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Freiwild und Sündenbock zugleich

Es ist Sonnabend, der 4. Oktober 2008. In Deutschland diskutiert man — wie wohl fast überall auf der Welt — über die Finanzkrise und wie schlimm die virtuellen Zahlen noch für die reale Wirtschaft werden. Doch während man hierzulande über Geld spricht, droht den Christen im Irak eine ganz andere Gefahr. Es ist die Gefahr für Leib und Leben. Sie ist nicht virtuell. Sie ist real. Die Christen des Zweistromlandes kämpfen längst um das nackte Überleben. Sie sind einer Willkür islamischer Extremisten ausgesetzt, die ihre einstigen Nachbarn inzwischen zu Freiwild erklärt haben. An diesem  4. Oktober entschließt sich ein 17 Jahre alter muslimischer Jugendlicher in der nordirakischen — inzwischen arabisch geprägten — Stadt Mossul (Nîněwâ), die 14 Jahre alte christliche Tochter seines Nachbarn zu vergewaltigen. Das Mädchen schreit. Die Eltern eilen herbei. Auch sie schreien, wollen die Tat verhindern. Sie werden von ihren muslimischen Nachbarn zurückgehalten. „Wenn er es nicht tut, dann tut es später jemand anders“, ist die Antwort der Nachbarn. Das Mädchen wird vergewaltigt. Einen Tag später fallen Schüsse. Ein Kind wird getroffen. Es stirbt. Es ist ein christliches Kind. Erschossen von islamischen Extremisten. Sein Vergehen: Es hatte mit einem muslimischen Kind gemeinsam gespielt. Ein Vergehen, das in diesen Zeiten in Mossul für einen Christen bereits das Todesurteil bedeuten kann. „Die Menschen in Deutschland können sich meist gar nicht vorstellen, was den Christen im Irak derzeit widerfährt“, sagt Sabri Alkan, erster Vorsitzender der Assyrisch Demokratischen Organisation in Europa (ADO). Alkan lebt schon lange in Deutschland, seit mehr als 20 Jahren. Zu jenen schicksalhaften Ereignissen, wie sie Anfang Oktober vielerorts im Irak geschahen, war aber auch er im Gefahrengebiet. Alkan reiste am 2. Oktober an die türkisch-irakische Grenze. In einer Kolonne von fünf Autos fuhr er in den Irak. Allein drei der Wagen waren mit Polizisten besetzt — zur Sicherheit. „Ohne Schutz ist das Risiko zu groß“, sagt Alkan. Die Polizisten fahren voraus, beobachten den Weg, halten Ausschau danach, ob Anschläge von islamischen Extremisten drohen. Jene religiösen Gotteskrieger halten engen Kontakt zu Osama bin Ladens Terrororganisation al Qaida, wie Sabri sagt. Er fährt nach Dohuk. Die 500.000 Einwohner zählende Stadt liegt nahe der türkischen Grenze in der autonomen Region von Kurdistan. Dort trifft Sabri sich mit Vertretern seiner Organisation, informiert sich über die aktuelle Lage. Später geht es weiter nach Arbil, den kurdischen Regierungssitz im Irak. Sabri spricht mit dem Parlamentspräsidenten, will erreichen, daß  die Rechte der Christen in die irakische Verfassung aufgenommen werden. „Irak ist eine arabische Republik“, ist da derzeit zu lesen. Und: „Staatsreligion ist der Islam.“ „Die Weltöffentlichkeit darf nicht mehr schweigen“, heißt es in einer Erklärung der ADO. So vollziehe sich  im Irak ein schleichender Genozid an den christlichen Assyrern. Muslimische Extremisten drohen, die als ungläubig geltenden Christen zu ermorden, sollten sie nicht zum Islam übertreten. „Viele tun es aus Angst“, erklärt Sabri Alkan. Und er weiß: Ist jemand erstmal zum Islam konvertiert, dann bleibt er meist auch Moslem. Zu schwer seien die Repressalien, mit denen Menschen zu rechnen hätten, wenn sie dem Islam abschwören. Und jenen, die trotz aller Widrigkeiten ihren christlichen Glauben behalten, bleibt oft nur die Flucht. Allein zwischen dem 28. September und dem 16. Oktober mußten rund 10.000 Christen ihre Heimat verlassen und in die Ninive-Ebene fliehen. Weil ihr Leben akut gefährdet war. Wegen Bombenanschlägen. Wegen Wohnungseinbrüchen. Und weil inzwischen wahllos auf sie geschossen werde. Allein in den letzten vier Jahren haben von den einstmals 200.000 Christen in Mossul rund 90 Prozent die Stadt verlassen. Die Ninive-Ebene und Irakisch-Kurdistan sind die letzten Rückzugsgebiete für die Christen. In der Ninive-Ebene stellen die Christen mit den Yeziden, den Schabak und Kurden die Bevölkerungsmehrheit. Sabri Alkan ist auch hierher gereist. Mit seiner ADO setzt er sich für einen Autonomie-Status dieser Region ein. Für die Christen im Irak würde das mehr Sicherheit bedeuten. Und einen Rückgang der Fluchtbewegungen aus dem Irak. Wer in Mossul bleibt, dem verlangen extremistische Muslime eine „Djizja“ genannte Schutzsteuer ab. Die Zahlungen seien der Preis für die Erlaubnis, in der Stadt zu leben und den eigenen Glauben weiter praktizieren zu dürfen.  Doch ein Ende des Christentums in dieser Stadt ist abzusehen — so wie das Christentum zuvor auch schon in Bagdad praktisch geendet hat. In der Zeit von 2003 bis 2007 seien allein in Mossul 104 Christen getötet worden, sagt Alkan. In Bagdad waren es sogar 331 Tote. Kinder, Jugendliche und Priester werden entführt, um von den Angehörigen Lösegeld zu erpressen, das dann oftmals in den Terrorismus reinvestiert wird. Frauen werden vergewaltigt, ganze Familien ausgelöscht. Christinnen haben sich wie muslimische Frauen zu kleiden. Christliche Kirchen werden zerbombt und zerstört. Zudem werden religiöse Erlasse, sogenannte Fatwas ausgesprochen, die Tötung und Vertreibung von assyrischen Christen erlauben und legitimieren. Hunderttausende Assyrer sind inzwischen nach Syrien, Jordanien oder in die Türkei geflüchtet. Der Volksgruppe, die das Christentum als eine  der ersten angenommen haben, droht die Gefahr, vollkommen entwurzelt zu werden. Einige der verfolgten Christen sind auch nach Deutschland geflüchtet. Wie etwa Rita Giorgis. Die 38jährige hatte bereits 1998 den Irak verlassen. Schon damals seien Christen bedroht worden, sagt sie. Ihre Heimatstadt Kirkuk ist seit mehr als 50 Jahren eine umstrittene Stadt zwischen Kurden und der irakischen Regierung in Bagdad. Stets habe es Versuche gegeben, die Stadt zu arabisieren. Arabische Familien erhielten von der Regierung bis zu 30.000 Dollar, wenn sie sich in Kirkuk ansiedelten. Doch im Vordergrund habe damals nicht die religiöse, sondern die ethnische Frage gestanden, sagt Kamal Sido, Nahost-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Doch als Anfang der neunziger Jahre mit dem Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait der erste Golfkrieg begann, eskalierte die auch zuvor schon nicht einfache Situation für die Christen. „Als Hussein zum heiligen Krieg gegen die Amerikaner aufrief, sprach er von den Kreuzzügen des Westens“, erinnert sich Rita Giorgis. Christliche Chaldäer wie sie wurden plötzlich als Verkörperungen des Westens angesehen und mußten als Sündenböcke herhalten. „Gegen die Amerikaner konnte man nichts machen, weil sie bewaffnet waren, aber den christlichen Nachbarn konnte man peinigen“, schildert Kamal Sido die Situation. Immer wieder wurden fortan irakische Christen entführt, um von deren Familien Lösegeld zu fordern. Nicht selten seien die Leute auch nach der Zahlung umgebracht worden, meint Sido. Ende der neunziger Jahre geriet auch die Familie von Rita Giorgis in Gefahr. „Mein Mann wurde zweimal von der Hussein-Regierung festgenommen“, erinnert sich Giorgis. Längst war bekannt geworden, daß ihre Familie Verwandte im Ausland hatte. Und somit bestand Gefahr, daß auch aus ihrer Familie jemand verschleppt werden könnte. Als sie schwanger war, wurde auch Rita Giorgis festgenommen. Man verlangte von ihr, in den Nordirak zu gehen, um dort die Kurden sowie westliche Hilfsorganisationen auszuspionieren. Giorgis willigte zum Schein ein. Doch statt zu spionieren, nutzte sie mit ihrer Familie die Gelegenheit zur Flucht. Über die Türkei gelangten sie nach Deutschland. Sie hatten Glück und bekamen Asyl. Selbstverständlich ist das nicht. Denn die Aufnahme der irakischen Christen ist umstritten. „Zum einen wird die Aufnahme aus humanitären Gründen befürwortet. Wenn sie jedoch kommen, dann kommen alle. Und das wäre das Ende des Christentums im Irak“, nennt Kamal Sido den Grund für die Zurückhaltung, die vor allem bei christlichen Organisationen besteht. Zudem erkläre die irakische Regierung unter Nuri al-Maliki, daß sie den Schutz der Christen im Irak sicherstelle. „Aber das sind leere Worte“, sagt Sido. Gegenüber den USA habe die Regierungspartei zwar behauptet, daß sie keine islamistische Partei sei. Ihr Name jedoch lautet al Dawa — Partei der Missionierung.   Stichwort: Organisationen im Einsatz für verfolgte Christen Christian Solidarity International (CSI-Deutschland gGmbH) Valpichlerstr. 82a 80686 München Tel.:  089 / 58 99 75 50 Fax: 089 / 58 99 75 51 www.csi-de.de   Evangelische Allianz Arbeitskreis Religionsfreiheit — Menschenrechte — Einsatz für verfolgte Christen Friedrichstraße 38 53111 Bonn Tel.: 02 28 / 96 50 38-2 Fax: 0228 / 96 50 38-9 www.ead.de   Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Postfach 2024 37010 Göttingen Tel.: 05 51 / 499 06-0 Fax: 05 51 / 580 28 www.gfbv.de   Hilfsaktion Märtyrerkirche e.V. Tüfinger Straße 3 88690 Uhldingen-Mühlhofen Tel.: 0 75 56 / 92 11-0 Fax: 0 75 56 / 92 11-40 www.h-m-k.org   Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) Deutsche Sektion e.V. Borsigallee 9 60388 Frankfurt am Main Tel: 069 / 42 01 08-0 Fax: 069 / 42 01 08-33 www.igfm.de   Kirche in Not — Katholisches Hilfswerk / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V. Albert-Roßhaupter-Str. 16 81369 München Tel.: 089 / 760 70 55 Fax: 089 / 769 62 66 www.kirche-in-not.de   Open Doors — im Dienst der verfolgten Christen weltweit Postfach 1142 65761 Kelkheim Tel.: 061 95 / 67 67 00 Fax: 061 95 / 67 67 20 www.opendoors-de.org Foto: Autobombenanschlag vor einer Kirche in Bagdad (August 2004): Eine irakische Nonne blickt entsetzt auf die ausgebrannten Wracks

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