Auf die Betriebsgröße kommt es an

Regional ist erste Wahl“ – so heißt es griffig beim Öko-Marketing. Denn was in der Nähe des Endverbrauchers produziert wird, muß nicht über Tausende Kilometer transportiert werden. Das Produkt hat daher eine bessere Energiebilanz als gleiche Lebensmittel aus fernen Ländern. Soweit zumindest die landläufige Meinung. Mit der gleichen Hypothese begann 1996 an der Justus-Liebig-Universität Gießen ein Forschungsprojekt am Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement unter Leitung von Elmar Schlich. Die Ergebnisse wurden jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt und bringen die Regionalvermarkter in arge Bedrängnis. Denn die Daten, die inzwischen auch international publiziert und bestätigt wurden, haben ergeben, daß die Transportentfernung für die Energiebilanz von Lebensmitteln praktisch keine Rolle spielt. Der entscheidende Faktor beim Energieverbrauch ist die optimale Auslastung der Produktions- und Transportmittel. Letztlich kommt es also auf eine spezifische Ökologie der Betriebsgröße an. Schlich nennt diesen Sachverhalt neudeutsch „Ecology of Scale“. Für die regionalen Klein- und Kleinstbetriebe bedeutet das, daß sie energetisch mit den größeren Betrieben nicht konkurrieren können. Daher sei es auch nicht korrekt, diese energetisch ungünstig erzeugten Lebensmittel als „ökologisch hochwertig“ zu bezeichnen. Die Gießener Forschungsgruppe konzentrierte sich auf die Energiebilanz bei der Produktion von Fruchtsäften. Für die „Region“ standen hessische Streuobstwiesen, von denen Obstsaft gepreßt und vor Ort verkauft wurde. Verglichen wurde dieser Aufwand mit Apfelsaft, der aus Konzentraten gewonnen wurde, die aus ganz Europa importiert wurden. Aber nicht nur die unmittelbare Saftproduktion fand Eingang in die Kalkulation, sondern jeder Produktionsfaktor, das heißt vom Pflanzen der Apfelbäume bis hin zur verkauften Saftflasche. Als Ergebnis kam heraus, daß kleine Betriebe umgerechnet bis zu einem halben Liter Benzin für die Herstellung und Vermarktung von einem Liter Apfelsaft brauchen. Großbetriebe hingegen benötigen für die gleiche Menge nur ein Zehntel dieser Energie – und zwar unabhängig davon, woher die Äpfel stammen. Erst wenn ein Regionalbetrieb etwa 2.000 Tonnen Apfelsaft pro Jahr erzeugt, hat er eine effiziente Betriebsgröße und kann mit den Industriesäften mithalten. Zu ähnlichen Ergebnissen kam die Forschungsgruppe, als sie im Bereich tierischer Lebensmittel die gleiche Rechnung anstellte. Produktion in Kleinbetrieben braucht dreimal mehr Energie Wieviel Energie ist nötig, bis ein Kilogramm Lammfleisch in der Ladentheke liegt, lautete die Aufgabenstellung. Auch hierbei sollten alle Produktionsschritte – von der Aufzucht bis zur Schlachtung der Tiere – miteinbezogen werden. Die verblüffende Antwort war, daß die regionale Produktion in kleinen Betrieben bis zu dreimal mehr Energie pro Kilogramm erfordert als Lammfleisch aus Neuseeland, das in großen Mengen per Schiff und Lastwagen über eine Entfernung von rund 14.000 Kilometer herangekarrt wird. Allerdings ist den Gießenern bei dieser Aufgabe ein Fehler unterlaufen, denn sie rechneten damit, daß deutsche Bio-Schafe im Winter in Ställen gehalten werden, was zusätzliche Energie verbraucht. Die Bio-Richtlinien verbieten aber die Stallhaltung, so Heinz-Josef Tuneke vom Bioland Landesverband Nordrhein-Westfalen. Trotzdem ist nicht anzunehmen, daß die Energiebilanz zugunsten der Region ausfällt, wenn dieser Fehler berichtigt wird. Mit ihren Ergebnissen haben die Gießener Forscher eigentlich nur bestätigt, was für den „Non-Food“-Bereich schon lange gültig und akzeptiert ist: Niemand erwartet, daß seine Waschmaschine, sein Auto oder die Kleidung aus der eigenen Region kommt bzw. daß sie in vielen kleinen Fabriken hergestellt werden. Trotzdem möchte Elmar Schlich seine Ergebnisse nicht so verstanden wissen, daß regionale Produkte aus kleinen Produktionsstätten grundsätzlich zu meiden seien. Denn für einen günstigen Energieverbrauch können auch die Konsumenten viel tun, zum Beispiel, indem sie nicht mit dem Auto zum nahe gelegenen Fleischer fahren. Aber noch etwas wurde bei diesem Forschungsprojekt, das auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, gänzlich außer acht gelassen: Die ökologische Qualität eines Lebensmittels erschöpft sich bei weitem nicht in seiner Energiebilanz. Um bei dem Apfelsaft zu bleiben: eine Streuobstwiese bildet ein ökologisch wertvolleres Biotop als eine Monokultur (Plantage); sie ist nicht nur „Produktionsstandort“, sonder eher ein Kulturschatz. Außerdem ist direkt gepreßter Apfelsaft lebendiger und daher bekömmlicher als ein denaturiertes Konzentrat, aus dem durch erneute Wasserzugabe wieder ein „Obstsaft“ wird. Und schließlich ist auch das Erlebnis finanziell nicht zu erfassen, wenn eine Familie mit Kindern zu einem Obstbauer in die Nachbarschaft fährt, um dort zuzuschauen, wie der eigene Saft gewonnen wird. Die „Effizienten“ mögen über diese Art von Romantik bestenfalls lächeln, aber in Zeiten, in denen Kinder meinen, die Milch entstünde in der Tüte, ist eine energetisch unsinnige Landpartie eine gute Investition. Letztlich wurde auch nicht der Umstand berücksichtigt, daß die Transportkosten zur Zeit bei weitem nicht alle tatsächlichen Kosten umfassen. Solange aber die fossilen Energieträger trotz Ökosteuer quersubventioniert so billig bleiben, kann niemand behaupten, die Entfernung zwischen Produktion und Konsument sei belanglos. Nähere Information finden sich im Internet unter www.lcacenter.org/InLCA-LCM03 und www.scientificjournals.com/sj/lca

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