Mut zum ganzen Glaubensschatz

Bei einem Gipfeltreffen der Vereinten Nationen im September 2000 wurde aus Sorge angesichts der globalen Herausforderungen eine Agenda mit acht Entwicklungszielen bildungs-, gesundheits- und umweltpolitischer Art verabschiedet: die Millenniumserklärung. Schön und gut. Aber noch viel wichtiger als der Kampf gegen Krankheiten und Bemühungen um Umweltschutz, so ehrenwert sie im einzelnen sind, ist doch die Rettung des Kulturerbes des christlichen Abendlandes, zumal Zeit und Ewigkeit davon berührt sind und nichts geringeres als das ewige Heil der unsterblichen Seelen auf dem Spiel steht. Man könnte daher von einem vergessenen Millennium-Entwicklungsziel „Christliches Abendland“ sprechen. Im folgenden sollen Gründe für die Glaubenskrise skizziert, sodann konkrete, praktische Lösungsansätze aufgezeigt werden. Wir müssen der Tatsache ins Auge blicken: Gott der Herr ist aus dem öffentlichen Leben verbannt, der christliche Glauben wird nur mehr lau verkündet, wir haben es mit einem großflächigen Glaubensabfall im einst christlichen Abendland zu tun; diese Erscheinungen sind schon so sehr selbstverständlich, daß man sich gar nicht mehr daran stört, sie kaum bemerkt. Gott wird aber nicht aus dem öffentlichen Leben verwiesen, ohne daß solche Torheit nicht schlimme Folgen nach sich zieht. Die Menschen können gegenüber Gott nicht anordnen, was er bei seiner Ausweisung dazulassen hat und was er mitnehmen darf. Wenn man ohne ihn auszukommen hofft, bewahrheitet sich leider allzu oft und tragisch der Psalm: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, bauen vergeblich die Bauleute.“ Ein weiterer wesentlicher Grund für den Glaubensabfall ist der Unwille des modernen Menschen, die eigene Lebensgestaltung nach dem Glauben, den Glaubensinhalten und an unbequemen Geboten ausrichten zu wollen – man denke nur an die Bewegung der Achtundsechziger. Einmal, weil die Bereitschaft zur Demut fehlt, zum anderen, weil die tägliche Erfahrung des ohne Glauben Lebenden vermeintlich lehrt, daß man auch ohne Religion (lat. religio = anbinden) ganz gut leben könne. Die autonome Persönlichkeit kann vom Altar des eigenen Ich sich ihren eigenen Glauben, ihre eigenen Moralvorstellungen usw. nach eigenem Ermessen und, vor allem, nach eigenem emotionalem Empfinden frei und ungezwungen gestalten und lästig gewordene von außen kommende Glaubensnormen einfach vernachlässigen; dies um so eher, als die willkommenen Ablenkungen der Spaß- und Wohlstandsgesellschaft das durch den Glaubensabfall entstandene Vakuum mühelos und gedankenlos auffüllen. Im Gefolge der Konsum- und Spaßgesellschaft sind wir global entwurzelt, unsere Seelen verwildert. Wer kann von sich behaupten, nicht von der Konsummentalität bestimmt zu sein? Wie sehr denken wir doch alle in den Kategorien der „Käuflichkeit“, der „Verfügbarkeit“, des Preises und vergessen dabei oft die wesentlichen und entscheidenden Werte des Lebens, die man eben nicht für Geld kaufen kann, wie das ewige Heil der Seele, Gnade, Glück, Liebe, Freundschaft. Wie oft vergessen wir die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen und daß eben unser Leben auf Erden nur eine Zeit der Vorbereitung auf die Ewigkeit ist. Vielleicht herrscht heute eine allgemeine Frustration und Orientierungslosigkeit gerade wegen dieser seelischen Verwüstung und des Verhungerns der Seelen bei gleichzeitiger Übersättigung mit materiellen Gütern. Verhängnisvoll ist angesichts dieser Lage das Versagen der Kirche – sie versagt durch eine selbstverordnete Selbstzensur und einen lautlosen Rückzug aus einer positiven Welt- und Gesellschaftsgestaltung. Diese Selbstverabschiedung findet ihren Ausdruck in einer sich anbiedernden Menschenfreundlichkeit in der Verkündigung, die allein um des Ansehens des modernen Zeitgeistes willen bewußt Abstriche bei unbequemen Glaubenswahrheiten wie dem Ewigen Leben, Himmel, Hölle, Fegefeuer, Sünde usw. vornimmt. Das alte Sprichwort „An Gottes Segen ist alles gelegen“ gilt eben nicht nur für ein frommes Mütterchen, sondern auch und gerade für die eigenen Reihen der Kirche, die von Gott dazu bestellt sind, den Menschen furchtlos und unerschrocken – „ob gelegen oder ungelegen“ – den ganzen Glauben zu verkünden und nicht aus Menschenfurcht einzuknicken. Aus geradezu panischer Furcht, einer „Weltflucht“ oder gar einer „Jenseitsvertröstung“ bezichtigt zu werden, ist die gegenwärtige Seelsorge und Verkündigung zu einem Mutanten mit Umkehrungsschub geworden, wenn eben nicht vom Jenseits mehr gepredigt wird, sondern nur noch vom Diesseits. Viele Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie nichts Spezifisches erkennen können, was eine beliebige andere Vereinigung mit gemeinnütziger Ausrichtung auch bieten könnte, und empfinden die Zwangsabgabe einer Kirchensteuer als ungerecht und unangemessen. Weiter läßt sich eine erschreckende Säkularisierung der Kirche selbst beobachten. Die Kirche ist ihrer eigentlichen Sendung untreu geworden und steckt fest in der Modernismus-Falle. Papst Benedikt XVI. beschrieb vor der Vollversammlung des Päpstliches Rates für Kultur im März dieses Jahres die Situation der Kirche in einer deutlichen Sprache: „Dieser Säkularismus ist nicht nur eine von außen kommende Bedrohung für die Gläubigen, sondern er zeigt sich seit geraumer Zeit auch innerhalb der Kirche. (…) Darüber hinaus begünstigt die hedonistische und konsumorientierte Mentalität bei den Gläubigen wie bei den Hirten ein Abdriften zur Oberflächlichkeit und zur Egozentrik, das dem kirchlichen Leben schadet.“ Damit ist nichts anderes gesagt, als daß die Kirche selbst hier versagt hat, indem sie den Zeitgeist assimiliert und damit ihre eigentliche Sendung aus dem Blick verloren hat. Längst hat sich die Lebens- und Denkweise von Konsumismus und Hedonismus im Innern der Kirche ausgebreitet und beschränkt sich keineswegs nur auf die Gläubigen draußen in der Welt. Aber gibt es überhaupt noch die Trennung zwischen einer Außen- und Innenwelt der Kirche? Niemand will die Kirche mit undurchdringlichen Klostermauern umgeben, aber eine gewisse Zurückgezogenheit des Klerus von dem Lärm der Straße ist für die Ausbildung und das Wachstum eines Mindestmaßes notwendiger Spiritualität für den Klerus geradezu überlebensnotwendig – wie auch für jeden getauften Christen überhaupt, wenn er nicht über kurz oder lang seinen Glauben in der Welt verlieren will. Aber es nützen weder Jammern noch Schimpfen über das Versagen der kirchlichen Verkündigung und Katechese. Jedem getauften Christen ist die Standesgnade missionarischer Sendung gegeben – im Alltag, im Berufsleben, im Bekanntenkreis. Die Devise muß lauten: „Alles in Christus erneuern“ (hl. Papst Pius X.) und nicht tatenlos jammern! Leben wir im Alltag als erkennbare Christen, verrichten wir beispielsweise auch in der Öffentlichkeit unser Tischgebet sichtbar, oder verstecken wir feige unseren Glauben aus falscher Angst, gesehen zu werden? Wieso nicht das Antidiskriminierungsgesetz positiv gewendet zum Schutz des eigenen Glaubens anwenden und nicht nur immer frustriert mit ansehen, wie so manche Minderheiten mit den widernatürlichsten Ansprüchen ihr Kapital daraus schlagen. Es muß wieder mehr Mut zum ganzen, ungekürzten Glaubensschatz in der kirchlichen Seelsorge gezeigt werden. Mehr gesundes Selbstbewußtsein! Christlich, genauer gesagt, „römisch-katholisch“ heißt nicht engstirnig, einseitig, dumm und rückständig, sondern vielmehr weitblickend, weltaufgeschlossen, fortschrittlich, kulturfördernd sein. Gewaltige Leistungen des Christentums auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Literatur in der gesamten Geschichte des einst christlichen Abendlandes sind Grund zu einem starken Selbstbewußtsein und nicht zu einem Minderwertigkeitskomplex. „Römisch-katholisch“ heißt nicht Mitglied irgendeiner Sekte sein, sondern Glied der Weltkirche, die von Christus gestiftet ist. Jesus sagt: „Wenn aber das Salz schal wird, womit kann man dann salzen? Es taugt zu nichts, als daß es auf die Gasse geworfen und von den Leuten zertreten wird“ (Mt. 5, 13). Wenn wir auf manche Fäulnis treffen, denken wir auch daran, daß dies am Salz, also an uns gelegen ist? Nicht das Versagen ist so schlimm wie das Nicht-Lernen-Wollen aus der Glaubens- und Kirchenkrise. Eine dringende Rückkehr zum Missionsauftrag Christi (Mt. 28,18) und nicht eine bequeme, selbstzufriedene Selbstgenügsamkeit ist der Weg aus der Kirchenkrise. Sündigen und fatale Fehler begehen, ist eine Sache; aber noch viel schlimmer ist es, nicht aus den Fehlern des eigenen Lebens und der Geschichte zu lernen und die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Die wahre Quelle kirchlicher Seelsorge will wiederentdeckt werden: Gebet, Anbetung – und nicht Show. Nicht medienwirksame Inszenierung und Massenveranstaltungen sind das Gebot der Stunde, sondern die selbstvergessene, demütige Anbetung des eucharistischen Heilandes im Tabernakel und in der Monstranz wird sowohl den Gläubigen als auch dem Klerus die Kraft und die Gnade geben, den Glauben mutig und entschlossen den suchenden Menschen zu verkünden. Deshalb gilt es, die wahre heilige Messe im überlieferten Ritus als das Herz des Glaubens wiederzuentdecken und daraus auch im Alltag zu leben. Verstehen wir überhaupt noch das Geheimnis des Meß- und Kreuzesopfers und seine unbedingte Notwendigkeit zur Rettung der Welt? Alles Heil hängt von der heiligen Messe ab. Ohne sie können wir nichts tun. Ohne die Messe würde der Gnadenstrom des Kreuzes versiegen. Und weiter muß die gottlose Indifferenz als Gefahr erkannt und beseitigt werden. Der vermeintlich „neutrale“ Staat ohne Gott widerspricht ganz und gar dem Naturgesetz und der christlichen Religion und ist zum größten Schaden der Gesamtheit. Aber wir dürfen nicht ruhig zusehen, wie die ganze Welt entchristlicht und entgöttlicht wird! Denn das künstlich geschaffene Vakuum bleibt nicht lange stabil, sondern wird anstelle Gottes mit den menschenverachtenden Götzen der Moderne ausgefüllt. Allzu schnell tritt an die Stelle der Verbannung Gottes aus dem öffentlichen Leben eine widernatürliche Selbstvergottung des Menschen oder, was noch verheerender ist, ein vergotteter Staatsapparat, der nicht mehr die oberste Pflicht und Sendung darin sieht, Gott und den Bürgern zu dienen, sondern immer mehr in die von Gott dem Menschen geschenkten grundlegenden Rechte und Freiheiten eingreift. Wir müssen uns der ganzen Wahrheit stellen und nichts auslassen: Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott. Das irdische Leben des Menschen ist eine Zeit der Prüfung und alltäglicher Glaubensbewährung. An die Stelle der Gottlosigkeit soll wieder eine ganzheitliche Sichtweise treten, die dem Verhältnis von Schöpfer zu Geschöpf und von Heil zu Sünde angemessen Rechnung trägt. Am Schluß bleibt zusammenfassend als unser aller Auftrag, missionarisch zu wirken, Verantwortung zu übernehmen und die Welt positiv zu gestalten. Lernten wir doch zu verstehen, daß keiner für sich allein da ist. Mögen wir doch mit einem lebendigen Bewußtsein der Verantwortung für alle Mitmenschen, mit apostolischem Seeleneifer und Mut erfüllt werden! Treten wir verantwortungsvoll für unseren christlichen Glauben ein: durch gelebtes Beispiel, durch Gebet, durch gute Werke – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nicht Lamentieren und Kritisieren, auch nicht das Beschwören apokalyptischer Gesetzmäßigkeiten und vorhergesagter Abläufe machen die Welt besser, sondern die gelebten Ideale in unserem individuellen Lebensbereich. Nur ein unerschütterliches Gottvertrauen wird auch dieses – sicherlich nicht das erste – Tal der globalen Glaubens- und Kirchenkrise siegesgewiß durchschreiten lassen. Gottvertrauen ist besser als vermessenes Selbstvertrauen und läßt auch in schier ausweglosen Situationen des Lebens immer einen Ausweg christlicher Hoffnung erblicken. Denn in Gottes Hand ist alles gelegen! Pater Dr. Thomas Jatzkowski FSSPX, Jahrgang 1970, ist Prior des neu errichteten Priorates Hamburg der katholischen Priesterbruderschaft St. Pius X. Abbildung: Betende aus allen Generationen unter dem Kreuz: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, bauen vergeblich die Bauleute.“

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