Joachim Kuhs

 

Mülltrennung bleibt weiterhin unverzichtbar

Im Ausland wird Deutschland auch als das Land der getrennten Mülltonnen wahrgenommen. Ein ganzer Industriezweig beschäftigt sich heute mit der Aufarbeitung dieser Wertstoffe. Und jeder Bürger, der zu Hause brav seine mindestens vier verschiedenen Eimer hat, darf sich freuen über ein ökologisch sauberes Gewissen. Gestört wird dieser Zustand von Berichten in den Medien, wonach die Mülltrennung überflüssig werde, weil neue Sortiermaschinen die Vorarbeit der Menschen übernähmen.

Derzeit testen verschiedene Unternehmen in aufwendigen Versuchen, wie gut eine maschinelle Trennung funktioniert, falls Leichtverpackungen aus Metall-, Kunst- oder Verbundstoffen zusammen in der Tonne landen. In diesen Versuchen geht es aber nicht um die maschinelle Separierung von Glas, Papier und organischen Abfällen; diese Abfallarten werden im bewährten Verfahren getrennt erfaßt. Das Umweltbundesamt (UBA) begleitet einige dieser Versuche und hat dazu ein Positionspapier erstellt.

Das UBA hält eine auf "stoffstromorientierte Ressourcenschonung" ausgerichtete Neuorientierung der Abfallwirtschaft für erforderlich. Notwendig sei nach wie vor die weitgehende Verwertung sowie die Ausschleusung schadstoffhaltiger Abfallströme oder -produkte. Nach bisherigem Erkenntnisstand gilt, daß die Verwertung der weitgehend sortenrein gewonnenen Abfälle den höchsten Beitrag zur Ressourcenschonung leistet. Daher ist die getrennte Sammlung nach wie vor unverzichtbar. Denn nur so können hochwertige Sekundärrohstoffe erzeugt werden. Allerdings ist die separate Erfassung nicht als Selbstzweck zu sehen.

Man könnte sie jedoch nur dann durch die nachträgliche Aufbereitung gemischt erfaßter Abfälle ersetzen, wenn diese mindestens dieselbe Leistung hinsichtlich Menge und erforderlicher Reinheit stofflich zu verwertender Abfälle erbringt und zudem kostengünstiger ist – oder ihre Mehrkosten durch erheblich höhere Leistungen vertretbar wären.

Gewinnung hochwertiger Sekundärrohstoffe

Dabei darf man aber nicht übersehen, daß die derzeit praktizierte getrennte Sammlung hinsichtlich Beschaffenheit und Menge der erfaßten Abfälle – und auch im Hinblick auf die Kosten – optimiert werden kann. Auch gibt es für die Herstellung der erforderlichen Sortenreinheit mittlerweile technische Entwicklungen, die die getrennte Sammlung für einzelne Abfallarten zukünftig entbehrlich werden lassen. Für das UBA wird die getrennte Sammlung niemals flächendeckend ersetzt werden können. Viel eher gehen die Fachleute davon aus, daß sich verschiedene, den jeweiligen Bedingungen angepaßte Entsorgungskonzepte entwickeln werden. Durch den einsetzenden "Technologiedruck" in der Müllbranche hält man eine Überprüfung der bisherigen Erfassungspraxis für erforderlich. Dabei lauten die zwei Kernfragen:

l Gilt noch die bisherige Erkenntnis, daß die für eine hochwertige Verwertung erforderliche Sortenreinheit, Qualität und Menge nur durch die getrennte Sammlung von Abfällen erreichbar ist?

l Und ist im Ergebnis eine Neubewertung der getrennten Sammlung bestimmter Abfallfraktionen als notwendige Voraussetzung für die oben genannten Ziele erforderlich?

Um es gleich vorwegzunehmen: Für das UBA gibt es in einer ersten Einschätzung für die "Praxis der getrennten Sammlung derzeit keine Alternative". Zwischen den Zeilen machen sich die Fachleute Sorgen, daß die bisherigen, ökologisch sinnvollen und aller Erfahrung nach gut funktionierenden Getrennthaltungssysteme leichtfertig aufgegeben werden könnten, bevor bessere Alternativen zur Verfügung stehen.

Gleichwohl weiß man auch im UBA, daß man sich dem "technischen Fortschritt" nicht entziehen kann. Jedem ist klar: Der Gelbe Sack ist nicht der ökologischen Weisheit letzter Schluß. Um aber auf neue Randbedingungen flexibel und zielgerichtet mit der Empfehlung geeigneter umweltpolitischer Maßnahmen reagieren zu können, hat sich das UBA zur Aufgabe gemacht, die Entwicklung ökologisch und ökonomisch aussichtsreicher Alternativen (technische Neuerungen, kartell- und andere rechtliche Entwicklungen, Neubewertung von Verwertungssystemen) "sorgfältig und zeitnah" zu beobachten und zu begleiten.

In absehbarer Zukunft wird es allerdings für gewisse Abfallfraktionen keine Alternative zur getrennten Sammlung geben. Diese sind: Papier, Pappe, Kartonagen, Verbundkarton, Behälterglas, Bildschirmglas, Textilien, Elektronikgeräte und Leuchtstoffröhren. Zu den zu "Selektierenden" gehört natürlich auch der "Bioabfall". Denn nur so – kompostiert oder vergärt – bekommt man als Ergebnis ein schad- und störstoffarmes, hygienisch einwandfreies Düngemittel oder Kultursubstrat, das umweltverträglich eingesetzt werden kann.

In Regionen, in denen die Bedingungen für eine stoffliche Verwertung nicht erfüllt sind, ist die energetische Nutzung der Bioabfälle in einer Müllverbrennungsanlage (MVA) für die Fachleute eine mögliche Alternative. Das macht stutzig. Denn wieso vorher getrennt gesammelt werden soll, wenn der Bioabfall nachher mit dem Restmüll gemeinsam verbrannt wird, bleibt das Geheimnis des UBA.

Gleichwohl sehen die Berliner Öko-Beamten in der "energetischen Nutzung" einen "nennenswerten Beitrag" zum Klimaschutz, sofern die Anlage über einen hohen Energienutzungsgrad verfügt. Fazit: In nächster Zeit bleibt beim Müll wohl alles beim alten.

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