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Tschernobyl in Zeitlupe

Das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz von 1997 kann am 16. Februar 2005 endgültig in Kraft treten. Rußland hatte letzte Woche die Ratifizierungsurkunde zum Klima-Rahmenabkommen bei der Uno in New York hinterlegt. Zuvor hatten das Parlament der Russischen Föderation (Duma) und Präsident Wladimir Putin das totgeglaubte Kyoto-Protokoll zur Verringerung der Emissionen ratifiziert. Letztendlich hat Rußland damit diese internationale Vereinbarung gerettet, nachdem der größte Treibgasproduzent, die USA (aber auch etwa Australien), ihre Unterschrift verweigerten. Um in Kraft treten zu können, mußten 55 Industriestaaten zustimmen, die zusammen für mindestens 55 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Industrienationen des Jahres 1990 verantwortlich waren. Mit Rußland sind jetzt 128 Länder, die über 61 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase wie CO2 emittieren, dem Kyoto-Protokoll beigetreten. Westlichen Atommüll in Sibirien endlagern? Trotz dieses weltweit beachteten Schrittes hat Rußland weiterhin mit enormen Umweltproblemen zu kämpfen. So wird momentan diskutiert, ausländischen Atommüll in Sibirien endzulagern – gegen harte Devisen selbstverständlich. Obwohl in den letzten Jahren rasante Veränderungen in Rußland eingetreten sind, bleibt das Problem der enormen Umweltverschmutzung ungelöst. Und der Fall des Ex-Marinekapitäns Alexander Nikitin, der wegen seines Berichts über abgewrackte Atom-U-Boote unter Präsident Boris Jelzin als „Verräter“ ins Gefängnis gesteckt wurde, hat gezeigt, daß Ökologie in Rußland keine Lobby hat. Umweltverschmutzung war zu Sowjetzeiten ein „Staatsgeheimnis“, seit den neunziger Jahren ist das schnelle Geldverdienen die Richtschnur. Man rodet Wälder, um das Holz gegen Dollars zu exportieren – umgekehrt werden Möbel importiert, statt sie selbst herzustellen: so die „Logik“ des russischen „Big Business“! Doch während die Schneisen in den russischen Wäldern „lediglich“ das Weltklima negativ beeinflussen, bedroht die radioaktive Hinterlassenschaft der Sowjetmarine die russischen Nachbarländer unmittelbar. Der Untergang des erst 1994 fertiggestellten russischen Atom-U-Boots „Kursk“ bewegte im August 2000 die Gemüter. Doch Unfälle auf Atom-U-Booten und Lecks in verrottenden Atomcontainern sind keine Einzelfälle. Allein auf der Kola-Halbinsel (nur wenige hundert Kilometer von Norwegen und Finnland) liegen 150 ausrangierte U-Boote auf Halde; in 104 von ihnen sind die Atomreaktoren noch komplett mit hochangereicherten Uranbrennstäben bestückt. Etwa 7,2 Millionen Liter flüssiges sowie 176.000 Kubikmeter festes radioaktives Material lagern unter Bedingungen, die in Deutschland unvorstellbar wären. Mitten in Murmansk, dem nördlichsten Marinezentrum, gibt es eine öffentliche Digitalanzeige, die neben Uhrzeit und Temperatur auch über die aktuelle Radioaktivität in der Stadt informiert. Das direkt betroffene Nato-Land Norwegen subventioniert inzwischen den Abbau der radioaktiven Müllhalden mit 25 Millionen Euro, die USA haben modernstes Gerät für die Demontage der U-Boote geschickt, die im Rahmen der Abrüstungsverträge ausrangiert werden. Die Entsorgung des Atommülls im Norden Rußlands wird wohl 20 bis 30 Jahre dauern. Etwa 18 Prozent aller weltweit existierenden Reaktoren befinden sich in der Arktischen Region. Die Kola-Halbinsel und Sewerodwinsk am Weißen Meer verfügen mit etwa 300 Stück auch über die höchste Reaktor-Konzentration in der Welt. Zu Sowjetzeiten wurde der Nuklearabfall einfach im Meer versenkt, in den Kola-Militärbasen gelagert oder bestenfalls zur Wiederaufarbeitungsanlage Mayak transportiert. Auf der Kola-Halbinsel unterhält die Nordmeerflotte fünf Militärbasen mit Lagerkapazitäten für festen und flüssigen Nuklearmüll, die nicht nur überfüllt sind, sondern teilweise auch einen bautechnisch bedenklichen Zustand aufweisen. Fester radioaktiver Müll wird stellenweise sogar unter freiem Himmel ohne besondere Schutzvorkehrungen gelagert. Flüssiger Atomabfall, der bei der Brennstofferneuerung von U-Booten anfällt, wird auf Marinebasen in unterirdischen Tanks, an Bord von Versorgungsschiffen oder in Schwimmtanks deponiert. Die Kola-Halbinsel ist inzwischen vielleicht der gefährlichste Ort Europas: und dank Wetter- und Meeresströmung kann sie mitnichten als rein russisches Problem verstanden werden. Sollte das in der Region eingeschlossene radioaktive Material allmählich in die Umwelt gelangen, sind großflächige Verseuchungen – auch wichtiger Fischgründe – nicht auszuschließen. Experten warnen daher – in Erinnerung an die ukrainische Reaktorkatastrophe von 1986 – vor einem neuen „Tschernobyl in Zeitlupe“.

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