Lauern auf die Lücke im Stacheldraht

Majestätisch erhebt sich die Festung von Melilla vor dem Mittelmeer. An ihren Mauern ragen Kanonen hervor, die auf die Seeseite gerichtet sind. Die spanische Exklave in Nordafrika war seit jeher ein strategisch wichtiger Ort. Von den Phöniziern einst als Hafenstadt gegründet, hatte sie bereits für die Römer und Karthager militärischen Nutzen. Restmauern jener antiken Reiche finden sich noch heute unter den Befestigungsanlagen. Später gelangte die heute 65.000 Einwohner zählende Stadt unter islamischen Einfluß, ehe sie 1497 von Spanien in Besitz genommen wurde. Noch heute ist sie Zankapfel zwischen Christentum und Islam, Spaniern und Marokkanern, westlich-europäischer und arabisch-nodafrikanischer Kultur.

Eine Situation des gegenseitigen Bedauerns

Die Kanonen sind verrostet. Dennoch ist die Stadt gesichert wie ein Fort. Wieder. Nicht, weil Marokko Ansprüche auf diese neben Ceuta letzte europäische Kolonie auf dem schwarzen Kontinent erhebt. Vielmehr sind es afrikanische Flüchtlinge, die Spanien in einen von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkten Abwehrkampf verstrickt haben. Längst ist die Festung von Melilla wiedererrichtet worden. Hohe Metallzäune haben die  Steinmauern von einst als Schutzwall abgelöst: Symbole für die Festung Europa, in der EU-Politiker ratlos einer zunehmenden Migration in ihre reichen Industrienationen gegenüberstehen.

Die Situation kommt einem Western-Klassiker gleich. Es gibt zwar keine rauchende Colts, keine Pferde, Cowboys und Saloons. Erst recht keine Indianer. Dennoch steigt Rauch auf, in den Bergen des nur wenige Kilometer von Melilla entfernten Rif-Gebirgsmassivs. Keine Rauchzeichen von Sioux. „Es sind die Migranten“, meint Esteban. Sie leben in den Bergen, derzeit so um die zweitausend, erzählt der 21jährige, der seit zwei Jahren in Melilla lebt, um an der hier ansässigen Außenstelle der Universität von Granada Anglistik zu studieren. Er zeigt auf einen Berg, von dem Rauch aufsteigt. „Dort warten die Flüchtlinge. Um zu überleben, ernähren sie sich von Affen“, erzählt der Spanier. Es ist eine Situation des gegenseitigen Belauerns – wie im Western.

Auf der einen Seite das Fort mit seiner modernen, gut ausgerüsteten Kavallerie, den Grenzpatrouillen der Guardia Civil, einer paramilitärischen Polizei­truppe. In Melilla hat sie eine Kaserne errichtet. Umschlossen von einer hohen weißen Mauer, von deren Kante spitze Glassplitter emporragen. Ringsherum die Indianer: Migranten aus den verschiedenen Staaten Schwarzafrikas, auf  eine günstige Gelegenheit wartend – jenen entscheidenden Moment, in dem es vielleicht gelingen könnte, den Augen der Grenzpolizei zu entwischen und die hohen Zäune zu überwinden. So wie im vergangenen Jahr.

Ein Sturm hatte einen Abschnitt des Zaunes beschädigt, die Gelegenheit zur Flucht war gekommen. Keine Kriegstrommeln, die das Anrennen der Migranten ankündigten. Keine Pfeile, keine Tomahawks. Die Flüchtenden kommen unbewaffnet. Die Guardia Civil dagegen hat Waffen. Schießen darf sie jedoch nicht, lautet ihre Order.

„Manche Polizisten erlitten starke Bißwunden“

„Die Polizisten postierten sich vor den beschädigten Stellen und hielten die anrennenden Flüchtlinge fest“, erinnert sich Esteban an die damaligen Vorgänge. Viele hätten sich „losgebissen“ und seien in die Stadt geflohen. „Manche Polizisten erlitten so starke Bißwunden, daß sie ins Krankenhaus mußten“, schildert der Student.

Melilla hat sich in den vergangenen Jahren zur Eingangstür nach Europa entwickelt. Kriege, Dürren und Wirtschaftskrisen bringen immer mehr Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen – beseelt von der Hoffnung, Geld und ein besseres Leben in den reichen Industrie­ländern zu finden. Sie haben nichts zu verlieren. Sie durchqueren die Sahara-Wüste. Über Algerien gelangen sie nach Marokko, von wo sie versuchen, in die spanische Exklave zu gelangen. Und so entlädt sich vor Melillas Grenzzäunen ein von der europäischen Öffentlichkeit zumeist unbeachteter Nord-Süd-Konflikt.

Gleich drei Metallzäune schirmen die 65.000 Einwohner von Marokko ab. Der äußerste Zaun ist sechs Meter hoch. Er ragt schräg nach außen, um das Hinaufklettern zu erschweren. Nur einen Meter dahinter befindet sich die nächste Hürde, drei Meter hoch. Wieder einen Meter dahinter die dritte Absperrung, ebenfalls von sechs Metern Höhe. Über den Zäunen thronen Wachtürme. In der Nacht ist das Grenzgebiet hell erleuchtet. Hinter den Zäunen befindet sich zudem eine sogenannte neutrale Zone, ehe man marokkanisches Hoheitsgebiet betritt.

An den Grenzstationen bilden sich Autoschlangen. Die Kontrollen sind streng. Auf Fotografieren an diesem Kontrollpunkt reagieren die spanischen Behörden gereizt. „Das ist verboten, bitte kommen Sie mit auf die Wache“, wird auch der JUNGEN FREIHEIT zu verstehen gegeben. Polizisten begutachten die Bilder und teilen ihr knappes, keinen Widerspruch duldendes Urteil mit: „Delete it – Löschen Sie es!“ 

Auch auf einem grenznahen Markt sind Kameras nicht gern gesehen. Marokkaner passieren morgens die Grenze, verkaufen Textilien, Schuhe, Obst. Abends geht es zurück in die Heimat. Das Wohlstandsgefälle zwischen der spanischen Enklave und Marokko ist für sie ein einträgliches Geschäft.

Wer die Flucht nach Melilla trotz scharfer Sicherheitskontrollen schafft, sitzt in der Stadt fest. So wie Mohammed. Der 23Jährige ist aus dem Niger geflohen. Auf einem Lastwagen hatte er sich bis nach Marokko durchgeschlagen. Und gelangte trotz aller Hindernisse nach Melilla. Wie, will er nicht verraten. „Ich bin hier. Nur das zählt“, gibt er in afro-frankophonem Dialekt zu verstehen. Er grinst. „Hier geht es uns sehr gut“, sagt er ein wenig verlegen.

Kuhhandel zwischen Spanien und Marokko

Dennoch möchte auch er weiter: aufs Festland, nach Europa. Aber hierfür sieht er kaum eine Chance. Er habe daran gedacht, sich auf die Autofähre zu schmuggeln oder sich ein Boot aus dem Hafen zu „besorgen“. Doch die Polizeipräsenz ist auch in der Innenstadt hoch, die Kriminalität gering. Niemand möchte eine vorzeitige Abschiebung riskieren, das angenehme Leben in Melilla aufs Spiel setzen.

Weil Melilla und auch Ceuta inzwischen zu gut bewacht sind, versuchen immer mehr Migranten, von der marokkanischen Küste aus das spanische Festland zu erreichen. Doch während die spanischen Sicherheitskräfte angewiesen sind, nicht von der Waffe Gebrauch zu machen, sei es in Marokko nicht unwahrscheinlich, daß auch geschossen werde.

Ist es ein diabolischer Kuhhandel, den Spanien und Marokko offenbar geschlossen haben? Weil das

 muslimische Königreich durch die Abschottung von Ceuta und Melilla die Hauptlast des Migrationsproblems trage, erhalte es von Spanien hohe Geldsummen, um das Problem in den Griff zu bekommen, meint Esteban. Im Gegenzug mäßige sich Marokkos Regierung  mit Gebietsforderungen gegenüber Madrid.

Auch Paul ist vorsichtig – sehr vorsichtig. „That’s secret“, ist die Standard-aussage des 25jährigen. Wo er herkommt? Verrät er nicht. Warum er fortging? Auch nicht. Wie er nach Melilla kam? Möchte er nicht sagen. Was er möchte, ist die spanische Staatsbürgerschaft – um arbeiten zu können, Geld zu verdienen. Im Aufnahmelager gibt es eine Art Taschengeld. Für ihn ist es viel. Er zeigt ein Bild von seiner Familie. Denen will er das Geld schicken. Aber das sei nicht erlaubt. Er spricht Leute in der Stadt an, Spanier. Sie können für ihn den Transfer vornehmen. „Manchmal klappt es“, erzählt er. Wie Mohammed lebt er im Aufnahmelager. Maximal drei Monate darf er bleiben. Dann wird er abgeschoben. „Aber ich komme wieder“, verrät er. Wie? „That’s secret“.

Fotos: Melillas Grenzbefestigungen in Richtung Marokko: Wachtürme und bis zu sechs Meter hohe Sicherheitszäune als Blockadeinstrumente gegen einen drohenden Ansturm, Kontraste: Nicht weit entfernt ernähren sich Menschen von Affen, Wohlstandsgefälle: An der Grenze erzielen Marokkaner hohe Preise

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