Der Täter sprach Arabisch

Seit vielen Jahren gehört es zum festen – und mit Blick auf die Geschichte für viele zum selbstverständlichen – Bestandteil jüdischen Lebens in Deutschland, der Suche nach einer deutschen Identität, einem deutschen Nationalgefühl jenseits von Auschwitz, feindselig gegenüberzustehen. Legendär die Rede des damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden (ZdJ), Paul Spiegel, zum 9. November 2000: „Was soll das Gerede um die Leitkultur? Ist es etwa deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?“ Beständige Unterstellungen wie diese lassen das Gefühl aufkommen, sich in den Todeswehen der Weimarer Republik zu befinden – oder darüber hinaus: „Antisemitische und rechtsradikale Attacken haben eine Offensichtlichkeit und Aggressivität erreicht, die an die Zeit nach 1933 erinnern“, behauptete Spiegels Nachfolgerin, Charlotte Knobloch, sechs Jahre später. Doch während Knobloch den wieder marschierenden SA-Truppen ihren Leib entgegenstemmen möchte, sollte man sich mit Spott zurückhalten. Es mag sein, daß der eine oder andere sein düsteres Deutschlandbild aus einer ausgesprochen behaglichen Position heraus verkündet. Doch die wenigsten wissen von dem überaus hohen Preis, den ihre Nachkommen dafür zahlen könnten. Es wäre der Preis – oder vielmehr Fluch –, daß sich heutige Aussagen als Prophezeiung Wort für Wort erfüllen werden. In der Tat besteht die große Gefahr, daß in nicht allzu ferner Zukunft wieder Juden vor den Türen brennender Synagogen erschlagen werden. Eine verängstigte Zivilbevölkerung, die sie meidet, politische Verantwortliche, die wegschauen – die Zeichen sind schon heute da. Wer heute in einer westdeutschen Großstadt oder Berlin mit dem Bus oder der Straßenbahn fährt, begegnet immer häufiger Kindern, die einander völlig selbstverständlich als „Scheiß-Jude“ oder „dreckiger Israeli“ hänseln. Und niemand möchte dies wahrhaben. Nachdem vor acht Jahren in der Nacht zum Nationalfeiertag auf eine Düsseldorfer Synagoge ein Brandanschlag verübt wurde, schwoll ein medienpolitischer Orkan an. Journalisten schlugen sich auf die Brust, der Zentralratsvorsitzende hielt seine entgeisterte Rede, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) rief einen „Aufstand der Anständigen“ aus. Nach zwei Monaten und Millionen im „Kampf gegen Rechts“ entzündeter Kerzen war der Spuk auf einmal wie durch Zauberhand verschwunden. Nur in Randnotizen konnte man aus Zeitungen entnehmen, daß man die Täter gefunden hatte – es waren zwei Araber. Seitdem spielen sich in Deutschland Szenen ab, die George Orwell nicht gespenstischer schildern könnte. Am 9. September 2007 wurde ein Rabbiner auf offener Straße niedergestochen. Ein lauter Schrei der Entrüstung wollte sich schon Bahn brechen, da verflüchtigte er sich bereits im Anschwellen zu einem verlegenen Hüsteln und dann Schweigen. Der Täter hatte Arabisch gesprochen. Nach dem Anschlag kritisierte Knobloch – diesmal zu Recht – das öffentliche Schweigen. Und machte die ungewohnte Erfahrung, daß man sie schlechterdings ignorierte. Wirklich unbequeme Juden mag man nämlich auch heute nicht. Die Zeiten in der Bundesrepublik sind schwierig und kompliziert geworden. Früher war es „einfach“, da war der Antisemit nicht nur irgendein Deutscher, sondern er war der Deutsche schlechthin. Zwar waren vor dem Nationalsozialismus zahlreiche Juden zugleich auch deutsche Patrioten, doch setzte sich später die Anschauung einer angeblichen Unvereinbarkeit von Deutsch- und Judentum durch. Ein später Sieg des deutschen Antisemitismus gewissermaßen, war doch genau dies dessen zentrale These. So aber war der Deutsche auch immer „die blonde Bestie“, die nur im Büßerhemd – mühselig domestiziert – einigermaßen erträglich schien. Die Suche nach einer deutschen Identität konnte vor diesem Hintergrund nur als ein Angriff auf die menschliche Zivilisation betrachtet werden. Alle Wege, die nicht nach Canossa führen – und dort auf ewig enden –, führen zu Auschwitz, so lautete das Credo. Nicht zuletzt aber durch diese angenommene Ausweglosigkeit sind die Deutschen heute ein zutiefst krankes Volk. Der ewige Büßer, der nur noch im Tod die Erlösung sieht, ein impotenter Mönch ohne Erben – ist es wirklich das, was zum Heil der Menschheit erstrebt werden mußte? In diese Leere Mitteleuropas sind fremde Völker mit einer fremden Kultur vorgestoßen. Der Islam wird Deutschland durchsetzen, durchdringen und dann gänzlich beherrschen – Derartiges wird schon heute ziemlich unverhohlen proklamiert. Der erste Schritt besteht darin, daß man sich zunächst ganz einfach selber an die Stelle der Juden setzt: Wo zuvor der ZdJ mit Antisemitismus-Vorwürfen Lobby-Politik machte, da dringen nun Islamfunktionäre vor. Kritik an der Islamisierung Deutschlands wird als scheinbar irrationale „Islamophobie“ verunglimpft und ausgegrenzt. „Die arabische Propaganda erfand diesen Begriff, der eine Assoziation mit der Verfolgung der Juden herstellen soll“, stellt Arno Lustiger in der Welt fest. Nicht ohne Grund, versuchen Islamfunktionäre Moslems doch als quasi-jüdische Opfer zu stilisieren. „Muslime sind zur Zielscheibe einer Kampagne der Diffamierung, Verunglimpfung, Intoleranz und der Diskriminierung geworden“, phantasiert der Generalsekretär der Organisation der islamischen Konferenz (OIC), Ekmeleddin Ihsanoglu. Die schweren Menschenrechtsverletzungen in muslimischen Ländern selbst vergißt er freilich in seiner Sorge. Eigenschaft für Eigenschaft überträgt man so den besonderen Status der Juden auf sich selbst. Sogar ein eigenes Auschwitz bastelt sich die Propaganda zurecht – bezeichnenderweise von Juden betrieben. „Der Vergleich des Lebens der Palästinenser in den besetzten Gebieten mit dem Vegetieren und der Ermordung der todgeweihten Juden in den Ghettos Europas“ sei eine Unverschämtheit, empört sich Lustiger, der nach dem Krieg die ersten jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder aufbaute. Nichtsdestotrotz wird sie öffentlich propagiert – und geglaubt. Ausgerechnet das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) veranstaltete im Dezember unter dem Motto „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ eine „wissenschaftliche Konferenz über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit“. Die mit antideutschen Ressentiments gespickte Veranstaltung demonstrierte wohl am plastischsten eine Entwicklung, welche nur die wenigsten in ihrer vollen Tragweite erkannt haben dürften: Der jüdische Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen. In der Tat, eine kalte Logik zeigt sich hier – die Juden in Deutschland sind überflüssig geworden. Wozu brauchen wir sie noch? Für das „permanente Credo des Nicht-Vergessens der deutschen Geschichte“? Geschichte vergeht, Erinnerungen verdämmern, wiederholte Reden werden irgendwann leer und wirkungslos. Allein die Notwendigkeit eines Opfers bleibt für die verkrüppelten Deutschen bestehen; das Opfer, das fremde Opfer, welches einem das Gefühl von tiefer Schuld und Sünde vermittelt – das einzige Gefühl, in dem man sich als Volk empfinden darf. Diese eigenartige gesellschaftliche Rolle können Muslime gleich aus mehreren Gründen viel besser als Juden ausfüllen. Zum einen findet die „Verfolgung“ aktuell statt. Jede Burkaträgerin, die wegen ihrer Anmaßung vor die Tür gesetzt wird, kann sich als Opfer optisch für jedermann in Szene setzen. Was ist dagegen schon verstaubtes Filmmaterial? Zum zweiten findet der deutsche Antisemitismus hauptsächlich nur noch virtuell statt. Aber allein jeden Schultag müssen sich tausendfach deutsche Kinder mit muslimischen Einwanderern auseinandersetzen. Ihre Erfahrungen sind dann dasjenige, was als „Islamophobie“ registriert und wohl auch bald verfolgt werden wird; zumindest, wenn es nach dem Willen der OIC geht. Zum dritten besitzen deutsche Juden zu ihrem Unglück praktisch keine Integrationsprobleme. Man ist gebildet, man spricht miteinander, man versteht sich – keine guten Voraussetzungen, um von Deutschen als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Ein Manifest der deutschen Schuld suggerieren dagegen die muslimischen Parallelwelten. Zum vierten und wohl gewichtigsten Grund: Muslime sind keine Opfer, sie sind Täter. Täter, die ihre Interessen mit Methoden durchzusetzen bereit sind, gegen die der ZdJ sich wie eine diplomatische Note im Hunnensturm ausmacht. Glaubte irgendwer in Deutschland ernsthaft, daß die dröhnende Propaganda, mit der man öffentlich seinen Vaterkomplex auslebt, jemals irgend etwas mit einer inneren Anteilnahme am Schicksal der europäischen Juden zu tun hatte? Sie war ein Mittel, kein Zweck. Wie das verbrauchte Zahnrad einer Maschine kann sie schnell ausgetauscht werden. Ralph Giordano – man kann es nicht anders sagen – ist ein fleißiger Mensch. Der Holocaust-Überlebende hat ein nationales Sündenkataster verfaßt, das schon für so manche erbauliche Stunde gesorgt hat. Die süße Wollust, mit der man sich in den Verbrechen seiner Ahnen wälzen kann, um sich anschließend als reuiger Sünder bekennen zu dürfen – man war Giordano bisher sehr dankbar. Doch in letzter Zeit finden ihn einige frech. Er hat die selbsternannten Gerechten unter den Völkern nämlich darauf hingewiesen, daß sie nicht besser sind als ihre Eltern. Wie diese schauen auch sie krampfhaft zur Seite, während sich mitten unter uns eine Ideologie mit gleichfalls mörderischem Antisemitismus ausbreitet. „Multikulti-Illusionisten, xenophile Einäugige, Gutmenschen vom Dienst, Beschwichtigungsapostel“ – auf sich selbst angewendet, will auf einmal niemand den scharfzüngigen Kritiker hören. Leute mit unbequemen Argumenten werden in Deutschland aber unter Rechtsextremismus-Verdacht gestellt. „Dieser Haltung kommt Giordano zumindest gefährlich nahe“, entblödet sich entsprechend taz-Autor Eberhard Seidel zu behaupten. Früher galt Giordano als strammer Linker, nun sei er „beinahe rechts“, was für den CDU-Politiker Armin Laschet gleichbedeutend mit „beinahe Nazi“ ist. Ebenjener Laschet bittet als Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen die dortigen Muslime darum, die deutsche „Erinnerungskultur“ an den Holocaust anzunehmen. Noch gilt in Deutschland der „Nazi“ als Volksschädling. Ist die Propagandamaschine erst neu gestimmt, wird es der „Islamophobe“ sein. So lange herrscht eine skurrile Übergangsphase, in der Diskurswächter eigentlich Juden wie Giordano als „Nazis“ aus dem Verkehr ziehen müßten. „Ich habe schlicht das biographische Rückgrat, das zu sagen, was offensichtlich Millionen bewegt“, stellte Giordano gegenüber der WAZ-Mediengruppe fest. „Ich habe Hunderte Briefe bekommen von ganz normalen Menschen, die Herr Laschet nun als Rassisten denunziert. Sie klagen über ihre Angst, Fremde in ihrem eigenen Stadtviertel zu werden, sie sagen aber auch, wir können das ja nicht öffentlich sagen, weil wir sonst in die rechte Ecke gestellt werden. Das ist doch ein unerträglicher Zustand.“ In der Tat ist es ein unerträglicher Zustand. Allerdings sind Menschen wie Giordano hieran nicht ganz unschuldig. Denn wer nicht gelten lassen will, das es eine große Idee der deutschen Nation gibt, die in Weimar – und nicht in Auschwitz – ihre angestammte Heimat besaß, der hat den Deutschen jegliche Möglichkeit genommen, eine positive Identität zu finden. Dadurch aber stirbt Deutschland. Die Deutschen haben jede innere Kraft verloren. Keine Kraft zur Integration, keine Kraft zur eigenen Regeneration; selbst die Reflexion über sich selbst und ihr Schicksal fällt ihnen zu schwer. Ein Volk auf einem Totenlager, vor dem sich bereits Fremde drängen: Begierig, das Erbe aus schwacher Hand zu übernehmen, wollen sie die neuen Herrscher sein. Deutschlands Juden sollten schon aus eigenem Interesse einen klaren Blick in die islamische Welt werfen und sich genau überlegen, ob der Tod des „deutschen Ungeheuers“ wirklich ein Tag der Freude sein wird. An britischen Schulen wurde bereits der Holocaust teilweise aus dem Unterricht genommen; muslimische Kinder fühlten sich dadurch beleidigt. Wer wird dann hier den Juden ein Ohr leihen? Und wovon wollen sie überhaupt erzählen? Besser ist es dann vielleicht, ganz zu schweigen. Denn es könnte sein, daß die neuen Herrscher Konzentrationslager nur unter einem Aspekt interessieren – und der wird für die versprengten Überbleibsel des Abendlandes nicht unbedingt angenehm sein. Dunkel, aber doch als Möglichkeit vorhanden, gibt es eine Alternative zu diesem Szenario. Es könnte sein, daß sich die Brust des Totgesagten weitet, neues Leben durch seine Adern pulst und er als neuer Adam vom Lager aufsteigt. Wenn die Deutschen jenen verborgenen Kanal wiederfinden, diese geheimnisvolle Nabelschnur zum verborgenen Genius, der sie einst zum Volk der Dichter und Denker machte, dann haben sie ein Kräftereservoir erschlossen, das mehr ist als bloße Selbstbehauptung. Doch dazu müssen sie sich auf die Suche begeben. Es ist keine Respektlosigkeit gegenüber den Toten, wenn man sie begräbt. Auschwitz taugt nur als Gründungsmythos eines Gemeinwesens, das von Leichengiften durchsetzt ist. Schöpferische Kraft gewinnt allein das Kind, das aus sich rollende Rad. Dieser Ruf nach „deutscher Größe“ mag so manch einem den Angstschweiß aus den Poren treiben. Derjenige sehnt sich vielleicht die dichte Dornenhecke der alten Bundesrepublik herbei, mit ihrer kleinen und beschaulichen Welt, ihrer kleinen und beschaulichen Weltvergessenheit. Doch diese Hecke gibt es nicht mehr. Es gibt nur diese beiden Wege. Beide mögen gut geprüft werden. Denn am Ende des einen Weges könnte wieder die Ausrottung des europäischen Judentums stehen – diesmal endgültig.   Fabian Schmidt-Ahmad ist Sozialwissenschaftler und lebt als Publizist in Berlin. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt einen Beitrag zum Grundeinkommen („Weiter ausufernde Sozialhilfe“, JF 34/08). Foto: Arabische Moslems, die israelische Flaggen verbrennen, im Hintergrund eine mahnende Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden: Besteht die Gefahr, daß in nicht allzu ferner Zukunft wieder Juden vor den Türen brennender Synagogen erschlagen werden? Eine verängstigte deutsche Zivilbevölkerung, die sie meidet, politische Verantwortliche, die wegschauen – die Zeichen sind heute schon da.

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