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Playmobilfiguren
Playmobilfiguren: Eine lebendige Zeitreise von 1974 bis heute Foto: Historisches Museum der Pfalz

„Playmobil“
 

Ein deutscher Erfolg

Meine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen! Ein Grundschulfreund und ich waren so begeistert von dem damals neuen System-Spielzeug „Playmobil“, daß wir uns die rundum gezackte Frisur der Plastikmännchen gegenseitig mit einer Papierschere geschnitten hatten. Die Zacken über der Stirn! Das gab Ärger – und einen rappelkurzen Igelschnitt …
Trotzdem blieb Playmobil in unseren Kinderzimmern extremst populär. Daß das Bewegungsvermögen der Figuren ziemlich eingeschränkt war, wurde durch die endlosen Kombinationsmöglichkeiten der Ausstattung mehr als wettgemacht. So waren dem Entstehen immer neuer Phantasiewelten keine Grenzen gesetzt.

Das ist bis heute so, und darum steht das deutsche Unternehmen aus Zirndorf bei Nürnberg an der Spitze der Spielzeughersteller. 2014 feiert Playmobil vierzigjähriges Jubiläum. Das Begleitprogramm zum Geburtstag hat mit einer Auftaktveranstaltung bereits begonnen und läuft noch bis Ende Juni. Vier Jahrzehnte Erfolg werden mit großen Sonderschauen gewürdigt.

Die Not der Ölkrise machte Brandstätter erfinderisch

Dabei sah es anfangs gar nicht danach aus: Der Kunststoffartikelhersteller geobra Brandstätter war fast pleite. Durch die Ölkrise zu Beginn der Siebziger hatte sich der Rohstoffpreis für Deckenverkleidungen und Kindermöbel vervielfacht. Doch dann hatte Horst Brandstätter (Jahrgang 1933) eine Idee. Er beauftragte seinen Spielzeug-Mustermacher Hans Beck, ein Spielsystem zu entwickeln, das sich immer weiter ergänzen läßt.

Der gelernte Möbelschreiner aus der DDR ging an die Arbeit. Sein erster Prototyp war ein Bauarbeiter mit Schubkarre. Brandstätter ließ ihn weitermachen. Auf der Nürnberger Spielwarenmesse ’74 präsentierte die Firma die ersten Themen-Sets: Baustelle, Ritterzeit und Wilder Westen. Die Männchen wurden zum Welterfolg, die mittelalterlichen Fachwerkhäuschen nebst Schildwache und Burg von 1977f. zogen in Kinderherzen ein – und führen dort ein konservatives Dasein. Nur wenige Jahre danach war Brandstätter der umsatzstärkste Spielzeughersteller Deutschlands. Heute beschäftigt das Unternehmen an vier europäischen Fertigungsorten 3.700 Mitarbeiter, davon zweitausend in Deutschland.
Nur ein einziges Mal bekam das Unternehmen Konkurrenz: Ein Jahr nach der Markteinführung brachte der Fürther Mitbewerber BIG das Nachahmerprodukt Play-BIG heraus. Brandstätter verlor zwar einen Rechtsstreit, doch BIG verlor am Markt und stellte die Produktion bald wieder ein. Der Konkurrent verlegte sich sehr erfolgreich auf eine eigene Erfindung: das „Bobby-Car“. Seitdem leben die benachbarten Firmen in friedlicher Koexistenz.

Eine lebendige Zeitreise von 1974 bis heute

Der Firmeninhaber Horst Brandstätter (links) und Playmobil-Erfinder Hans Beck: Die Not der Ölkrise machte erfinderisch Foto: geobra Brandstätter GmbH & Co. KG
Der Firmeninhaber Horst Brandstätter (links) und Playmobil-Erfinder Hans Beck: Die Not der Ölkrise machte erfinderisch Foto: geobra Brandstätter GmbH & Co. KG

Heute haben die 7,5 Zentimeter großen Playmobil-Figuren lebendigere Gesichtsausdrücke, bewegliche Hände und modischere Frisuren. (Ob wohl heute noch Kinder auf die Idee mit dem Zickzack-Schnitt kommen?) Fast 4.000 Figurenmodelle sind seither erschienen, nicht immer günstig, aber beliebt. Auf Kinotrends wie „Fluch der Karibik“ oder „Star Wars“ reagiert Playmobil unverzüglich mit angepaßten Themenwelten.

Die Familienausstellung „40 Jahre Playmobil“ ist eine lebendige Zeitreise von 1974 bis heute. Das Historische Museum der Pfalz in Speyer zeigt aufwendige Dioramen und lädt zu Flohmärkten und Sammlerbörsen ein. Die Teilnehmer des Trickfilm-Wettbewerbes zeigen im Frühjahr ihre Filme, in denen Playmobil-Figuren die Hauptrollen spielen. Parallel sind Werksführungen und Veranstaltungen im Playmobil-Park am Firmensitz geplant. Höhepunkt ist das große Geburtstagsfest am 9. Mai.

Militär und Politik bleiben tabu

Anders als andere Spielwarenhersteller blieb Playmobil bislang von Protesten selbsternannter Erziehungs-Polizisten verschont. Nur 2009 sorgte das Set „Flughafen-Sicherheitskontrolle“ mit bewaffneten Beamten, Metalldetektor und Röntgenapparat in den USA für Bluthochdruck bei überpädagogischen Eltern.

Die Themenideen der Playmobil-Produzenten sind anscheinend unerschöpflich. Nur zwei Bereiche bleiben tabu: Militär und Politik. Als mehrere Medien es witzig fanden, Berichte über die Piratenpartei mit Playmobil-Piraten zu illustrieren, protestierten sowohl die Piratenpolitiker als auch die Zirndorfer Firmenzentrale. Die einzige Playmobil-Politikerfigur ist ein Unikat: eine „Angela Merkel“, die Horst Seehofer bei einem Werksbesuch von den Produktdesignern geschenkt bekam. Ob der CSU-Vorsitzende die Kanzlerin beim Spielen wohl manchmal wie ein zorniger Bub in die Ecke pfeffert?

JF 52/13-01/14

Playmobilfiguren: Eine lebendige Zeitreise von 1974 bis heute Foto: Historisches Museum der Pfalz
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