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Rettung für ein sensibles Ökosystem

Vorige Woche fand in Wilhelmshaven das 12. Internationale Wattenmeersymposium statt. Über 250 Wissenschaftler und Experten aus Deutschland, Dänemark, England, Südkorea, Norwegen, den Niederlanden und dem Senegal diskutierten über die Zukunft der Gezeitenküsten. Es wurde ein „Memorandum of Understanding“ zwischen Korea und der Trilateralen Wattenmeerkooperation von den Niederlanden, Deutschland und Dänemark unterzeichnet.

Denn Wattgebiete gibt es auch andernorts. In der Gezeitenzone tropischer Küsten dominieren oft Mangrovenwälder. Auch im Gelben Meer findet sich eine große Wattfläche, die allerdings zu China, Süd- und Nordkorea gehört. Eine Zusammenarbeit wie in der Wattenmeerkooperation gibt es dort noch nicht. In anderen Ländern sind hingegen große Eindeichungsprojekte an der Tagesordnung, die es im ostfriesischen Wattenmeer längst nicht mehr gibt.

Kein Wattgebiet ist aber in seiner Ausdehnung so gewaltig und in seiner Bedeutung für den Naturhaushalt so schwerwiegend wie die Wattgebiete an der Nordseeküste von Jütland (etwa in der Höhe von Esberg an), Nordfriesland, Dithmarschen, Elbmündung, Ostfriesland und den Niederlanden. Eine Million Hektar umfaßt das Gebiet, eines der letzten natürlichen Großökosysteme in Europa, in dem wohl 4.000 Tier- und Pflanzenarten leben. Dazu zählen Muscheln, Würmer, Schnecken, Krabben, Krebse, Seehunde, aber auch etwa vierzig Fischarten. In der Nordsee kommerziell gefischte Arten wie Scholle, Seezunge und Hering haben hier ihre Kinderstube. Das Watt ist das vogelreichste Gebiet in Mitteleuropa. Jahr für Jahr brüten oder rasten hier über zehn Millionen Vögel, die eine nahrungsreiche Drehscheibe finden bei ihren Flügen zwischen Winterquartieren im Süden und ihren arktischen Brutgebieten. Wie sensibel das Watt ist, haben einige kleinere Ölunfälle in der Nordsee gezeigt. Diese vernichteten nicht nur Millionen Kleinlebewesen, sondern auch das Leben von Zigtausenden von Seevögeln. Ölverseuchter Schlickboden ist kaum wieder zu entgiften.

Seit Jahrzehnten sorgen sich um die Nordseeküste aktive Naturschutzverbände, in Deutschland beispielhaft etwa die Schutzstation Wattenmeer oder der WWF Deutschland. Sie waren die Vorreiter, denen die Landesregierungen folgten, als sie die vor ihren Küsten liegenden Wattgebiete zu „Nationalparks“ erklärten, die besonderen Schutz beanspruchen. Naturschützer kritisieren aber, daß der Schutz nicht weit genug reicht. So gibt es immer wieder Auseinandersetzungen über wirtschaftliche Nutzungen des Wattenmeers wie etwa die Einrichtung von Windparks, das Betreiben von Bohrinseln zur Ölförderung und die damit verbundenen Leitungen, die durch das Watt gelegt werden müssen.

Es wird auch, wenn das Gebiet wirklich für die Natur erhalten werden soll, notwendig sein, gewisse Arten des Fischfangs einzuschränken, wenn man Raubbau an bestimmten Fisch- und Krebsarten verhindern will. In der letzten Zeit gilt die besondere Aufmerksamkeit der Naturschützer den verstärkt vor der deutschen Nordseeküste, vor allem vor Sylt, auftretenden Schweinswalen, der kleinsten Walart, die eng mit Delphinen und Pottwalen verwandt ist. Als Lungenatmer müssen sie alle sechs Minuten an die Wasseroberfläche kommen und verheddern sich dabei nicht selten in den Netzen der Nordsee-Stellnetzfischerei und verenden darin als unbeabsichtigter Beifang. Man rechnet mit 5.000 toten Schweinswalen pro Jahr.

Daher wird von der EU-Kommission ebenso wie von der Bundesregierung besonderer Schutz für diese Wale gefordert, etwa daß in jenem Gebiet Sportboote nicht schneller als 16 Knoten fahren dürfen und daß bei der Planung weiterer Windparks besonders der Schutz der Wale berücksichtigt werden müsse. Schleswig-Holstein und Niedersachsen (Hamburg hat sich zurückgezogen) haben gemeinsam mit der Bundesregierung bei der Unesco den Antrag gestellt, das Wattenmeer zum Weltnaturerbe zu erklären. Bislang ist nur die Grube Messel bei Darmstadt Weltnaturerbestätte. Dänemark hält sich zurück, um zunächst seine Nordseeküste als Nationalpark auszuweisen.

Im Juli will die Unesco entscheiden. Damit könnte das Wattenmeer gegen eine zunehmende Industrialisierung geschützt werden. Das Weltnaturerbe Wattenmeer stünde dann in einer Reihe etwa mit den Galápagos-Inseln oder dem Grand Canyon, wovon sich manche auch eine größere Attraktivität für Touristen versprechen. Auch die Teilnehmer des Wattenmeersymposiums hoffen, daß die Unesco dem sorgfältig begründeten Antrag entsprechen wird.

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