Kauft nicht bei Franzosen und Deutschen

Schrill und schroff schallen die Wirtschaftsdrohungen gegen die Anti-Irak-Kriegsländer Deutschland und Frankreich aus dem fernen Washington. Ginge es nach einigen Kongreßabgeordneten, würde den US-Amerikanern, die sich noch nicht aus patriotischer Überzeugung zu einem Boykott französischer und deutscher Waren verpflichtet fühlen, kurzerhand der Hahn zu französischem Mineralwasser und Tafelwein zugedreht. Vordergründig aus gesundheitlichen Gründen, gilt doch das nicht mit Kohlensäure versetzte Wasser als nicht keimfrei und der Wein dem Verdacht ausgesetzt, mit Ochsenblut getönt zu sein. Da ähnliches den deutschen Waren selbst aus vorurteiliger Sicht hinterwäldlerischer Kongreßabgeordneter nicht vorzuwerfen ist und die Vorliebe der Amerikaner für deutsche Autos unausrottbar erscheint, soll Deutschland nach dem Willen der Parlamentarier um den Genuß der Stationierung amerikanischer Soldaten gebracht und massenweise US-Kasernen geschlossen werden. Aus amerikanisch-politischer Sicht eine Höchststrafe für Deutschland. Hinter allen hemdsärmeligen Drohgebärden klagen tatsächlich die ersten deutschen Firmen über zunehmende Schwierigkeiten im Amerikageschäft. Viele private Firmen, mehr aber noch die Regierungsstellen, zögern angeblich mit der Auftragsvergabe an deutsche Unternehmen. Der Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) vermeldet „bereits entstandene Ausfälle und schwierige Geschäfte mit amerikanischen Kunden“. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT) ängstigt sich um die transatlantischen Geschäftsbeziehungen, und der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) fordert die Entsendung einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation, möglichst unter Leitung des Bundeswirtschaftsministers, die bei den amerikanischen Handelspartnern um gutes Wetter bitten soll. Einen Wetterumschwung sehnen auch die Börsianer herbei, seitdem deutsche Aktien kaum noch in amerikanischen Aktienfonds vorzufinden sind. Als ob der Aktienkäufer patriotischen Anlagestrategien folgen würde. Über das tatsächliche Ausmaß der Geschäftsschädigung, die durch die Weigerung Deutschlands und Frankreichs zum bedingungslosen Krieg gegen den Irak entstanden ist oder entstehen kann, bestehen freilich große Meinungsunterschiede. Während einige, vor allem die deutschen Maschinen- und Anlagebauer, bereits jetzt große Auftragseinbrüche dem ungeschickten Verhalten Schröders in der Irak-Frage zuschreiben, meint beispielsweise der Sprecher der Automobilfirma Porsche, dieses Problem zur Zeit nur auf den politischen Großraum Washington beschränken zu können, während der landesweite Einbruch beim Autoabsatz eher auf konjunkturelle Einflüsse zurückzuführen sei. In der Tat sind die Nachfrageeinflüsse vielschichtig und kaum auf das emotionale Argument der Abstrafung eines politischen Gegners reduzierbar. Die Hintergründe, die zu der Allianzverweigerung der Deutschen mit den Amerikanern geführt haben, spielen allerdings durchaus eine Rolle. Die Verwobenheit der Argumente verdeutlicht die Analyse des Kapitalmarktes. Die Tatsache, daß kaum noch deutsche Aktien von amerikanischen Anlegern nachgefragt werden, gründet in der mangelhaften Aussicht auf Profite. Das Merkmal deutsch bei einer Aktie gilt heute weniger als Gütesiegel, denn als Warnmarke. Für die Amerikaner ist es besonders verwunderlich, daß deutsche Aktien künftig wesentlich verschärfter besteuert werden sollen, während in den USA die Entwicklung genau in die gegenteilige Richtung gelenkt wird. Das anhaltende Unvermögen, die verkrusteten Arbeitsmarktstrukturen aufzubrechen, schlägt sich ebenfalls eher in Verkaufs- als Kaufempfehlungen für Aktien deutscher Unternehmen nieder. Und schließlich spielt der im Vergleich zum Euro entwertete Dollar eine nicht unerhebliche Rolle. So stellt sich beispielsweise eine sechsprozentige Steigerung der Gewinnerwartung der deutschen Software-Firma SAP nach Einberechnung des höheren Euro-Kurses aus amerikanischer Sicht lediglich als ein Anstieg um ein Prozent dar. Für die in anderen Größenordnungen kalkulierenden Amerikaner, die zudem mit einem baldigen Wirtschaftsaufschwung im eigenen Land rechnen, ist dies zu wenig, um SAP als Anlage attraktiv erscheinen zu lassen. Ein Boykott der USA trifft auch US-Unternehmen Die schwache deutsche Wirtschaft und vor allem die reformunfähige deutsche Regierung sind neben dem erstarkten Euro der Hauptgrund für die zurückgehende Nachfrage aus den USA. Ein patriotisch motivierter Boykott widerspricht dagegen nicht nur dem amerikanischen Geschäftsdenken, er würde auch vielfache Eigenschädigung bedeuten. Schließlich existieren immer noch 1.800 Firmen in Deutschland, die mit US-Kapital ausgestattet sind. Bei so viel Verflechtung würde ein Boykott daher zweifellos auch die eigenen Unternehmen treffen. Allerdings läßt aus den zuvor genannten Gründen die Investitionsbereitschaft der Amerikaner ständig nach. Der Vorwurf des „alten“ Europas trifft da hauptsächlich auf die antiquierten und wenig zukunftsträchtigen Finanz- und Wirtschaftsstrukturen zu. Die Auffassung des BGA-Präsidenten: „Der US-Verbraucher entscheidet immer patriotisch“, trifft schon weit daneben. Für den US-Investor ist dies aber total belanglos. Allerdings verliert er den Glauben, daß das alte Deutschland den Mut zu einem Strukturwandel aufbringen kann. Die Weigerung, sich am Irak-Krieg zu beteiligen, zählt dann nur als weiterer Beleg dafür. Wirtschaftlich ernst zu nehmen ist auch die Ankündigung der US-Regierung, die Stationierung der US-Soldaten in Deutschland zu verringern. Dies würde in der Tat den betroffenen Wirtschaftsregionen erhebliche Einbrüche bescheren. Anlaß für eine solche Maßnahme wäre aber nicht nur die Einschätzung des zwischen den USA und Frankreich außenpolitisch zerkrümelten Deutschlands als militärisch unzuverlässig. Maßgeblicher dürften militärökonomische Argumente sein. Zwei Drittel seiner im Ausland stationierten Streitkräfte auf ein Land zu konzentrieren, entspricht nicht mehr den aktuellen und künftigen Erfordernissen. Der Plan des Pentagons, einen Großteil der US-Soldaten nach Polen und Rumänien zu verlegen, ist auch ökonomisch vernünftig, dürften die Stationierungskosten in diesen Ländern doch erheblich niedriger sein. Und politisch dankbarer sind diese Staaten allemal.

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