Flirtende Nandus beeindrucken Touristen

Sie sind anderthalb Meter groß, gefiedert und flirten neuerdings zu Frühlingsbeginn auch auf westmecklenburgischen Wiesen und Feldern. Nandus sind Laufvögel, die eigentlich in der südamerikanischen Grassteppe leben. Weil aber die Lebensbedingungen in der Wakenitz-Niederung denen in der heimatlichen Pampa ähneln, breitet sich das Federvieh dort zunehmend aus. Behörden, Wissenschaftler und Naturschützer beobachten die Ausbreitung der fremden Art mit gemischten Gefühlen. Tourismusbetreiber und deren Gäste hingegen finden zunehmend Gefallen an dem exotischen Immigranten. Zu Recht – der südamerikanische Straußenvogel sieht hübsch aus, er lächelt und läßt sich füttern, wenn man sich ihm ruhig nähert. Er ernährt sich von Gräsern und Kräutern sowie gelegentlich von Fröschen und Eidechsen. Allerdings schmeckt dem Nandu auch die weiß gepunktete Schrecke und die Blauflügel-Heuschrecke, die streng geschützt sind. Auch die Gelege von Bodenbrütern wie Heidelerche, Brachpieper und Ziegenmelker zertrampelt der Riesenvogel. So possierlich der Nandu zunächst erscheint, droht er doch das hiesige Ökosystem zu beeinträchtigen. Vor fünf Jahren waren einem Züchter in Schleswig-Holstein sechs Nandus entwischt. Damals glaubte man, die Nandus würden den Winter nicht überleben – zu Unrecht. Es dauerte nicht lange, da hatten sie es sich im dünnbesiedelten Mecklenburg gemütlich gemacht: „Hier fanden sie offensichtlich optimale Bedingungen vor, denn sie vermehrten sich bis heute auf 50 bis 100 Exemplare“, erklärt Ilona Stadler vom Schweriner Umweltministerium. Bei dieser Zahl wird es jedoch nicht bleiben. Die durch den Populationsanstieg der Nandus befürchteten Probleme haben das Landesumweltamt dazu bewegt, eigens ein Forschungsprojekt zu fördern. Darin geht es um die Auswirkungen auf heimische Arten und Agrarkulturen schaden und ob sie den Verkehr gefährden – wie etwa auf der A 20. Gedanken macht sich auch Umweltminister Wolfgang Methling (PDS). Der Veterinärprofessor will mit „unblutigen Maßnahmen“ beginnen, denn „der Nandu gilt in frei lebender Form laut Washingtoner Artenschutzabkommen als besonders schützenswert und darf demzufolge nicht bejagt werden“. Der Nandu hat aber auch Freunde: Touristen legen sich mit Ferngläsern auf die Lauer – das Dörfchen Schattin wird als Geheimtip gehandelt wird. Gäste des dortigen Waldhotels berichten immer wieder begeistert von ihren Beobachtungen in freier Wildbahn. Ginge es also nach der regionalen Tourismusbranche, dürfte sich der exotische Laufvogel ungestört weiter vermehren. „Die Nandus gehören nun einmal nicht in die Gegend“, meint hingegen Martin Bauer vom Naturschutzbund Mecklenburg-Vorpommern, „denn eingeführte Tiere und Pflanzen können das heimische Ökosystem erheblich beeinflussen“. Als „Neobioten“ stellen die Nandus allerdings nur eine von rund 4.000 Arten dar, die in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Wegen nach Deutschland gekommen sind. Der Nandu, so die Forderung, gehört nach Südamerika oder in einen Zoo – hier störten sie das natürliche Gefüge. Trotzdem ist Bauer gegen das Ausrotten des flugunfähigen Brutvogels – unter anderem deshalb, weil sich die Bevölkerung inzwischen an die Nandus gewöhnt hat. Vielmehr sollte „lediglich reglementierend eingegriffen werden, um den Bestand nicht ausufern zu lassen“, so Bauer. Deshalb hält auch er es wie Methling für sinnvoll, den Rat von Experten heranzuziehen. Die Jägerschaft in Westmecklenburg spricht sich geschlossen gegen einen etwaigen Sonderstatus der Nandus aus. „Wenn Jäger zur Bestandsauffrischung Tiere auswildern, bedarf das selbst bei heimischen Arten wie Fasanen oder Rebhühnern einer gesetzlichen Genehmigung“, erklärt der Geschäftsführer des Landesjagdverbandes, Rüdiger Brandt. Deshalb dürfe es nicht ohne weiteres geduldet und schon gar nicht gefördert werden, daß neue Arten einwandern und sich ungehindert ausbreiten können. Wildern diese nämlich ungenehmigt oder fahrlässig aus, haftet der Halter der Tiere – eine Regelung, die der Jagdverband nun auch im Falle der Nandus durchsetzen will. Die ausgebüchsten Nandus interessieren sich freilich wenig für gesetzliche Regelungen. Putzmunter strecken sie ihr Gefieder den ersten Frühlingssonnenstrahlen entgegen, um in der Wakenitz-Niederung nicht nur Touristen auf sich aufmerksam zu machen.

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