Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Isegrim kehrt in die Lausitz zurück

Deutschlands einziges in freier Wildbahn lebendes Wolfsrudel hat offensichtlich im vergange-nen Jahr Nachwuchs bekommen, teilte am Montag letzter Woche das sächsische Umweltministerium auf einer Pressekonferenz in Dresden mit. Damit dürften derzeit acht bis zehn Tiere in der Oberlausitz nicht nur ein kurzes Gastspiel bestreiten, sondern eine längerfristige Heimat gefunden haben. Wohl um kaum ein anderes Lebewesen ranken noch heute eine solche Vielzahl von Legenden, wie um die Gattung des canis lupus – die Familie der Wölfe. Das Klischee vom „bösen Wolf“ wird nicht nur in Form von Märchen und Sagen von einer Generation zur nächsten weitergegeben, sondern wirkt auch – teilweise unbewußt – in den Vorstellungen einer sich als aufgeklärt betrachtenden Erwachsenenwelt weiter. Die Ernennung des Wolfes zum „Tier des Jahres 2003“ bietet daher einen guten Anlaß, einmal dieses Dickicht von Legenden, Halbwahrheiten, Wahrheiten und Mythen zu durchdringen und sich unbenommen von Vorurteilen intensiver mit dieser Art zu beschäftigen. Geht man von der sozialpsychologischen Theorie aus, daß wir zumeist nicht die uns Fern-, sondern die Nahestehenden am stärksten bekämpfen, weil wir uns in ihnen am stärksten wiedererkennen, so trifft diese sehr gut auf das Verhältnis von Mensch und Wolf zu. Die ersten Kontakte des homo sapiens mit Wölfen kamen nach heutigen Schätzungen wohl schon vor etwa 15.000 bis 20.000 Jahren zustande. Zunächst wurden Wölfe wie andere Tiere aus Nahrungsgründen direkt bejagt. Doch schon bald landeten die aufgefundenen Jungtiere nicht mehr regelmäßig auf dem Speiseteller. Vielmehr wurden sie von unseren Vorfahren in die Nähe ihrer Behausungen geführt und dort aufgezogen. Unter der menschlichen Obhut wurden die Raubtiere sehr zahm und anhänglich, so daß sie oft als Spielgefährten von Kindern eingesetzt wurden. Zwar wurde bereits in der Jungsteinzeit die Fähigkeit des Wolfes erkannt, als guter Begleiter auf Jagden nach Wild Hilfe zu leisten. Doch zunächst stand die Möglichkeit einer Nahrungsmittelreserve für Notzeiten im Vordergrund. Vor etwa 14.000 Jahren gelang erstmals die Züchtung eines Haushundes. Die Urheimat der Wölfe lag im Bereich des mittleren Vorderindien und der arabischen Halbinsel. Ihrer großen Anpassungsfähigkeit und den bereits erwähnten regelmäßigen Kontakten zum Menschen ist es zu verdanken, daß sie bis vor etwa 100 Jahren über ganz Nordamerika bis Mexiko, über England, Mittel- und Osteuropa bis zur Halbinsel Kamtschatka und Japan verbreitet waren. Heute sind sie nicht nur nahezu komplett in Amerika, sondern auch im gesamten mitteleuropäischen Bereich ausgerottet. Da Wölfe jedoch große Entfernungen überwinden können (50 Kilometer innerhalb einer Nacht), kam es auch während der letzten Jahrzehnte häufiger vor, daß Einwanderer aus Osteuropa bis nach Deutschland vordrangen. 1961 und 1976 wurden Wölfe im brandenburgischen Fläming beobachtet, 1979 bei Altstahnsdorf (Nähe Frankfurt/Oder). Heute gibt es einige Regionen, in denen die Ansiedlung einzelner Wolfsfamilien gezielt gefördert wird. Zu ihnen zählen Teile des Alpenlandes, aber auch die bereits eingangs erwähnte Oberlausitz als auch südöstliche Landesteile Brandenburgs. Daß aus den einstigen Gefährten Konkurrenten wurden, war dem massiven Eingriff in die Heimat des Wildtieres durch Menschen zu verdanken, der vor etwa 650 Jahren einsetzte. Durch die Brandrodungen im späten Mittelalter wurden Flächen für Almen geschaffen, auf denen dann Haustiere grasten. Die aus ihrem natürlichen Lebensraum dadurch verdrängten Wölfe ließen sich diese Beute aber häufig nicht entgehen, woraus die Legende vom „bösen Wolf“ entstand. Aufgespürt und gehetzt von ihren Hunde-Verwandten reduzierte sich die Zahl der Tiere bereits in dieser Phase erheblich. Der bis heute äußerst geringe Status des Wolfes ist jedoch vor allem auf religiöse Gründe zurückzuführen. Besonders in den katholischen Gebieten des Alpenraumes, ließ sich der Wolf gut zur Kennzeichnung alles Bösen nutzen. Auch der Begriff „Werwolf“ entstand mutmaßlich Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts; eine Titulierung, die bald auf alle mißliebigen Zeitgenossen angewandt wurde. Mit Wölfen in Beziehung gesetzt zu werden, konnte sich als Todesurteil für den Betroffenen erweisen. Unter der Anklage der Bildung eines „Wolfsbanners“, einer Bestie mit dämonischen Mitteln, wurden noch im 17. Jahrhundert zahlreiche Todesurteile vollstreckt. Aber auch die intensivere naturwissenschaftliche Forschung, die nur ein Jahrhundert später einsetzte, trug nicht dazu bei, dieses Bild auch nur in Teilbereichen zu revidieren. So erhielten die geläufigen Zuschreibungen als „räuberisch“ und „schädlich“ noch eine zusätzliche Absegnung. Nach heutigen Erkenntnissen kann davon ausgegangen werden, daß Wölfe einen Verlust von 50 bis 60 Prozent der Gesamtpopulation eines Jahrgangs problemlos kompensieren können. Ab 60 Prozent ist mit einer Reduzierung der Bestände zu rechnen. Im 19. Jahrhundert wurden für Wölfe im Alpenraum Abschußprämien eingeführt. Damit wurden Quoten von bis zu 85 Prozent des Tierbestandes erreicht, so daß in diesen Regionen bereits um 1860 die letzten größeren Wolfsrudel erlegt wurden. Nur in wenigen abgelegenen Alpeninnentälern konnten etwa hundert Exemplare überleben. Erst in den letzten Jahren hat sich deren aktueller Bestand auf schätzungsweise 400 Tiere erholt. Bei Wölfen gelten stark hierarchische Prinzipien. Jedes Rudel wird von einem „Leitwolf“, dem sogenannten Alpha-Tier angeführt. Auch unter den Wölfinnen wird eine Prinzipalin erkoren. Welche beiden Tiere diese Stellung genießen, wird in Rangkämpfen außerhalb der Paarungszeit, die zwischen Ende Dezember und Anfang März liegt, „entschieden“. Zwischen Leitwolf und Leitwölfin kommt es dagegen nie zu Rangauseinandersetzungen. Ebenso erübrigen sich Balz- und Werbeversuche zwischen diesen Tieren. Beide genießen eine Reihe von Vorrechten: bei der Aufteilung der Beute, der Jagd, bei der Wahl des Revieres und der Fortpflanzung. Jedes Tier des Rudels darf dagegen erst dann fressen, wenn es gemäß seines Ranges an der Reihe ist. Gleiches gilt für die Fortpflanzung. Nur die dominanten Tiere zeugen im Regelfall. Während das männliche Alpha-Tier darauf achtet, daß niemand seiner Geschlechtsgenossen dem dominanten Weibchen zu nahekommt, verhindert das weibliche Leittier die Paarungsversuche der rangniederen Weibchen. Doch die niederen Tiere erleben dafür eine Zeit der „Scheinschwangerschaft“. So können die scheinträchtigen Wölfinnen anstelle des Alpha-Tieres als Amme dienen, wenn die biologische Mutter verhindert ist. Da Wölfe niemals wissen, wann sie das nächste Beutetier erlegen können, haben sie tatsächlich oft einen „Wolfshunger“ und fressen, soviel sie nur können. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind sie keine ausgesprochenen Fleisch-, sondern Allesfresser, die sich in Notsituationen auch über einen längeren Zeitraum von Wildobst und Feldfrüchten ernähren können. Nur nach sehr langen Hungerperioden entfalten Wölfe eine solche Aggressivität, daß sie auch eigene schwache Artgenossen und sogar ihre Winterruhe haltende Bären angreifen. Sicherlich wäre es kurzsichtig, auf schnelle Sicht eine tiefgreifende Verbesserung des Verhältnisses zwischen Mensch und Wolf zu erwarten. Doch durch seriöse Aufklärung sollte es möglich sein, wenigstens die größten und vielfach unbegründeten Ängste zu überwinden, so daß Fälle, wie der vor wenigen Monaten von einem Jäger bei Göttingen unverzüglich erschossenen Wölfin, die einige Tage zuvor aus dem Klingenthaler Tierpark ausgebrochen war, der Vergangenheit angehören.

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