Das verlorene Glück

Jedes Kind, das nicht satt ist, denkt nur noch daran, die Nah-rung herbeizuschreien. Jeder braucht Essen und ein Dach überm Kopf. Ansonsten verraten gerade Kinderaugen, was noch zu einem gelungenen Leben gehört. Da sind sicher die Eltern, auch andere Verwandte bis hin zur sonstigen Mitwelt, den Tieren und Pflanzen. Welche Freude, wenn Katze, Maus, Vögel oder Schmetterlinge auftauchen! Sogar vom Wind bewegte Bäume können die kleinen Geschöpfe verzücken. Mit der Aufklärung allerdings kommt die Desillusionierung. Die Bäume winken nicht, den Vögeln und Schmetterlingen sind wir egal. Der Ökonomismus tritt an die Stelle der Glücksverheißung. Doch nur was dem kindlichen Zauberblick sich offenbart, löst wirkliche Freude aus. Auch das Mitgefühl gehört hierhin. Singvögeln oder Katzen mögen wir egal sein. Wer noch nicht völlig im Ökonomismus aufgegangen ist, nicht nur Wachstumszahlen und Gehaltserhöhungen im Kopf hat, wird die Opfer mit Bedauern sehen, die genau diese vergebliche Glücksuche mit sich bringt: Das Aussterben der Tierarten und das Leid in der Massentierhaltung. Nur wer Kind genug bleibt, in den Artverwandten auch wirklich ähnlichempfindende Geschöpfe zu sehen, wird sie nicht etwas vermeintlich Höherem opfern, sondern genau darin den Tanz um das goldene Kalb erblicken. Diesen Tanz hatte die christliche Religion immerhin begrenzt, wenngleich sie den Menschen selbst in eine gefährliche Nähe zu Gott gerückt hat, bis er glaubte, allmächtiger Herrscher zu sein. Die Erde wird der Mensch aber nie beherrschen, sondern sich damit nur tiefer in die Verzweiflung stürzen und sich die eigene materielle Grundlage zerstören. Dann allerdings ist das Geschrei groß.

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