Joachim Kuhs

 

Die Menschheit sündigt immer noch

In der Zeit von Ende 1990 bis 1994 gab es im Deutschen Bundestag keine Abgeordneten der westdeutschen Grünen mehr, lediglich das in den neuen Bundesländern angetretene Bündnis 90 schaffte den Sprung nach Bonn. Als Grund für das Scheitern der Grünen bei der Bundestagswahl vom Herbst 1990 darf zweierlei gesehen werden: Erstens hatte die Partei auch nach dem Rückzug der Ökologen um Herbert Gruhl und Baldur Springmann im Jahre 1980 interne Konflikte auszutragen, welche mit ihrer heterogenen Zusammensetzung irgendwann auftreten mußten. Der „Fundi“-Flügel um Jutta Ditfurth zog den kürzeren, der „Realo“ Joschka Fischer setzte sich durch. Zweitens erklangen aus der Partei in den achtziger Jahren immer wieder antideutsche Parolen, die zur Wiedervereinigung des Landes gar nicht mehr passen wollten. Die Grünen haben sich in den folgenden neunziger Jahren wieder zusammengerauft, den Einzug in den Bundestag zunehmend stärker gemeistert und 1998 sogar erstmals die Beteiligung an einer Bundesregierung erlangt. Konsequent ökologisch ist und war die Ausrichtung dabei nicht – nicht einmal die „Öko-Steuer“ verdient ihren Namen. Im Gegenteil: „Ökologische Parteien haben keine Chance“, prophezeite Herbert Gruhl in einem Interview mit der damals noch monatlich erscheinenden JUNGEN FREIHEIT vom Februar 1991. Denn ökologisch zu handeln heiße Verzicht zu üben, um die „Plünderung des Planeten“ abzumildern. Verzichtspolitik aber ist nicht populär, schon gar nicht bei den Wohlstandskindern der Grünen. Kanzler Gerhard Schröders Reform-„Agenda 2010“ kam nur mit Forderungen zum Erhalt alter Privilegien durch die bündnisgrünen Parteitage durch. Keine Spur von Verzichtsethik; die ist denkbar unkonkret zum allgemeinen Kulturgut hinabgesunken und findet sich damit auch auf einer 2003 erschienenen Gedenkbriefmarke für den 1993 verstorbenen Schriftsteller Hans Jonas wieder: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Es wird eng auf dem Globus -Enge erzeugt Aggression Jonas‘ ehrenwertes Postulat aus den achtziger Jahren hat in den neunziger Jahren praktisch keine Wirkung gezeigt. Was schon vor über einem Jahrzehnt für Herbert Gruhl ersichtlich war, daß nämlich der 1991 tobende Golfkrieg nicht der letzte sein werde, weil weitere Verteilungskonflikte logischerweise folgen müßten, ist mittlerweile blutige Realität geworden – und nicht nur dort. Als Hauptproblem darf aber gesehen werden, daß die Zahl der Menschen seit über 200 Jahren explosionsartig zugenommen hat und noch immer weiter ansteigt. Da wird es eng auf dem Globus. Und Enge erzeugt Aggression, wie der 1989 verstorbene Konrad Lorenz -heute aktueller denn je – in seinem 1972 erschienenen Buch über die „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ zu erklären wußte. Genau diese heute immer weiter aufbrechende Problematik aber ist in der internationalen Politik kaum behandelt worden. Die UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo hat 1994 zwar den Zusammenhang von Bevölkerungswachstum, Armut und Umweltvernichtung ausdrücklich anerkannt, doch der 1992 eingeleitete Rio-Prozeß begnügte sich damit, die Bevölkerungszunahme und die wachsenden zivilisatorischen Pro-Kopf-Ansprüche gleichsam als gottgegeben hinzunehmen. Statt dessen wird mit einigen Vertragstexten an Symptomen kuriert. Von einem „Notstandsprogramm“, das Gruhl im genannten JF-Interview für notwendig gehalten hat, war keine Spur auszumachen. Im Gegenteil zeigt die weitere Zeitgeschichte, daß die großen politischen Bemühungen weltweit auf die Eroberung des Weltraums gerichtet sind. US-Präsident George W. Bush zieht es erklärtermaßen zum Mars; er will dafür zig Milliarden US-Dollar bereitstellen – nicht etwa für ein Überlebensprogramm auf Erden. Damit bestätigt sich Gruhls kulturphilosophische Diagnose in letzter Konsequenz: Daß wir uns bildlich gesprochen nämlich längst auf einer „Himmelfahrt ins Nichts“ (so der Titel von seinem 1992 erschienenen Buch) befinden, darüber mögen sich einige auch damit hinwegtrösten, daß der technische Umweltschutz beim Wasser und der Luft hier und da Entlastungen gebracht hat. Der schweizerische Organisationsberater Christoph Lauterburg, der in seinem 1998 erschienenen Buch „Fünf nach zwölf – Der globale Crash und die Zukunft des Lebens“ vor allem an Krisenmanagement denkt, sieht die europäischen und sonstigen wohlhabenden Staaten als letztes vom globalen Crash eingeholt. Das mag hierzulande trösten, erinnert aber vor allem an ein Stück aus dem Wiener „Sissi“-Musical „Elisabeth“, in dem gähnend die Apokalypse erwartet und beim Ober noch einen Melange bestellt wird. Nur geht es diesmal nicht nur wie zu Zeiten der Kaiserin Elisabeth um den drohenden Untergang eines Reiches, auch nicht des Abendlandes, sondern der Weltgesellschaft überhaupt. Gruhl nannte das in seinem 1992er Spätwerk über den geplünderten Planeten ein faszinierendes Schauspiel. Um so zu denken, muß man allerdings mit Friedrich Nietzsche einen philosophisch-distanzierten Blick vom Weltall aus auf das Allzumenschliche richten. Objektiv ist die Lage leicht ersichtlich, ihr menschlich gerecht zu werden erscheint nur noch illusorisch. Bleibt zu schließen, daß noch genug Zeit bleiben möge, das eine oder andere Jubiläum des Erscheinens der JF als Wochenzeitung zu feiern. Die Hoffnung stirbt zuletzt, Optimismus ist Pflicht: allzumenschlich.

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