Kampf um den letzten Tropfen

Während die angloamerikanische Kriegsmaschine auf Touren kommt, fragt man sich in den deutschen Feuilletons noch immer nach den eigentlichen Ursachen für einen Angriff auf den Irak. Der Lärm im Blätterwald ist inzwischen so laut geworden, daß man die vernünftigen Stimmen kaum mehr wahrnehmen kann. Einer dieser nüchternen Rufer in der medialen Wüste ist der Energie- und Rüstungsexperte Hermann Scheer. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, der auch Präsident von Eurosolar ist und mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, skizzierte in einem Interview mit Spiegel-online vom 10. Januar die eigentlichen Triebkräfte der US-Regierung: „Handfeste Ölinteressen.“ Denn, so Scheer, billig zu förderndes Öl sei in 40 Jahren verbraucht. Damit werde aber bedeutsam, wer einen politisch gesicherten Zugang zu den Quellen habe. Die USA müßten sich diesen Zugang mit allen Mitteln erkämpfen, da 25 Prozent der Welterdölförderung von der US-Wirtschaft verbraucht würden. Die Kontrolle über die Preisentwicklung sei daher für Washington überlebensnotwendig. Außerdem lägen von den 40 Riesenölfeldern, aus denen 60 Prozent der Welterdölförderung stammen, 26 am Golf; die Saudis hätten die größten Reserven, aber schon die zweitgrößten lägen unterm Irak. Und da die Saudi-Ölfelder zehnmal stärker ausgebeutet würden, sei es logisch, daß sie auch eher zur Neige gingen. „Unter dem Irak liegt der letzte Tropfen“, so Scheer. Die von den USA geführten Motive einer „Demokratisierung“ des Irak sind für Scheer Augenwischerei, denn dann hätten sich die USA nie auf die Taliban einlassen dürfen: „Die wurden vor dem Afghanistan-Krieg zum Verhandlungspartner – um Kontrolle zu bekommen über die Öl-Pipeline aus Turkmenistan. Auch jetzt geht es um Kontrolle. Denn Saudi-Arabien ist für Amerika zu einem Unsicherheitsfaktor geworden. Von dort kamen die meisten der Kamikazeattentäter des 11. September“. Wenn aber Saudi-Arabien stürzen sollte, ist ein Angriff dort, im Land von Mekka und Medina, nicht möglich, ohne „einen Flächenbrand in der gesamten islamischen Welt“ auszulösen. Der Irak sei daher die „amerikanische Erdölversicherung, falls die Kontrolle über das saudi-arabische Erdöl verlorengeht. Das ist der Hauptgrund für diesen Krieg.“ Diese nüchterne Argumentation, die nichts Geheimnisumwittertes birgt, gerät bei Spiegel-online gleich in den Verdacht, eine „Verschwörungstheorie“ zu sein. Aber auch dieses beliebte „Schmuddelargument“ (Scheer) pariert der SPD-Politiker gelassen: Das Erdöl sei „das einzige rational nachvollziehbare US-Motiv“, denn er sei der Lebenssaft der Weltwirtschaft. Außerdem habe man 1991 nach der Auflösung des Warschauer Pakts auch eine „weltweite Ressourcensicherung“ in die neue Nato-Strategie einfließen lassen. Die USA machten nun Ernst in dieser Angelegenheit. Warum auch Briten und Franzosen so scharf sind auf einen Waffengang am Golf, erklärt sich Scheer durch ihr wirtschaftliches Engagement in der Erdölbranche: Von den sechs größten Erdölgesellschaften der Welt seien zwei britisch, namentlich BP und Shell. BP sei sogar ein britischer Staatsbetrieb und habe „20 Jahre lang bis in die Verwaltung des Iraks hineinregiert“. Und für die Franzosen gelte, daß einer der sechs größten Ölfirmen ihr Total-Fina-Elf-Konzern sei – für einen Marschbefehl aus Paris reiche das aus. Aber was wäre dann der Ausweg aus dieser Gewaltspirale, die immer neue Energiekriege verursachen wird? Für „Sonnenpapst“ Scheer ist die Antwort denkbar einfach: „Eine Lehre muß sein, daß wir endlich eine Anti-Öl-Strategie entwickeln.“ Dabei müßten aber in keiner Weise die Lichter ausgehen, denn das europäische Potential für Biokraftstoffe reiche für eine fossile Treibstoffunabhängigkeit aus. Diese Strategie sei im übrigen nichts Neues, sogar die USA hätten einmal diesen Weg eingeschlagen, während der Regierungszeit Jimmy Carters: „Unter Carter entstand 1980 eine dicke Studie über die Notwendigkeit vom Ausbau dezentralisierten und erneuerbarer Energien. Sie trägt den Untertitel: ‚Alternativen zur Verletzbarkeit der Nation und zum Krieg‘. Erstellt wurde sie im Pentagon. Ronald Reagan zerschlug diese Ansätze sofort wieder, denn sein Wahlkampf war genauso intensiv von der Ölindustrie gesponsert wie der von Bush“, so Scheer. Demnach dürfte Wirklichkeit werden, vor dem ein anderer „Sonnenaktivist“, Franz Alt, seit geraumer Zeit warnt: Kein Frieden durch die Sonnenkraft, sondern Krieg um Öl. Die einzige Hoffnung sind die Prognosen des Weltenergierats. Sie gehen davon aus, daß das Öl noch etwa 40 Jahre lang sprudeln wird. Die Tage des billigen Öls seien daher gezählt, orakelte sogar die FAZ schon am 1. September 2002. Die Öl-Intressenvertreter dieser Erde werden also vergeblich ihre Bomben werfen, um sich „des Stoffs“ zu bemächtigen: Die heute 20 bis 30jährigen werden das solare Zeitalter schon erleben, und Alt bekäme nachträglich recht mit seinem Credo: „Die Lösung steht am Himmel“.

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