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Frau vor einem Gamestop-Store

Aktienkurs von Gamestop
 

Gamer rebellieren gegen die Wall Street

Das Internet rotiert mal wieder. Die Firma Gamestop ist in aller Munde. Was passiert da eigentlich gerade auf den Aktienmärkten? Schafft es eine Art Graswurzel-Bewegung, die sich in den sozialen Netzwerken organisiert, tatsächlich milliardenschwere Hedgefonds zum Einstürzen zu bringen?

Wirkliche Erfolgsgeschichten schreibt der US-Videospielehändler Gamestop schon länger nicht mehr. Im Zuge der Corona-Pandemie stiegen zwar die Onlineverkäufe leicht. Dennoch verzeichnete das Unternehmen mit Hauptsitz in Texas für das Weihnachtsgeschäft einen Umsatzrückgang von rund drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf knapp 1,8 Milliarden Euro. Die knapp 5.000 Geschäfte werfen kaum noch Gewinne ab. Diese sinkenden Zahlen hatten zuletzt auch mehrere große Hedgefonds angelockt.

Seit geraumer Zeit haben einige von ihnen, insbesondere Melvin Capital und Citron Research, in sogenannten Leerverkäufen darauf gewettet, daß der Aktienkurs von Gamestop weiter sinken wird. Die entsprechenden Papiere werden beim „Short Selling“ bereits verkauft, ohne daß sie sich zu diesem Zeitpunkt im tatsächlichen Besitz des Verkäufers befinden. Sie sind lediglich ausgeliehen und müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt auch wieder an den Verleiher zurückgegeben werden. Sinkt der Kurs also, können die Leerverkäufer Aktien günstig zurückkaufen. Steigt er hingegen, wird es teuer für sie.

Wir hier unten, gegen die da oben

Eine Neustrukturierung im Aufsichtsrat sorgte jedoch zunächst für eine konstante Kursentwicklung bei Gamestop. Auf der Social Media Plattform Reddit registrierten einige Nutzer die Entwicklung und sahen ihre Zeit gekommen. Im Unterforum „r/wallstreetbets“, in dem sich knapp drei Millionen User über Aktienhandel austauschen, wurde man auf die Leerverkäufe der Hedgefonds aufmerksam – und vor allem auf die großen Geldsummen, die diese auf den Niedergang des Spielehändlers gesetzt hatten.

Da aber die Reddit-User zum größten Teil aus Gamern bestehen, die durchaus positiv gegenüber dem Spieleunternehmen aus Texas eingestellt sind, im Gegensatz dazu aber große Hedgefonds hassen, begann ein bizarres Spiel. Wir hier unten, gegen die da oben. Die kleinen Trader riefen dazu auf, Aktien von Gamestop zu kaufen, um den Kurs in die Höhe zu treiben. Das Vorhaben verselbstständigte sich. Der Kurs schnellte nach oben.

Das rief schließlich den Tech-Unternehmer Elon Musk auf den Plan. Auch der mittlerweile reichste Mensch der Welt, der nebenberuflich noch immer als Internet-Troll sein Unwesen treibt, hatte seine ganz eigenen Beweggründe gegen die Hedgefonds vorzugehen. Vor Jahren shortete Melvin Capital Tesla-Aktien. Nun folgte Musks Retourkutsche. Er stieg ebenfalls in Gamestop-Aktien ein und postete dazu den Reddit-Thread auf seinem Twitter-Account. Der Kurs schoß nochmals durch die Decke. Mittlerweile ist er seit Anfang des Jahres um über 500 Prozent gestiegen.

Hedgefonds verlieren Milliarden

Auch weil zum Teil mehr Leerverkäufe abgeschlossen wurden als es überhaupt Gamestop-Aktien gibt, verloren die Hedgefonds in kurzer Zeit über fünf Milliarden Dollar. Besonders hart traf es Melvin Capital. Der 13 Milliarden Dollar schwere US-Fonds mußte mit 2,75 Milliarden Dollar von den Investmenthäusern Citadel und Point72 gestützt werden, um die größte Hedgefonds-Pleite seit 1990 zu verhindern.

An der Wallstreet herrscht nun blanke Panik. Nasdaq-Chefin Adena Friedmann schlug einen Handelsstopp vor, um Großinvestoren „eine Chance zu geben“, damit diese „ihre Positionen neu kalibrieren“ könnten. Im Forum „r/wallstreetbets“ denkt man jedenfalls nicht ans Aufgeben. „Für all die Rezessionen, die sie verursacht haben“, schrieb dort ein Nutzer. „Für all die Arbeitsplätze und Häuser, die Menschen verloren haben. Für all die Menschen, die nicht für das College bezahlen können, weil der Mindestlohn stagnierte, während die Wall Street reich wurde. Für all die Kleinhändler, die sie im Stich gelassen haben. Für all die Zeiten, in denen sie mit unseren Steuergeldern gerettet wurden, während wir nichts bekamen.“

Ein weiterer User erklärte: „Die ganze Wall Street behauptet nun, daß die Art und Weise wie sich die Öffentlichkeit hier zusammenschließt, illegal sein sollte, aber in Wirklichkeit verlieren sie nur bei ihrem eigenen Spiel gegen die Massen.“

Das Kursfeuerwerk bei Gamestop hat sich derweil auch an anderen Fronten ausgewirkt. Viele Aktien steigen derzeit aus heiterem Himmel, nur weil Shortseller im Spiel sind. So gehen die Papiere des Batterieherstellers Varta, des Pharmaunternehmens Evotec oder der Videospielfirma CD Projekt durch die Decke. Schaffen es Reddit-Nutzer also in naher Zukunft, einen Hedgefonds in die Insolvenz zu treiben? Ungewiß, genauso ob die „David gegen Goliath“-Geschichte in Sachen Gamestop tatsächlich so stehen bleibt. Denn auch der größte Vermögensverwalter der Welt ist involviert. Laut einem Dokument der amerikanischen Börsenaufsicht SEC besitzt Blackrock 9,2 Millionen Gamestop-Aktien – was einer Beteiligung von mehr als 13 Prozent entspricht.

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