Nur hier und da ein Lichtblick

Die Zeiten, als sich eine engagierte Öffentlichkeit für den Schutz der Meere einsetzte, sind vor-bei. Andere, den Menschen näherstehende Probleme brennen unter den Nägeln. Wer in den existenziellen Abgrund seiner Verarmung starrt, der sorgt sich nicht mehr ganz so intensiv um das Wohlergehen der Wale und Robben. Und solange die Badestrände sauber sind, hier ist tatsächlich viel passiert, wollen andere sich nicht die Begegnung mit dem Meer vermiesen lassen. Die Wahrnehmung des Ökosystems „Meer“ hat sich geändert, aber die Probleme sind die alten: Sie heißen Überfischung, Schadstoff-Einleitung, Nährstoffüberschuß, Schiffahrt und Verschiedenes. Unter letzteres fällt beispielsweise der Tourismus, die militärische Nutzung, der Meeresbergbau oder auch die Windkrafterzeugung auf hoher See. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat ein neues Gutachten („Meeresumweltschutz für Nord- und Ostsee“) vorgelegt, in dem Probleme und Lösungsansätze vorgestellt werden. Nach 1980 erscheint so zum zweiten Mal eine umfassende Studie. Deutlich verringert hat sich Einleitung von Schwermetallen wie etwa Kadmium oder Quecksilber, obgleich diese Stoffe weiterhin in den Sedimenten der Meere zu finden sind. Kaum verbessert wurde die Vermeidung von zu viel Nährstoffen, die zu Sauerstoffmangel in den Gewässern führen. Ärgerlich ist auch, daß immer wieder neue giftige Stoffe über die Bäche und Flüsse in die Meere gelangen. Besonders die konventionelle Landwirtschaft produziert durch den sogenannten „Pflanzenschutz“ Unmengen dieser toxischen Mittel. Solange die Agrarpolitik der Europäischen Union nicht ihr Fördersystem umstellt, wird sich daran wenig ändern. Denn zur Zeit befinden sich die Bauern im Wettlauf um die höchsten Erträge, so daß der Einsatz chemischer Hilfsmittel unvermeidbar ist. Auch die gepriesene Gentechnik, die angeblich toxische Spritzmittel und Kunstdünger vermindern wird, dürfte die Meere nicht entlasten, sondern eher neue Gefahrenquellen schaffen. Für die Fischer spitzt sich die Lage schon seit Jahren zu: 28 Prozent der wirtschaftlich bedeutsamsten Bestände weltweit gelten als geplündert, weitere 47 Prozent sind an der Grenze nachhaltigen Befischens. Die Probleme und auch die Lösungen seien, so der Sachverständigenrat, längst bekannt, doch die zuständigen internationalen Gremien versagten. Den Kabeljau-Fischfang müßte man eigentlich ganz einstellen, so dezimiert sind die Bestände – aber nichts geschieht. Einzig die „Aquafarmen“ auf hoher See könnte in einigen Jahren die Fischbestände entlasten. Für einige Sorten könnte dieser Ausweg zu spät sein. Der Sachverständigenrat kritisiert, daß etliche Standards zwar schon vereinbart sind, aber schlicht nicht vollzogen werden. Das gilt zum Beispiel für die Öleinleitungen. Nach internationalem Recht sind sie längst verboten, und dennoch ist diese zerstörerische Art der Entsorgung an der Tagesordnung. Eine europäische Überwachungsbehörde, die die nötige Durchsetzungskraft entwickeln könnte, um die ständige und rechtswidrige Einleitung von Öl und anderen Rückständen aus dem Schiffsbetrieb zu unterbinden, wäre hier wünschenswert. Ein weiterer Punkt sind die Treibstoffe. Die überwiegende Zahl der Schiffe fährt nicht mit ordentlichem Dieselöl, sondern mit Rückständen aus der Ölwirtschaft. Dieser Treibstoff ist so belastet, daß er beispielsweise im Straßenverkehr gänzlich verboten ist. Zu den bisher in der Öffentlichkeit wenig beachteten Problemen gehört der Umgang mit dem sogenannten Ballastwasser. Dieses Wasser benötigen die Schiffe, um auch ohne Ladung sicher fahren zu können. Es wird vor der Abfahrt im Hafen aufgenommen und dann bei der Ankunft am Zielort wieder abgelassen – mit allem, was sich darin tummelt. Und das ist eine ganz Menge: Nach Angaben des WWF sind in einem Schiffstank etwa 4.000 verschiedene Arten unterwegs, von Mikroorganismen bis zu kleinen Krebsen. Was sich recht harmlos anhört, bedeutet manchmal eine ökologische Katastrophe. So verstopft die Zebramuschel aus dem Schwarzen Meer in den USA und Kanada die Wasserleitungen großer Städte. Die Rippenqualle hat die Nahrungssituation im Kaspischen Meer derart verändert, daß es dort zum Zusammenbruch der Anchovisfischerei gekommen ist. In Norwegen führte die giftige Alge Chatonella zum Verlust von tausend Tonnen Lachs. Und hier kommt auch wieder der Nährstoffüberschuß ins Spiel, denn wo viel Nahrung ist, gedeihen die eingeschleppten Organismen besonders gut. In der Schiffahrt ist die Problematik rund um das Ballastwasser wohlbekannt, aber bisher konnte man sich nicht auf einen verbindlichen Maßnahmenkatalog einigen. Weltweit sucht man nach verschiedenen Lösungsansätzen. Zum Beispiel könnte man das Wasser filtern oder sterilisieren. Man experimentiert mit Pestiziden, Chlor und UV-Strahlen, wobei sicher nicht wünschenswert ist, daß so zusätzliche Gifte in die Meere geleitet werden. Andere Forscher setzen auf Hitze, die manche Schiffe ohnehin erzeugen: Tanker heizen beim Beladen das Öl, um es zu verflüssigen. Man hat Frachtschiffe auch schon mit zusätzlichen Wasserkochern ausgestatten. Bei beiden Verfahren konnte das Wasser auf 70 Grad Celsius erhitzt werden, was eigentlich genug wäre, um die Organismen zu „denaturieren“. Jedoch hat sich herausgestellt, daß es Lebewesen in den Tanks gibt, die sogar 130 Grad überleben. Ein mechanischer Lösungsansatz wäre der regelmäßige Austausch des Ballastwassers, damit die Organismen in ihrer Heimat bleiben. Es wäre theoretisch möglich, das Küstenwasser, das man in der Nähe von New York aufgenommen hat, auf dem mittleren Atlantik einmal gegen Hochseewasser auszutauschen. Dann hätten die Küstenorganismen keine Überlebenschance, und die Hochseeorganismen, die man dort aufgenommen hat, könnten in der Nordsee nicht überleben. Bei der derzeitigen Konstruktion der Tanks ist es aber nicht möglich, restlos alles Wasser abzupumpen. Statt einem Austausch der Organismen käme es daher zu einer Sauerstoffzufuhr, die die Überlebenschancen der blinden Passagiere noch verbessern würde. Erst wenn die Tanks neu konstruiert werden, könnte dieser Lösungsansatz erfolgreich sein. Aber da alle Möglichkeiten viel Geld kosten und die Globalisierung unbedingt auf billigen Transport angewiesen ist, werden die Ozeane noch viel Schindluder ertragen müssen. Foto: Ballastwasser-Aufbereitungsanlage im Ölhafen Rostock: Eine ökologische Katastrophe verhindern

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