak-Konflikts schon penetrant aufgefallen, bewegt er sich derzeit ganz auf der Parteilinie, so wie für die aktuellen CDU-Publikationen hegemonialer Interventionismus und Freiheitshymnen auf den 17. Juni nahtlos ineinandergehen. Pech, daß er mit seinem Buch „329 Tage. Innenansichten der Einigung“ (1991) konfrontiert wurde, das nicht den mindesten Hinweis auf den „17. Juni“ enthält. Überhaupt schälte sich eine merkwürdige Dialektik von „Kontinuität“ und „Bruch“ als eigentliche Thematik von 1953 heraus. Eine glatte historische Teleologie: 1953 bis 1989 ist schlicht retrospektives Konstrukt. Im Osten bewirkte der Volksaufstand eine „Traumatisierung“, blieb zwar für die SED ein „glühender Stachel im Fleisch“ (Schenk), dadurch aber auch ein öffentliches Tabu und höchstens faustdicke Propagandalüge. Die lautete schlicht auf einen „faschistischen Putsch“. Weil niemand es wagen durfte, sich dem Faschismusvorwurf auszusetzen, war Kritikern ein positiver Bezug auf 1953 verwehrt, der Volksaufstand für die Opposition kein Modell. Daß so der Ruhm demokratischen Widerstands verschüttet wurde, die einstigen Kämpfer nicht mal 1989 hervortraten, betonte Birthler unverhohlen als tragisch. Der 17. Juni habe vielmehr zu langfristiger Einschüchterung geführt, die SED-Führung danach den Überwachungsapparat erst richtig ausgebaut: Erst jetzt sei es zur eigentlichen, „inneren“ Staatsgründung der DDR gekommen und dem probaten System von „Zuckerbrot und Peitsche“. Erinnerung an rote Gewalt gilt als illegitime Aufrechnung Die Opfer wurden nicht bloß damals totgeschwiegen, ihre Anerkennung bleibt selbst heute problematisch und das Thema Ehrenpensionen noch immer in der Schwebe. Dies wurde von Betroffenen denn auch lautstark eingefordert, sekundiert von Zürcher Gästen der „Gesellschaft zur Selbstbestimmung der Völker“, seinerzeit gegründet anläßlich des 10jährigen Gedenkens an den Volksaufstand und von Bonn geflissentlich übersehen. Engagement für Freiheit und Einheit wurde im Lauf der Jahre auch hier verdrängt: Entspannungspolitik, West-Orientierung, postnationaler Konsumismus und Fokussierung der Erinnerungspolitik auf den Holocaust überlagerten den 17. Juni. Auch die alte BRD und auch das vereinigte Deutschland haben ihre Tabus. Galt in den achtziger Jahren die „deutsche Frage“ als obsolet, so heute die Erinnerung an sozialistische Verbrechen als „illegitime Aufrechnung“: eine Kontinuität des „aufrechten Antifaschismus“. Immerhin kam derlei zur Sprache. So meinte Klaus Hornung, unser Rechtsbewußtsein habe effektiv gelitten, indem die rote Gewalt seit den Achtzigern vom Gewicht der NS-Zeit absorbiert worden sei. Es gebe ein neues, leidenschaftliches Interesse der Deutschen an Selbstfindung und historischer Vergewisserung, so der Tenor. Dabei stehe jedoch der Aspekt von „Schande und Verrat“ ganz im Vordergrund. Dem seien demokratische Freiheitstraditionen gegenüberzustellen. So beschwor man neben dem Volksaufstand die Mainzer Republik, 1848 oder 1918. Allerdings erschien dieses unaufhörliche Durchforsten der Geschichte nach „Vorläufern“ bei gleichzeitiger Entsorgung des Unpassendem ähnlich öde und kahl wie die Geschichtspolitik anderer Systeme mit ihrer Suche nach Legitimationsmustern. Foto: SED-Demostration nach dem 17. Juni: Glühender Stachel im Fleisch

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