Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Reihen fest geschlossen

Vierzig Jahre spielen in der Zeitspanne von Menschenleben und Völkerschicksalen eine große Rolle", heißt es in der als "groß" apostrophierten Rede, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Deutschen Bundestag hielt. Er begründete das mit der Bibel. "Vierzig Jahre sollte Israel in der Wüste bleiben, bevor der neue Abschnitt in der Geschichte mit dem Einzug ins verheißene Land begann. Vierzig Jahre waren notwendig für einen vollständigen Wechsel der damals verantwortlichen Vätergeneration."

Vierzig Jahre nach 1968 sind die mehr oder weniger jugendlichen Rebellen von damals, die sich als Überwinder ihrer in der NS-Zeit sozialisierten Vätergeneration definierten, selber zur Vätergeneration geworden. Hier zu erörtern, ob sie uns in die Wüste oder ins verheißene Land geführt haben, ist müßig. Jedenfalls haben sie gesiegt, und das in einem ganz umfassenden Sinne. Erstens haben sie die Institutionen erobert, zweitens haben sie diese umgeformt, drittens bestimmen sie, wie über ihren Siegeszug geredet werden darf.

Als vor einigen Jahren der damalige Außenminister Joschka Fischer wegen seiner früheren Mitgliedschaft in der Frankfurter Anarcho- und Prügelszene unter Druck geriet, da hoben er und seine Verteidiger mahnend den Zeigefinger: Solche Kampagnen beleidigten eine ganze politische Generation, die doch Unverzichtbares bei der Bewältigung der deutschen Vergangenheit geleistet habe! Aus Verantwortung vor ebendieser Vergangenheit könne die noch junge Demokratie in Deutschland sich die Hetze gegen einen prominenten, geläuterten Demokraten gar nicht leisten.

Die schwächliche bürgerliche Opposition hatte dieser moralistischen Begriffsverwirrung nichts entgegenzusetzen. Zur Sondierung der politisch-geschichtlichen Lage, die sich in ihr widerspiegelte, war sie außerstande, hatte sie diese doch längst als quasi naturgegebene Grundlage deutscher Politik verinnerlicht.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der kaum je benannt wird: Keiner der Fischer-Gegner warf die naheliegende und offensive Frage auf, ob ihn seine Gewaltbereitschaft vielleicht ins Fadenkreuz ausländischer Geheimdienste geführt hatte und ihm deshalb objektiv die Fähigkeit abging, die deutsche Außenpolitik unbefangen zu leiten. Der Grund für diese Unterlassung liegt wohl darin, daß man fürchtete, gegebenenfalls die Interessen "befreundeter" Geheimdienste zu berühren, die zu desavouieren man nicht wagte, nicht wagen konnte. Die politisch-geistige Dominanz der 68er in Deutschland hat neben der innenpolitischen eben auch eine internationale Bedeutung und Verankerung innerhalb der seit 1945 entstandenen Nachkriegsordnung.

Damit gerät in diesem Jahr neben dem 68er-Jubiläum ein zweites magisches Datum in den Blick: die sogenannte Machtergreifung der Nationalsozialisten vor 75 Jahren. "Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen", hatte von Weizsäcker 1985 gesagt. Das war nicht falsch, bedeutete in dieser Absolutheit aber eine Verzerrung der Geschichte – schließlich hatte das Jahr 1933 auch einen schuldhaften internationalen Vorlauf – und zugleich eine Teilkapitulation des liberal-konservativen Bürgertums vor der 68er Geschichtsinterpretation.

Die Kapitulation ist heute total, was sich darin zeigt, daß – um die Weizsäcker-Perspektive umzukehren – das Jahr 1933 mit dem Jahr 1945 in einer derart zwanghaften Weise verkoppelt wird, als hätte es 1933 eine bewußte und folgerichtige Entscheidung der Deutschen für die furchtbare Destruktion gegeben, die 1945 offenbar wurde. Aus diesem ahistorischen, moralistischen Nexus leitet sich die innere und äußere Vormundschaft über Deutschland ab. Um es zuzuspitzen: Die geistig-kulturelle Hegemonie der 68er beruht darauf, daß es gar kein öffentliches historisches Bewußtsein vom Jahr 1933 gibt, das diesen Namen verdient.

Die unmittelbar nach dem Reichstagsbrand veröffentlichte Notverordnung, die den SA-Terror staatlich sanktionierte, war pathetisch-pomp-haft überschrieben: "Verordnung zur Behebung der Not von Volk und Reich". Ein wenig erklärt das die Ergebenheit, mit der sie aufgenommen wurde. Der Titel appellierte an das allgemeine Krisenbewußtsein und die Bedrohungsfurcht vor dem Kommunismus und an ein idealistisches Geschichts- und Kulturverständnis, das sich sträubte, durch einen Utilitarismus amerikanischer Prägung verdrängt zu werden, der übrigens auch linke Hitler-Gegner empörte und für den sie den abfälligen Begriff "Kulturindustrie" prägten. Selbst Gottfried Benn stieg vom Hochsitz des Weltekels herab und stürzte sich ins Getümmel, weil er im Dritten Reich ein neues, positives Lebensgefühl zu spüren meinte. Doch damit war es schnell vorbei. Benn schrieb von einem "innerdeutschen Versailles", das Deutschland sich bereite: "in der Küche selbstgezüchtetes Rapsöl (…) und als Kunst und Innenleben funkisch gegrölte Sturmbannlieder". Die egalitäre Massengesellschaft wurde nicht überwunden, sie wurde lediglich durchideologisiert und -strukturiert und dadurch um so bösartiger. Der propagandistische Rekurs auf deutsche Traditionsbestände sorgte für deren vermeintliche NS-Kontaminierung. So war der Boden bereitet für die spätere, durchpolitisierte Kulturrevolution.

1968 hatte zwei Ebenen: eine kulturelle und eine politisch-ideologische. Bezeichnenderweise haben die deutschen 68er nichts hervorgebracht, was man Jimi Hendrix‘ Wundergitarre oder dem psychedelischen Sound eines Jim Morrison nur annähernd zur Seite stellen könnte. Desto verbissener und bösartiger wirkten die politischen Ideologen unter ihnen. Wird "1968" sich als Vexierbild herausstellen, in dem "1933" heimlich eingeschrieben steht? Aber selbst dieser Nachweis garantierte allein noch keinen Auszug aus der Geschichtswüste.

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